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Landflucht : Wo das Glück wohnt

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Idylle zwischen Hochbeeten: Wie könnte man Einradfahren besser lernen als mit Hilfe eines Rollators? Bild: Daniel Pilar

Sterbende Dörfer? Lüchow in Mecklenburg-Vorpommern blüht. Es gibt eine Schule, einen Kindergarten und altersgerechtes Wohnen. Wie ist das gelungen?

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          Also, er habe hier noch keinen echten Hippie gesehen, sagt Nathanael Schmidhuber und streicht sich schmunzelnd eine Haarsträhne hinters Ohr. Er weiß, dass er damit viele Menschen überrascht, die von außerhalb nach Lüchow kommen, um sich das selbsternannte „lebendige Dorf“ einmal aus der Nähe anzusehen. In ruhigem Schritt ist das in nur fünf Minuten zu machen. Denn Lüchow besteht lediglich aus einer einzigen Straße, die etwa zwei Dutzend Häuser miteinander verbindet. Knapp achtzig Menschen leben hier, und jeder von ihnen hat eine großartige Aussicht auf die hügeligen Feldern und Wiesen, die das Dorf umgeben und die Mecklenburgische Schweiz zu einem beliebten Urlaubsziel machen. Achtzig. Das klingt nicht viel, ist aber eine Steigerung um das Zwanzigfache seit 2003. Damals lebten hier nur noch vier Rentner, und Lüchow drohte so zu enden, wie viele Dörfer in Mecklenburg-Vorpommern endeten, die nach der Wende verwaisten, weil die jungen Leute weggezogen und weggeblieben sind.

          Der Mann, der für Lüchow die Wende brachte, grüßt freundlich winkend und führt barfuß durch das Dorf, das er mit seiner Familie 2003 zu seiner Heimat erklärte. „Wir sind im Urlaub hängengeblieben“, sagt Johannes Liess. Eine Entscheidung, die an diesem herrlichen Sommertag leicht nachzuvollziehen ist. Die Kinder der Familie waren damals zwei und vier Jahre alt, die Frage nach der Schule würde sich bald stellen und die Eltern mit zwei Problemen konfrontieren: Von der Grundschule, die einige Dörfer entfernt lag, waren sie nicht überzeugt, und die Kinder jeden Tag stundenlang spazieren fahren wollten sie auch nicht. „Wenn Erstklässler heulend nach Hause kommen und morgens nicht in die Schule wollen, läuft etwas falsch“, findet Liess. Ihn stört vor allem der Leistungsdruck und die fehlende kreative Freiheit an öffentlichen Schulen. Alternativen gibt es auf dem Land aber in der Regel nicht. Seit 2007 schlossen in Mecklenburg-Vorpommern fünfzig Schulen. Selbst für Eltern, die keine besonderen Wünsche haben, was die Schule betrifft, bedeutet das oft lange Fahrtwege.

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