https://www.faz.net/-gum-8kj4o

Amerika : Reif für das Festland

Weggespültes Haus in Shishmaref Bild: AP

Ein Dorf in Alaska will vor dem Klimawandel fliehen, denn die Siedlung läuft Gefahr weggespült zu werden. Doch die Kosten für den Umzug sind enorm hoch.

          2 Min.

          Es war eine Abstimmung über ihre Zukunft. Genauer: über die Zukunft ihres Dorfs. Der frühere amerikanische Präsidentschaftskandidat Al Gore hatte die 600 Einwohner von Shishmaref einst als „erste Klimaflüchtlinge der Erde“ bezeichnet. Der Grund: Shishmaref, ein Dorf an der Westküste Alaskas, gleich oberhalb der Beringstraße gelegen, droht davongespült zu werden von den Stürmen aus der Tschuktschensee. Die Klimaerwärmung führte dazu, dass die Küste, an der Shishmaref liegt, immer stärker erodiert – und den Menschen buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Früher schützten das Packeis und der Permafrostboden das Dorf auf der schmalen Insel Sarichef wie eine Rüstung vor den Wellen, die von Norden her auf die Küste einhämmern. In den vergangenen 50 Jahren aber stiegen die Temperaturen im nördlichsten Bundesstaat der Vereinigten Staaten um bis zu vier Grad Celsius. Mit weitreichenden Folgen: Das Packeis zieht sich immer früher und immer weiter zurück, der Permafrost weicht immer tiefer auf – und die Welt der Menschen in Shishmaref gerät immer mehr ins Wanken. Vor zehn Jahren schon erregten die Bilder der Häuser, die über die von den Wellen zerfressenen Klippen kippten, großes Aufsehen. Die Zukunft des Dorfes stand auf der Kippe – und Shishmaref wurde zum Symbol für die verheerenden Folgen des Klimawandels.

          Kosten höher als 180 Millionen Dollar

          Schon damals war der Umzug des Dorfs auf das Festland erwogen worden – bis klar wurde, dass die Umsiedlung nach Schätzungen 180 Millionen Dollar kosten würde. Und dass neben Shishmaref neun weitere Dörfer in Alaska ähnlich akut vom Untergang bedroht sind, Shishmaref also ein teurer Präzedenzfall werden könnte. Seither herrschte Ungewissheit, wie und wo es weitergehen sollte.

          Am Mittwoch nun sprachen sich die Dorfbewohner in einer Abstimmung mit 89 zu 78 Stimmen für eine Umsiedlung auf das Festland aus. Allerdings sei noch gar nicht klar, wo das neue Zuhause genau liegen solle, sagte Donna Burr, eine Mitarbeiterin der Gemeindeverwaltung, der Nachrichtenagentur UPI. Die Einwohner müssten sich in einer Dorfversammlung erst noch auf einen geeigneten Ort einigen.

          Das ist längst nicht das einzige Hindernis, das dem Umzug entgegensteht. „Inzwischen wären die Kosten noch viel höher als die vor 15 Jahren geschätzten 180 Millionen Dollar“, sagte Donna Burr. „Wir werden den Umzug in unserem Leben wohl nicht mehr erleben, angesichts der unklaren Finanzierung.“ Schließlich hatte das Dorf schon 2002 einmal mehrheitlich für eine Neuansiedlung auf dem Festland votiert. Jetzt gehe es darum, sagte Burr, den Kindern der Familien einen Weg in die Zukunft zu weisen. Mit dem gleichen Argument freilich sprechen sich die „Remainers“ für den Verbleib auf der Insel aus. Sie fürchten, dass die junge Generation durch den Umzug aufs Festland Traditionen und Lebensweise der Inupiat verlieren könnte.

          Weitere Themen

          Tödliches Zugunglück bei Prag

          Tschechien : Tödliches Zugunglück bei Prag

          Ein Nahverkehrszug rammt spät am Abend einen Güterzug, mindestens ein Mensch stirbt und Dutzende werden verletzt. Es ist die zweite derartige Kollision in Tschechien innerhalb einer Woche.

          Topmeldungen

          Eine Hilfsorganisation bietet in Homestead, Florida, kostenlose Coronatests für Bedürftige an.

          Arbeitslose Amerikaner : Ohne Krankenkasse durch die Pandemie

          Mehr als fünf Millionen Amerikaner haben in den ersten vier Monaten der Corona-Pandemie ihre Krankenversicherung verloren. In Texas oder Florida ist jeder Fünfte nicht versichert. Was passiert, wenn sie an Covid-19 erkranken?

          Kritik an Manchester City : Guardiola attackiert Klopp und Mourinho

          Manchester City erhält doch keine Europapokal-Sperre. Die Kritiker sind entsetzt ob des Urteils. Pep Guardiola geht prompt zur Gegenattacke über – und bekommt wohl ziemlich viel Geld für eine Transferoffensive.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.