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Dompteur Walliser : Den Fängen der eigenen Tiger entkommen

  • -Aktualisiert am

Noch immer todesmutig: Christian Walliser ein Jahr nachdem seine Tiger ihn fast zerfleischt hätten im Zirkus Barelli Bild:

Vor einem Jahr bissen ihm seine Raubkatzen fast den Kopf ab. Christian Wallisers Überlebenschancen schienen anfangs gering, elfmal wurde er operiert. Vollständig gesundet ist er zwar noch nicht, doch nun steht er wieder in der Manege.

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          An viel kann sich Christian Walliser nicht mehr erinnern: Er sei gestolpert und gegen seinen Tiger Radja gefallen. Es knackte laut in seinem Kopf, ihm wurde heiß – und dann schwarz vor Augen. Dreieinhalb Wochen lag er anschließend im künstlichen Koma in der Hamburger Universitätsklinik. Dass Radja ihn in den Kopf gebissen hatte, dass Daipur und India sich ebenfalls auf ihn stürzten und ihm eine Hand sowie den Kamm des Beckens abbissen – all das erfuhr der Dompteur erst, als die Ärzte ihn nach mehreren Operationen wieder ins wache Leben zurückholten. Sein erster Satz: „Was machen meine Tiger?“

          Ein Jahr nach dem schrecklichen Unfall bei einer Dinner-Show im Hamburger Tierpark Hagenbeck steht Christian Walliser im Zirkus Barelli zum ersten Mal wieder in der Manege – gemeinsam mit den Tigern von damals. Der enorme Druck, der auf dem schmächtigen Mann lastet, ist ihm nicht anzumerken. Routiniert lässt er seine Tiger über einen Balken laufen, sie gar über sich hinweg springen. Angst empfinde er dabei nicht, behauptet Walliser. „Wenn ich in der Manege stehe, bin ich vollständig auf die Nummer konzentriert.“

          Ganz so einfach war es für Jan nicht. Der Lebensgefährte von Christian Walliser schwitzte bei der Premiere Blut und Wasser. „Hoffentlich geht alles gut“, sagte er sich immer wieder und verfolgte angespannt jede Bewegung von Dompteur und Tigern im Zirkusrund.

          Christian Walliser bei der Probe in der Manege des Zirkus Barelli in Frankfurt am Main

          Wallisers Überlebenschancen schienen anfangs gering

          Damals, bei dem tragischen Unfall in Hamburg, hatte er auch zugeschaut. Hilflos musste er mitansehen, wie die Raubkatzen sich auf seinen Freund stürzten, bis er schließlich einen Feuerlöscher ergriff und auf die Tiger einspritzte, um sie vom Körper seines Freundes zu vertreiben. Doch erst das bekannte Metallgeräusch der Tür zum Raubtiertunnel, die Jan schließlich öffnete, brachte die Tiere zurück in die übliche Routine, eines nach dem anderen verließ die Manege.

          Für den Tiger-Dompteur und seinen Freund folgte ein Jahr, wie man es sich kaum schlimmer vorstellen kann: Das Beste war, dass Christian Walliser nicht gestorben ist. Sein Leben verdankt er einem zufällig anwesenden Arzt, der noch in der Manege die Erstversorgung übernahm. Und einem medizinischen Wunder. Denn Wallisers Überlebenschancen schienen anfangs gering. Dass er ohne Gehirnschaden davonkommen könnte, hielten die Ärzte für unwahrscheinlich. Zwei Mal musste der Schwerverletzte reanimiert werden. Inzwischen hat Christian Walliser elf Operationen hinter sich. Vollständig gesundet ist er zwar noch nicht, aber sein Kopf ist wieder klar.

          Die Trauung als symbolischer Akt der Neugeburt

          Doch ein Unglück kommt selten allein. Während er in der Klinik mit dem Tod rang, wurde in seinen Wohnwagen eingebrochen. Der Dieb entwendete 10 000 Euro und stahl dann auch noch eine Zugmaschine. Hinzu kamen viele bösartige Attacken von angeblichen Tierschützern: Es wäre besser gewesen, so hieß es in Briefen, die Tiger hätten ihn ganz zerfetzt.

          Der Tag des Unfalls, der 8. Dezember 2009, war der schlimmste Tag im Leben des Christian Walliser. Der 8. Dezember 2010 dagegen wurde zu einem der schönsten. An diesem Tag gaben er und sein Freund Jan sich vor einem Standesbeamten im Frankfurter Römer das Ja-Wort. Nie mehr sollte Jan in einem Krankenhaus oder einer Behörde abgewiesen werden, weil er nicht als Angehöriger galt. Die Trauung war für die beiden auch ein symbolischer Akt der Neugeburt: Nach Jahren der Heimlichkeit wollten sie ihre Liebe öffentlich zeigen.

          Nach dem Hochzeitsfest regiert nun wieder der Alltag – ein äußerst schwieriger Alltag. Der Dompteur und sein Lebensgefährte sind nach Monaten ohne Gage verschuldet. Elf Tiger zu unterhalten ist eine teure Sache, allein das Rindfleisch für sie kostet mehr als 1000 Euro im Monat. Außerdem leidet Walliser immer wieder unter heftigen Stichen im Kopf und Schmerzen an der Hüfte. Eigentlich müsste er sich einmal richtig erholen. Doch das kann und will er sich nicht leisten. Seine Tiger müssen wieder auf Trab gebracht werden, und natürlich braucht er auch wieder Einnahmen. Nicht eine Sekunde hat er daran gedacht, seinen Beruf aufzugeben. „Die Tiger sind mein Leben.“

          „Ich habe den Fehler gemacht

          Schon als Kind und später als Tierpfleger im Zoo von Augsburg hatte er immer nur eines im Kopf: „Tiger, Tiger, Tiger“. Deshalb hatte er auch nicht gezögert, eine komplette Tigergruppe zu übernehmen. Ein halbes Jahr lang ließ er sich von deren Besitzer anlernen, 2005 schließlich kaufte er die sechs Raubkatzen. Es folgten vier Jahre auf Tour: mit dem Zirkus Krone, mit dem Polnischen Staatszirkus, mit Medrano aus der Schweiz. Dann kam eine zweite Tigergruppe dazu. Drei der Katzen hat er selbst mit der Flasche aufgezogen, drei hat er als Jungtiere gekauft. Und eben diese drei wurden ihm bei der Show in Hamburg zum Verhängnis.

          Doch Radja, Daipur und India gibt er keine Schuld. „Ich habe den Fehler gemacht.“ Die Tiger hätten ihrer Natur gemäß reagiert. „Sie sind und bleiben Raubkatzen.“ Der Dompteur müsse sie während einer Vorführung immer im Auge behalten, er dürfe ihnen gegenüber keine Schwäche zeigen – und er muss den gebührenden Abstand einhalten. Das tut Walliser bei seinem ersten Auftritt nach dem Unfall auch. Radja, der Tiger, der damals als erster zugebissen hat, bekommt seine Belohnungs-Fleischstücke nur noch aus der Ferne mit einen Stock gereicht.

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