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Dominic „Musa“ Schmitz : Einmal Salafismus und zurück

Dominic Schmitz war jahrelang in der Salafistenszene aktiv. Heute wirbt er für einen weltoffenen Islam. Bild: Hans Scherhaufer/Schauspiel Köln

Mit 17 wurde Dominic Schmitz zum Salafisten, drehte Propagandavideos und pilgerte mit Pierre Vogel nach Mekka. Mit 28 kämpft er auf großer Bühne gegen diese Ideologie.

          Dominic „Musa“ Schmitz steht auf der Bühne des Schauspiel Köln: „Mein Name ist Musa und ich war ein Salafist.“ Er trägt Jeans, Kapuzenjacke und Turnschuhe und wirkt gelassen. An öffentliche Auftritte haben ihn die Propaganda-Videos gewöhnt, die er früher gedreht und ins Netz gestellt hat.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Du darfst doch selbst denken, solange du nicht dem Islam widersprichst: Dieser Satz hörte sich in den Ohren von Dominic Schmitz immer ein wenig falsch an. Selbst in seinen salafistischen Hochzeiten, als er in Gelsenkirchen Videos für Sven Lau produzierte und Pierre Vogel auf Marktplätzen mit „Allahu akbar“-Rufen bejubelte.

          Aber er brauchte fünf Jahre, um zu erkennen: Damit bin ich nicht einverstanden. Ich will frei sein in meinem Handeln, Glauben und Denken. Und noch einmal weitere drei, um die arabischen Pluderhosen gegen Jeans einzutauschen und seinen Bart zu stutzen.

          Wie ist einer, der mit 17 das islamische Glaubensbekenntnis sprach, mit 18 Frauen nicht mehr die Hand gab und mit 19 nach islamischem Recht eine Konvertitin heiratete, die er davor zweimal je zehn Minuten gesehen hatte?

          Scheidungskind und Schulschwänzer

          Dominic „Musa“ Schmitz, heute 28, ist ein nachdenklicher Typ, ein Aussteiger und Aufklärer mit Pausbacken, kurzem blonden Bart und freundlichen blauen Augen. Sein Werdegang klingt wie ein Klischee: Scheidungskind – Kiffer – Schulschwänzer – Salafist.

          Als übergewichtiges Kind, das unter der Trennung der Eltern litt, hänselten ihn die anderen zwar nicht. Aber sie mochten ihn auch nicht wirklich. Etwas Anerkennung gab es auf der Realschule dank Sport und Markenklamotten. Dann kam die Rapmusik, der erste Joint. Er hatte auf einmal was zu sagen in der Klasse.

          Pierre Vogel (links) und Sven Lau: Die beiden Salafisten waren Mentoren von Dominic Schmitz. Gegen Vogel wird heute ermittelt, Lau machte bundesweit Schlagzeilen mit seiner „Scharia-Polizei“.

          Aber er sah keinen Sinn, war auf der Suche. Fing irgendwann an, die Schule zu schwänzen. Schmiss sie nach der Mittleren Reife, brach eine Ausbildung ab. Doch all das hatte keine Konsequenzen für den Siebzehnjährigen. Er sehnte sich nach Grenzen, nach Strenge. Nach dem Vater.

          Und dann steht eines Tages ein alter marokkanischer Bekannter vor seiner Tür, früher ein Kiffer wie Schmitz, der innerlich gefestigt wirkt, selig vor sich hin lächelt. Und der, als er merkt, wie empfänglich sein alter Kumpel ist, beim nächsten Mal ein paar Infohefte über den Islam mitbringt. Als Schmitz seinen Freund zum ersten Mal in die Moschee begleitet, ist es, als würde er mit seinen Schuhen auch alle seine Sorgen vor der Tür lassen.

          Er trennte sich von seiner Freundin, die kein Kopftuch tragen wollte

          Danach verschenkt er die alten Rapper-Klamotten, wirft die Hip-Hop-CDs weg, trägt den Fernseher in den Keller. Er beginnt sogar, sich mit einem kleinen Ast die Zähne zu reinigen, weil das der Prophet Mohammed so getan haben soll. Alles wirkt plötzlich ganz klar: Das einzige, was im Leben zählt, ist sich gottgefällig zu verhalten, um dann auf einer besonders hohen Stufe im Paradies zu landen.

          Dafür trennt Dominic Schmitz sich von seiner damaligen Freundin, die kein Kopftuch tragen will. Wenn er sich selbst befriedigt, schämt er sich, bittet Gott um Verzeihung, weint manchmal bitterlich. Er pilgert mit Pierre Vogel nach Mekka, kommt wie berauscht und noch entschlossener zurück.

          „Der Salafismus macht alles für dich“, sagt er heute. „Er sagt dir, wie du zu denken, fühlen, handeln hast. Disziplin. Struktur. Grenzen. Konsequenzen. Er ist wie ein Vater.“ Nach der Theaterprobe sitzt er in einem türkischen Imbiss auf der Kölner Keupstraße, wo die rechtsextreme Terrorgruppe NSU 2004 eine Nagelbombe explodieren ließ. Die Gewalt, davon war er damals überzeugt, ging nur von Rechtsradikalen und Gegnern der Salafisten aus. Er und seine Mitstreiter glaubten damals noch, dass hinter den Anschlägen vom 11. September der amerikanische Geheimdienst stecken musste, weil Muslime zu so etwas nicht fähig seien.

          Am Samstag hat „Glaubenskämpfer“ von Nuran David Calis Premiere in Köln. Dominic Schmitz spielt in dem Stück sich selbst – zum Ärger seiner ehemaligen Weggefährten.

          Dann radikalisierte sich sein Umfeld. Die Propagandavideos wurden nicht mehr in deutschen Jugendzimmern gedreht, sondern im „Islamischen Staat“ (IS) in Syrien. Schmitz’ ehemaliger Mentor Sven Lau, der vor eineinhalb Jahren mit seiner „Scharia-Polizei“ für Furore sorgte, posierte mit IS-Terroristen, gab einem Syrien-Ausreiser Geld. Für eine Verurteilung reichte es nicht, aber gegen Lau wird weiter ermittelt.

          Ein Freund von ihm ist heute in Syrien

          Und Ibrahim Abou Nagie, ein ehemaliger Helfer Pierre Vogels, startete die Koran-Verschenk-Aktion „Lies“. Viele der so für den Islam gewonnen Männer und Frauen halten sich erst gar nicht damit auf, Koran-Suren auswendig zu lernen oder beim Zähneputzen dem Propheten nachzueifern: Sie ziehen gleich in den Krieg nach Syrien. Von 800 deutschen IS-Kämpfern sprach der Verfassungsschutz Ende 2015.

          Einer von ihnen heißt Daniel und war Dominics bester Freund. 2013 tauchte er in Ermittlungsakten der Bundesanwaltschaft als IS-Kommandant auf. 2014 versuchte Dominic Schmitz ihn in einem Whatsapp-Gespräch zur Rückkehr zu bewegen. Daraufhin löschte Daniel die App, und Schmitz hörte nichts mehr von ihm.

          Auch Daniel war Konvertit, Kiffer, Schulversager. Die Lebensläufe der beiden lesen sich so wie die von 23 nach Syrien ausgereisten Islamisten, deren Profil der hessische Verfassungsschutz 2013 erstellt hat. Doch wie kann dieses Wissen im Kampf gegen Extremismus helfen? Im Stück „Glaubenskämpfer“, in dem Christen, Juden und Muslime mit professionellen Schauspielern auf der Bühne diskutieren, geht es auch um diese Frage.

          Schmitz wirbt jetzt für einen toleranten Islam

          Die Erkenntnisse von Experten würden nicht helfen, den nächsten islamistischen Anschlag zu verhindern, klagt eine Schauspielerin. „Sollen wir bis zur Aufopferung festhalten an unseren aufklärerischen Idealen? Bis zur Selbstauslöschung?“, fragt ein Schauspieler.

          Dann wird ein Propaganda-Video des IS eingeblendet, später Kommentare unter Videos, die Dominic Schmitz ins Netz gestellt hat. Manche drohen ihm mit dem Tod, andere verlassen sich auf höhere Gewalt: „Möge Allah solchen Typen das Handwerk legen!“

          Jugendliche jubeln im Jahr 2011 Pierre Vogel in der Frankfurter Innenstadt zu. Damals war auch Dominic Schmitz von Vogels Reden begeistert.

          Denn heute dreht Dominic Schmitz Filme, in denen er für einen toleranten Islam wirbt. In seinen Zeiten als Salafist verbrachte er Tage nur mit dem Koranstudium und Propagandavideos – eine Arbeit hatte er wie die meisten seiner Freunde nicht. Er weiß deshalb, wie wichtig das Internet ist. Und dass es dort kaum moderate Stimmen gibt.

          Im Netz bekommt man schnell den Eindruck, Islam und Salafismus seien dasselbe. So ging es auch Dominic Schmitz. Er fordert moderate Muslime auf, sich stärker von den Salafisten zu distanzieren. Und selbst im Netz tätig zu werden. Er glaubt, dass das helfen kann. Dass die Erkenntnisse der Verfassungsschützer dann sinnvoll genutzt werden würden.

          Ein Sozialarbeiter half ihm

          Allerdings weiß er auch: So wie ihn sein marokkanischer Freund erst dazu gebracht hat, sich online über den Islam zu informieren, so waren es auch soziale Kontakte und nicht das Netz, die ihn gerettet haben. Etwa eine Frau, in die er sich nach der Trennung von seiner muslimischen Ehefrau verliebte. Sie machte ihm klar, dass Männer nicht besser sind als Frauen, dass auch Frauen nicht keusch sind, sondern sexuelle Lust empfinden.

          Oder ein Sozialarbeiter aus Texas, den Dominic Schmitz bei einem Bewerbungstraining traf, zu dem ihn das Arbeitsamt als Langzeitarbeitslosen verdonnert hatte. Statt sich von Schmitz missionieren zu lassen, redete er auf den Salafisten ein, sich nicht abzuschotten, sondern als deutscher Muslim eine vermittelnde Rolle zwischen seinen Landsleuten und seiner in Verruf geratenen Religion einzunehmen.

          Das will Dominic „Musa“ Schmitz seither tun. Er bezeichnet sich immer noch als Muslim. In keiner Religion sei das Verhältnis von Gläubigem zu Gott so unmittelbar wie im Islam, sagt er. Deshalb ist das seine Religion. Inzwischen kann er aber auch andere wieder akzeptieren. Im Salafismus war das unmöglich. Er nahm ihm alles, sagt Dominic Schmitz heute, was ihn als Menschen ausgemacht hatte. „Ich habe Nazis gehasst, aber wurde selbst zum Faschist, indem ich die Welt in gläubig und ungläubig aufgeteilt habe.“

          An diesem Samstag hat „Glaubenskrieger“ in Köln Premiere. Im Netz beschimpfen ehemaligen Weggefährten Dominic Schmitz dafür, dass er bei dem Stück mitmacht, dass er zusammen mit dem Verfassungsschutz in Schulklassen aufklärt, dass er in Talkshows sitzt, dass er das Buch „Ich war ein Salafist. Meine Zeit in der islamistischen Parallelwelt“ geschrieben hat.

          Für sie ist er ein Abtrünniger, der auf die Seite der Ungläubigen gewechselt ist. Dominic Schmitz sagt, dass er keine Angst vor ihnen hat. Im Gegenteil: Er möchte jetzt sein Abitur nachholen, um dann an Schulen oder als Sozialarbeiter tätig zu werden.

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