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Dokumentarfotografie : In einem anderen Leben

Den Blick des Betrachters halten: Eine Besucherin in der Ausstellung „In/Visible“ Bild: dpa

Ann-Christine Woehrl hat Frauen fotografiert, die mit Säure lebensgefährlich verletzt und für immer entstellt wurden. Doch die Porträts ihrer Münchner Ausstellung „In/Visible“ zeigen keine Opfer.

          3 Min.

          Die weißen Flecken auf der rosafarbenen Wand sehen so aus, als ob jemand aus einem Glas Farbe auf die Wand geschüttet hätte, immer wieder, bis die ganze Wand mit weißen Klecksen übersät war, die an manchen Stellen zu einem großen Ganzen zusammenliefen. Flavias Vater hat schon oft versucht, die weißen Flecken zu übermalen, doch keine Farbe hält. Vor der Wand, die zum Wohnhaus der Familie gehört, wurde die 20 Jahre alte Flavia mit Säure überschüttet.

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Die weißen Flecken stammen von der Säure, die sich durch die Wandfarbe und die darunter liegende Farbe des Betons geätzt hat. Flavia war sieben Monate im Krankenhaus, nachdem ihr ein Mann im Jahr 2009 Säure ins Gesicht geschüttet hatte. Da kam sie gerade abends in Kampala, der Hauptstadt Ugandas, von der Universität nach Hause. Sie hörte ein Geräusch und drehte sich um. Der Mann schüttete ihr die Säure über Gesicht und Körper und lief weg.

          Das Tatwerkzeug rührt von der leichten Verfügbarkeit her

          Flavia riss sich die Kleider vom Leib, fiel zu Boden und wurde ins Krankenhaus gebracht. Der Mann wurde nie gefasst. Vielleicht war es ihr ehemaliger Freund, niemand weiß das genau. Heute, fünf Jahre danach, gibt sie Kommunikationstrainings in einer Model-Schule. „Wie kann ich mich jemals unter Models wagen?“ Das habe sie gefragt, erzählt die Fotografin Ann-Christine Woehrl, die Flavia in Uganda fotografiert hat, als sie sich kaum ohne Perücke und ohne Schal überm Gesicht hinaustraute. Doch jetzt sei sie so weit: „Sie schminkt sich und blickt in den Spiegel.“ Ihr Wissen um die innere Kraft, die in einem stecke, müsse sie weitergeben.

          Verschmähte Liebe, Neid, Streitereien um Mitgift und Erbansprüche, angeblicher Ungehorsam: Die Gründe, warum Frauen mit Säure überschüttet werden, sind so verschieden wie die Länder, in denen die Attentate vorkommen. Dass Säure oft das Tatwerkzeug ist, liegt an der leichten Verfügbarkeit. Oft stammt die Säure von Autobatterien, oder es sind Chemikalien aus Textilfabriken. Die Frauen erleiden schier unerträgliche Schmerzen, vor allem bei den Verbandswechseln. Wenn Augen, Mund und Nase zu einer Hautmasse verschmolzen sind, können auch Operationen kaum etwas wiederherstellen. Meist sind Männer die Täter.

          Globaler Blick: Ann-Christine Woehrl
          Globaler Blick: Ann-Christine Woehrl : Bild: dpa

          Doch Ann-Christine Woehrl hat auch Frauen fotografiert, die – meist aus Eifersucht – von Frauen angegriffen wurden. So wie Sokneang aus Kambodscha, die als Sängerin in einer Karaoke-Bar arbeitete, bis eines Abends die Frau eines Gastes sie in ihrem Zimmer mit Säure übergoss. Oder Sidra aus Pakistan, die von dem Bruder ihrer Freundin sexuell belästigt wurde. Die Mutter des Jungen fürchtete einen Skandal und stiftete ihren Sohn zu dem Anschlag an.

          Zwei Jahre lang hat Ann-Christine Woehrl in Uganda, Kambodscha, Indien, Pakistan, Nepal und Bangladesch Frauen fotografiert, die lebensgefährlich verletzt und für immer entstellt wurden. Zu sehen sind diese Bilder von diesem Donnerstag an in der Ausstellung „In/Visible“ im Völkerkundemuseum in München. Es sind vor allem Säureopfer, aber auch Frauen, die sich, oft unter gewalttätigen Männern leidend, mit Kerosin übergossen, anzündeten und von Familienangehörigen gerettet wurden. Sie habe auch zeigen wollen, dass die Säure- und Brandattentate nicht auf einen Kulturkreis oder eine Religionsgemeinschaft beschränkt sind – und wie sehr die Menschen aus Furcht oder Scham von anderen gemieden würden.

          Menschen in Ausnahmezuständen

          Die Idee, sich mit den Stigmatisierten auseinanderzusetzen, reifte über Jahre. Als sie in einem Geschäft in Paris mitbekam, wie der Verkäufer einem Entstellten nicht ins Gesicht schauen konnte, habe sie gewusst, dass sie nun ein Projekt verwirklichen müsse. Der globale Blick ist für die Fotografin nicht ungewöhnlich. Geboren ist sie in München, dort und in Frankreich wuchs sie auf, gearbeitet hat sie schon in vielen Ländern, nach dem Fotografie-Studium zunächst bei der Agentur „Magnum“, dann als Assistentin des Kriegsreporters David C. Turnley.

          Die Dokumentarfotografie war früh ihre Herzensangelegenheit, immer begleitet von Skrupeln, den Menschen mit ihrer Kamera nicht zu nahe auf den Leib zu rücken. So fotografiert sie Menschen in Ausnahmezuständen, denen man sich nur mit dieser Dezenz nähern kann: Auf dem Balkan Kinder in einem Zentrum für Musiktherapie, in Kolumbien Entführungsopfer, in Afrika Frauen, die als „Hexen“ verstoßen werden.

          Frauen, die das Leben wiedererobert haben

          So universell die Niedertracht, so stark der Kampfgeist der Frauen. „Viele Säureopfer haben diesen unglaublichen Willen entwickelt, sich aus ihrem Elend herauszukämpfen“, sagt Ann-Christine Woehrl. Und das, obwohl sie oft verarmt sind, da sie für die Operationen alles verkaufen mussten, was sie hatten, und obwohl sich Familie und Freunde oft abwenden. Unterstützung fand sie durch Hilfsorganisationen wie die „Acid Survivors Foundation“.

          In den Aufnahmen lässt die Fotografin diesen Willen durchscheinen: Die Bilder kommen trotz allem mit einer Leichtigkeit daher, die versehrte Haut dominiert den Blick des Betrachters nicht, das Leid springt nicht anklagend heraus. Man sieht die Scham über verbrannte Dekolletees und die Trauer um die verlorene Schönheit, wenn vernarbte Hände das Bild einer strahlenden jungen Frau halten.

          Doch man schaut auch dem Leben zu, das sich die Frauen wiedererobert haben. Oft ließen sie die Fotografin wochenlang teilhaben: Frauen beim Spielen mit ihren Kindern, beim Frisieren, beim Fernsehabend mit Freundinnen, beim Salsa-Tanzen. Auch die Porträts zeigen keine Opfer: Es sind Frauen, die den Blick des Betrachters halten. So leuchtend bunt wie die T-Shirts, Saris, Tücher, die sie tragen, so lebensbejahend scheint ihre Antwort auf das Schicksal zu sein. So wie Flavia es zum Ausdruck brachte: Sie sei wieder die Flavia, die sie mal war, sogar glücklich.

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