https://www.faz.net/-gum-8fo33

Vereinigte Staaten : Im Namen der Religionsfreiheit

  • -Aktualisiert am

Kein Hass in meinem Bundesstaat: Demonstration gegen das rückständige Gesetz Bild: AP

Im amerikanischen Bundesstaat Mississippi dürfen Bürger jetzt wegen ihrer sexuellen Orientierung benachteiligt werden – mit einer für aufgeklärte Menschen unfassbaren Begründung.

          4 Min.

          Als sich die amerikanische Standesbeamtin Kim Davis im vergangenen Sommer weigerte, homosexuellen Paaren in Kentuckys ländlichem Rowan County eine Heiratserlaubnis auszustellen, ging ein Aufschrei durchs Land. Nur Wochen vor Davis’ Affront hatte der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert. Wie die streng religiöse Standesbeamtin vor zahllosen Fernsehkameras wissen ließ, verstoße eine „Marriage License“ für schwule und lesbische Paare aber gegen ihren Glauben. „Ich handle nach Gottes Willen“, sagte die Fünfzigjährige und schickte Homosexuelle ohne Heiratserlaubnis wieder nach Hause.

          Es folgten Gerichtsverfahren, endlose Anhörungen zu Religionsfreiheit und „Homo-Ehe“ sowie fünf Tage Beugehaft. Bei der Rückkehr ins Standesamt strich die gewählte Verwaltungsangestellte kurzerhand ihren Namen von den Heiratsformularen. Obwohl Gouverneur Steve Beshear versicherte, er werde Davis’ eigenmächtig geänderte Dokumente anerkennen, wird in Kentucky weiter über die Rechtmäßigkeit der Heiratserlaubnis gestritten.

          „Ein Angriff auf die Bürger Mississippis“

          In Mississippi, ein paar hundert Kilometer südlich, ist die Debatte über vermeintliche Religionsfreiheit spätestens seit dieser Woche entschieden. Der republikanische Gouverneur Phil Bryant unterzeichnete am Dienstag ein Gesetz, das es religiösen Einrichtungen, Behörden und Geschäftsleuten erlaubt, gleichgeschlechtliche Paare auszuschließen. Unter der „Religious Freedom Bill“ dürfen Glaubensgemeinschaften Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender (LGBT) künftig die Heiratserlaubnis verweigern und sie von Adoptionslisten streichen.

          Das Gesetz gestattet, ihre Arbeitsverträge zu kündigen oder ihnen wegen ihrer sexuellen Orientierung eine Anstellung zu verweigern. Selbst Ärzten steht es in Mississippi von Juli an frei, LGBT-Patienten Beratungen und Operationen vorzuenthalten. Standesbeamte wie Davis, die während der vierten Ehe die Einheitspfingstbewegung Oneness Pentecostal für sich entdeckte, dürfen den Raum verlassen, wenn ein gleichgeschlechtliches Paar eine Heiratserlaubnis beantragt. Auch Unternehmern gibt die House Bill 1523, die Gouverneur Bryant jetzt unterzeichnete, die Möglichkeit, Homosexuelle unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit zu benachteiligen.

          Wenn ein gleichgeschlechtliches Paar für die Hochzeitsfeier Fotografen, Caterer oder Floristen sucht, dürfen die Firmen den Auftrag wegen der sexuellen Orientierung der Ehekandidaten ablehnen. „Willkommen in Mississippi, dem gastfreundlichen Bundesstaat, der dich nur akzeptiert, wenn du heterosexuell und verheiratet bist!“, fasste ein Tweet das Gesetz unter Hashtag #ShameOnPhil, kurz für „Gouverneur Phil Bryant sollte sich schämen“, zusammen. Auch Bürgerrechtsorganisationen wie die American Civil Liberties Union (ACLU) geißelten die Regelung als Einladung zur offenen Diskriminierung. „Das Gesetz ist ein Angriff auf die Bürger Mississippis. Es stellt ein Schandmal des Magnolienstaates dar“, schrieb die Organisation.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Identitätspolitik : Junge Linke gegen alte Linke

          Was alte Linke über Minderheiten sagen, finden junge Linke rassistisch. Und was die Jungen sagen, galt bei den Alten früher als Vorstufe des Faschismus. Es geht ein tiefer Riss durch das linke Lager.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.