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Die Frauenrechtlerinnen Anita Augspurg, Marie Stritt, Lily von Gizycki, Minna Cauer und Sophia Goudstikker (v.l.n.r.), um 1894 Bild: Atelier Elvira, Wikimedia Commons, gemeinfrei

Online-Archiv startet : Das digitale Gedächtnis der Frau

  • -Aktualisiert am

200 Jahre deutsche Frauenbewegung, gesammelt, archiviert und für jeden abrufbar: Das Digitale Deutsche Frauenarchiv ist seit Donnerstag online. In Europa ist das Projekt einzigartig.

          Am Anfang waren die Tomaten. Drei Stück um genau zu sein. Sie trafen die Delegierten des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes auf einer Konferenz 1968. Die Berliner Film-Studentin Helke Sander durfte damals als einzige Frau sprechen, doch ihre männlichen Kollegen übergingen ihre Rede zur Gleichberechtigung der Geschlechter, ohne näher darauf einzugehen. Das wollten Sander und ihre Genossin Sigrid Damm-Rüger nicht auf sich sitzen lassen und bewarfen den Delegierten Hans-Jürgen Krahl mit dem roten Gemüse. Ihre Aktion markiert einen Schlüsselmoment innerhalb der deutschen Frauenbewegung.

          Auf den Tag genau fünfzig Jahre danach geht an diesem Donnerstag eine Plattform online, die das Wissen aus 200 Jahren Frauenbewegung in Deutschland bündelt und öffentlich zugänglich macht. Das „Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF)“ ist ein in Europa einzigartiges Projekt. Rund 40 Frauenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Luxemburg und Italien arbeiten zusammen und archivieren Bücher, Zeitschriften und teils unveröffentlichte Originaldokumente wie Briefe, Fotos oder Tonaufnahmen aus den Nachlässen feministischer Wegbereiterinnen.

          Gefördert wird das Online-Portal vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Es setzt das im Koalitionsvertrag festgehaltene Ziel um, Frauengeschichte in einem zentralen Archiv zu bewahren und wissenschaftlich aufzuarbeiten. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey betont die Notwendigkeit der Plattform: „Vor 100 Jahren wurde das Frauenwahlrecht erstritten – doch auch heute noch ist die vollständige Gleichstellung von Frauen und Männern noch nicht erreicht. Wir alle zusammen müssen immer wieder und weiter für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen kämpfen, so wie es in der Vergangenheit schon viele Frauen getan haben.“ Das Erbe der feministischen Pionierinnen ist groß – früher skandierten sie auf Demonstrationen „Mein Bauch gehört mir“ oder „Frauen gemeinsam stark“, heute erzählen Frauen aus aller Welt in den sozialen Medien unter Hashtags wie #MeToo oder #Aufschrei ihre Geschichte.

          Feministischer Block auf der Friedensdemo am 10.6.1982 in Bonn.

          Der Launch des „Digitalen Deutschen Frauenarchivs“ wird mit einem offiziellen Festakt an der Humboldt-Universität in Berlin begangen – mit frauenpolitische Vertreterinnen aus Politik, Wissenschaft, Kunst und Kultur, die im Rahmen einer „Feministischen Sommeruni“ in über 60 Vorträgen, Lesungen und Workshops aufklären und ins Gespräch kommen. Netzaktivistin und Initiatorin des Hashtags #Aufschrei Anne Wizorek möchte vor allem ein Bewusstsein schaffen: „Geschichte, die von Frauen oder generell von marginalisierten Menschen geschrieben wurde, wird immer noch unsichtbar gemacht oder umgeschrieben. Das Internet bietet eine große Chance, um diese Wissenslücken endlich zu füllen, bleibende Sichtbarkeit herzustellen und aus der Vergangenheit zu lernen.“

          Die ersten feministischen Bestrebungen verorten die meisten Menschen auch heute noch in England. Die bekanntesten Vorreiterinnen, die sogenannten Suffragetten, erstritten dort Anfang des 20. Jahrhunderts das Frauenwahlrecht – mit zum Teil radikalen Methoden. Auch in Deutschland organisierten sich bürgerliche Frauen zu dieser Zeit in Vereinen, sie fanden aber nur wenig Beachtung in Geschichts- und Schulbüchern.

          Spannende, teils unbekannte Geschichten von Frauen und der Frauenbewegung aufzubereiten und auffindbar zu machen, ist ein wichtiges Ziel des DDF und der i.d.a.-Einrichtungen (anonymes Gruppenbild, um 1920).

          Das Erbe der Frauenbewegung drucken Modehäuser heute auf ihre T-Shirts. Erfolgreiche Frauen wie Emma Watson, Beyonce oder Lena Dunham geben dem modernen Feminismus ein Gesicht. Dennoch ist die Geschäftsführerin des DDF Sabine Balke überzeugt: „Die Dokumente lebendiger feministischer Bewegungen zu sichern, bleibt eine wichtige Aufgabe.“

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