https://www.faz.net/-gum-8l6b6

Pokemon Go : Skandal mit Ansage

Youtube Vlogger Ruslan Sokolovsky spielt Pokémon GO in der "Kathedrale auf dem Blut" Bild: Sokolovsky/Youtube

Ein junger Russe sieht in einem Fernsehbeitrag, die Jagd nach Pokemon in den Gemäuern orthodoxer Kirchen sei illegal. Davon angestachelt, probiert er es kurzerhand in Jekaterinburgs wichtigster Kirche aus. Ein Fehler.

          2 Min.

          Vor viereinhalb Jahren stampften und schrien die jungen Frauen von Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale gegen die Unterstützung Wladimir Putins durch die Russische Orthodoxe Kirche an. Letztere empörte sich. Drei der Frauen wurden wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“ zu Haftstrafen verurteilt, der Kreml nutzte die Aufwallung, um die damalige Protestbewegung gegen Wahlfälschungen und die Rückkehr Putins ins Präsidentenamt zu spalten – denn auch viele Putin-Gegner hielten das „Punk-Gebet“ für blasphemisch.

          Friedrich Schmidt
          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Ins russische Strafgesetzbuch wurde dann ein neuer Tatbestand aufgenommen: „Beleidigung der Gefühle von Gläubigen“. Mittlerweile gab es deshalb einige Verfahren und auch Verurteilungen zu Bußgeld und Sozialstunden. Doch wen es warum trifft, ist unklar, und das soll es bleiben.

          Nun gibt ein neuer Fall mit Religionsbezug einem Videoblogger, der Kirche sowie den Ermittlungsbehörden Gelegenheit zur Selbstdarstellung mit klarer Rollenverteilung: Der Erste provoziert, die Zweite klagt, die Dritten greifen hart durch.

          Pokemon-Jagd in der Kathedrale auf dem Blute

          Ende voriger Woche wurde in Jekaterinburg der 21 Jahre alte Ruslan Sokolowskij festgenommen. Er hatte am 11. August einen Clip veröffentlicht, der zeigt, wie er sich auf einem Smartphone dem Online-Spiel „Pokemon Go“ in der wichtigsten Kirche der Stadt widmet: der Kathedrale auf dem Blute, die zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts an der Stelle errichtet wurde, an der die Zarenfamilie 1918 erschossen wurde.

          Die Kirche beklagte sich über die Aktion, Sokolowskij wurde zunächst für 48 Stunden in Haft genommen, dann wurde gegen ihn Untersuchungshaft verhängt. Die Ermittler werfen ihm nicht nur „Beleidigung der Gefühle von Gläubigen“, sondern auch „Extremismus“ vor.

          Die Tatbestandsvermehrung geht in Russland einher mit dem wundersamen Auffinden inkriminierender Substanzen und Gegenstände; so entdeckte das Ermittlungskomitee nach eigenen Angaben in der Wohnung des Bloggers Rauschgift, zwar angeblich in so geringen Mengen, dass eine Strafverfolgung dafür nicht in Betracht komme, „aber das charakterisiert die Persönlichkeit des jungen Mannes negativ“.

          Funde werfen negatives Licht auf Sokolowskij

          Auch sei ein „Spionagekugelschreiber“ für „verdeckte Informationsbeschaffung“ gefunden worden; tatsächlich haben auch solche Stifte in Russland schon Anlass zu Verurteilungen gegeben. Bisher werden Sokolowskij aber nur drei seiner rund 150 Clips zur Last gelegt.

          „Fachleute“, so die Ermittler, hätten in dem Video zur Pokemon-Jagd in der Kirche „Anzeichen eines Verstoßes gegen das Recht auf Freiheit des Gewissens und des Glaubensbekenntnisses“ und in zwei weiteren Clips „eindeutig Anzeichen von Extremismus gesehen“.

          Sokolowskij hatte es darauf angelegt, die Kirche und ihre weltlichen Beschützer herauszufordern. Zur Veröffentlichung seines Jagd-Videos hatte er gesagt, ihm sei die Idee dazu gekommen, als er im Fernsehen gesehen habe, dass man für die „Jagd in einer Kirche“ für drei Jahre ins Gefängnis kommen könne. Das sei ihm unsinnig vorgekommen, da man doch nichts wirklich anstelle.

          Orthodoxe Kirche bezeichnet Pokemon Go als Satanismus

          Er habe die Idee widerlegen wollen, dass man für die Jagd auf Pokemon in der Kirche bestraft werden könne. Pussy Riot hätten damals geschrien und gelärmt, was an einem „kultischen“ Ort „schlecht“ sei. Er aber habe keinen Gottesdienst gestört und nichts beschädigt.

          In einem weiteren Video hatte der Blogger die Kirche kritisiert: Sie solle sich nicht in Bereiche einmischen, die sie nichts angingen. Sein Pokemon-Clip wurde bis Mittwochnachmittag auf Youtube mehr als 1,1 Millionen Mal angeklickt.

          Nicht nur Aktionen in Kirchen, auch die Pokemon-Jagd selbst polarisiert in Russland. Vertreter der orthodoxen Kirche, die Putins Kurs gegen den angeblich bis zur Dekadenz toleranten Westen mit immer neuen Geißelungen illustriert, hatten sich gegen die „Taschenmonster“ ausländischer Abkunft gewendet und von „Satanismus“ gesprochen.

          Sie traten nun für eine „Umerziehung“ Sokolowskijs ein: Er müsse sein „sittliches Unrecht“ bekennen. Einen anderen Ansatz vertrat übrigens der Bund Jüdischer Gemeinden Russlands: Schon im Juli hatte er erklärt, man habe nichts gegen das Spiel im Umfeld von Synagogen; eine Sankt Petersburger Synagoge hatte gar einen Wettbewerb zur Pokemon-Jagd ausgerufen, mit einer Flasche koscheren Weins als Preis.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Die HMS Defender bei ihrer Ankunft im Hafen von Odessa am 18. Juni

          Vorfall im Schwarzen Meer : Wollte die Royal Navy Russland provozieren?

          In Großbritannien verstärkt sich der Eindruck, dass die Royal Navy im Schwarzen Meer ein Zeichen setzen wollte. Moskau droht für Wiederholungen mit Bombenangriffen „nicht einfach in den Kurs, sondern auf das Ziel“.
          Der neue Bosch-Chef Stefan Hartung

          Generationswechsel : Bosch baut seine Führung komplett um

          Dass Stefan Hartung an die Spitze des Technologiekonzerns aufrückt, war schon länger klar. Doch wie groß der Umbau ausfällt, überrascht. Vor allem die neue Position des bisherigen Chefs erregt Aufmerksamkeit.

          Probleme des DFB-Teams : Höggschde Fahrigkeit

          Der Unterschied zur WM 2018, als Deutschland krachend vom hohen Ross fiel, besteht in erster Linie darin, dass sich „die Mannschaft“ nun wehrte. Das Grundproblem aber hat sich nicht verändert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.