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Erfahrungen aus Russland : Jetzt die ewige Winterzeit

Die Installation „Zeitfeld“ in Düsseldorf 2016 (Symbolbild) Bild: dpa

Die Zeitumstellung nervt. Aber ist Abschaffen wirklich das Richtige? Und wenn ja, ewige Sommer- oder Winterzeit? In Russland hat man alles schon ausprobiert – und immer noch keine Lösung gefunden.

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          In Sachen Zeitumstellung haben die Russen schon alles Mögliche ausprobiert. In den achtziger Jahren begann die damalige Sowjetunion, die Uhren zweimal im Jahr umzustellen, von Winter- auf Sommerzeit und wieder zurück. Dies sollte Strom sparen – ein überraschender Grund in einem Land, das mit Energie ansonsten überaus großzügig umgeht.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Nach einigen Jahren voll chaotischer Neuregelungen nahm sich dann Präsident Dmitrij Medwedjew des Themas an. In seiner Amtszeit von 2008 bis 2012 fielen nicht viele folgenreiche Entschlüsse. Einer aber war die Abschaffung der Zeitumstellung und der Beginn der „ewigen Sommerzeit“ 2011. Medwedjew sagte damals, diese Entscheidung bedeute weniger „Stress für Menschen und Tiere“. Damit ging er auf die Beschwerden von Bauern ein, die berichteten, ihre Kühe würden nach der Zeitumstellung weniger Milch geben. Das 700-Seelen-Dorf Solgon im Gebiet Krasnodar hatte deshalb schon seit 2006 die Uhren einfach nicht mehr umgestellt.

          Auch gesundheitliche Gründe wurden von Medwedjew und seinen Mitstreitern für die Abschaffung angegeben: Weil es mehr Tageslichtstunden gebe, werde es auch weniger Suizide geben. In einem Gesetzentwurf aus dem Jahr 2008 hieß es, während der ersten zwei Wochen nach der Zeitumstellung steige die Zahl der Notrufe um zwölf Prozent, die Häufigkeit von Todesfällen nach einem Herzinfarkt um 75 und die Zahl der Selbstmorde um 66 Prozent. Die Autoren kamen so auf jährlich etwa 60.000 Todesfälle, angeblich verursacht durch die Zeitumstellung.

          Auch an der Winterzeit gibt es Kritik

          Doch auch die „ewige Sommerzeit“ hielt nicht lange. Weil Medwedjew auch die Zeitzonen von elf auf neun reduzierte, wurde es in manchen Gegenden nun erst um zehn Uhr vormittags hell. Ein Dumasprecher klagte, die Russen sähen die Sonne weder auf- noch untergehen, und prophezeite: „Dafür bestraft uns später die Natur.“ Auch der damalige Ministerpräsident Wladimir Putin machte klar, dass ihm die Initiative nicht gefiel – ihm falle das Aufstehen immer schwer, sagte er damals. 2014, dann wieder im Präsidentenamt, ordnete Putin an, die Uhr um eine Stunde zurückzustellen. Diese „ewige Winterzeit“ sollte nun ganzjährig gelten, es wurden auch wieder elf Zeitzonen eingeführt.

          Nun ist Moskau Deutschland im Sommer eine Stunde voraus – von diesem Sonntag an, wenn in Deutschland die Winterzeit beginnt, wieder zwei Stunden. Aber auch an dieser Regelung gibt es Kritik: Abends sei es nicht lange genug hell, um nach der Arbeit mit den Kindern im Park zu spielen. Im Sommer gehe die Sonne viel zu früh auf, das ziehe Schlafstörungen nach sich. Der Geologe Arkadij Tischkow, der an der Ausarbeitung von Medwedjews Zeit-Reform beteiligt war, sagte, durch die ewige Winterzeit verliere Russland „jeden Tag zwei bis drei Sonnenstunden“. Weil es früh dunkel sei, werde der Mensch in ein „nachtaktives Wesen“ verwandelt. Das sei nur im Interesse des Fernsehens, der Werbeindustrie und der 24-Stunden-Supermärkte – die Menschen konsumierten nun abends, statt das Sonnenlicht zu genießen.

          Im November 2014, drei Wochen nach der Einführung der ewigen Winterzeit durch Putin, zeigten sich in Umfragen noch 63 Prozent der Russen zufrieden mit der neuen Regelung. Im März dieses Jahres haben allerdings mehrere Regionen, denen es abends zu früh dunkel wurde, mit Billigung Moskaus entschieden, ihre Uhren um eine Stunde vorzustellen. Und im Februar stellte ein Abgeordneter in der Duma wieder einen Gesetzentwurf vor, nach dem die Sommerzeit zurückkehren soll. Der Abgeordnete gehört der Machtpartei „Einiges Russland“ an. Doch deren Fraktionsführung stellte sofort klar, dass der Gesetzentwurf nicht abgesprochen sei: Auf vielfältige Bitten der Bürger sei man erst 2014 zur Winterzeit zurückgekehrt. „Die Diskussion nun wieder zu eröffnen halten wir nicht für zielführend“, hieß es aus der Fraktionsspitze.

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