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Vergessene Begriffe : Ein Hoch auf die Fisimatenten

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In etwa so altmodisch wie die einige der vergessenen Begriffe: eine alte Continental Schreibmaschine. Bild: Picture-Alliance

Blümerant? Mumpitz? Schwippschwager? Begriffe wie diese sagt heute kaum jemand mehr. Hier kommt noch einmal ihr großer Auftritt.

          Jedes Wort hat seine Zeit, jede Zeit ihre Worte. Jährlich ziehen neue Begriffe wie „Fake News“, „Brexit“ und „Hygge“ mit lautem Hurra in den Duden ein, während andere still und leise aus dem Wortgebrauch der Deutschen entschwinden. Das Buch „Luftikus und Tausendsassa“ von Katharina Mahrenholtz und Dawn Parisi (Duden, 15 Euro) bietet „Habseligkeiten“ und „Labsal“, „Tand“ und „Sommerfrische“, „hoffärtig“ und „saumselig“ noch einmal einen großen Auftritt. Einige gekürzte Auszüge aus dem Buch der vergessenen Wörter:

          Augenweide (schöner, ästhetischer Anblick, den etwas oder jemand bietet) – Ursprung: Mit Weide ist hier weder die Grasfläche fürs Vieh noch der Baum gemeint. Als das Wort erfunden wurde, sprach man Mittelhochdeutsch, und Weide bedeutete so viel wie „Speise“ oder „Erfrischung“. Allerdings hieß die Vokabel damals korrekterweise ougenweyde – und kommt auch im „Nibelungenlied“ vor: Da ist Kriemhild eine ougenweyde für Siegfried.

          Blümerant (flau, unwohl, übel) – Ursprung: Im 18. Jahrhundert war Französisch die Sprache der Oberschicht; viele Deutsche sprachen es fließend und erzogen ihre Kinder auf Französisch. Nach der Französischen Revolution besann man sich wieder auf das Deutsche, aber einzelne Ausdrücke blieben (Affront, Dekolleté, Etage). Die meisten werden allerdings so deutsch ausgesprochen, dass sie kein Franzose mehr versteht. Auch das Wort blümerant gehört dazu - hat aber zusätzlich eine Umdeutung mitbekommen: Es hieß eigentlich bleu mourant, „sterbendes Blau“; gemeint war der Farbton „blassblau“. Erst im 19. Jahrhundert fiel offenbar auf, dass das Wort treffend die Gesichtsfarbe eines Ohnmächtigen beschrieb – und bald war es der Ausdruck, um eine nahende Ohnmacht anzukündigen: „Mir wird ganz blümerant“, sagte die Dame gern, um sich einer unangenehmen Situation zu entziehen - und Umstehende riefen hektisch nach dem Riechsalz.

          Fisimatenten (etwas, was etwas anderes unnötig behindert, verzögert) – Ursprung: Das Wort mit der hinreißendsten, wenn auch nicht bewiesenen Herkunftsgeschichte: Im 19. Jahrhundert, während der napoleonischen Besatzung, luden französische Soldaten gern höflich deutsche Mädchen ein: Visitez ma tente! „Besuchen Sie mein Zelt!“ Die Eltern gaben ihren Töchtern eine Ermahnung mit: „Aber keine visitez-ma-tente!“ Mit hartem deutschen Akzent klang das nach „visiteematent“ – und daraus wurde der Ausdruck „keine Fisimatenten“. Schön, aber stimmt nicht, mäkeln Sprachwissenschaftler. Sie meinen, das Wort komme vom lateinischen visae patentes, was ein ordnungsgemäß geprüftes, aber schwer zu erlangendes Patent bezeichnete.

          Gram (jemandem gram sein = böse sein) – Ursprung: Eines der wenigen Worte, das sich seit mehr als 1000 Jahren weder in der Bedeutung noch in der Schreibweise geändert hat. Auch im Altnordischen kannte man das Wort (als gramr). Im Dänischen existiert das Wort noch heute: gram = wütend. Anfang des 15. Jahrhunderts wurde aus dem Adjektiv flugs ein Substantiv gemacht: Der Gram („Kummer“) hielt Einzug in die deutsche Sprache.

          Mumpitz (Unsinn, den man nicht zu beachten braucht) – Ursprung: Butz oder Butzemann nannte man schon im 16. Jahrhundert ein Schreckgespenst (und die Vogelscheuche). Im 17. Jahrhundert trat der Butz vermummt auf den Plan, hieß nun Mummelputz und war ein verhüllter Geist. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde aus Mummelputz Mumpitz und zwar zuerst an der Berliner Börse. Dort bezeichnete man erschreckende Gerüchte als Mumpitz.

          Schwippschwager (Schwager des Ehepartners, des Bruders oder der Schwester) – Ursprung: Schwippen heißt „schwanken“ – es geht um eine Schieflage. Der Schwippschwager ist kein richtiger Schwager, sondern jemand, der sich verwandtschaftlich noch weiter weg befindet. Schwager oder Schwägerin sind angeheiratete Verwandte. Also zum Beispiel der Bruder der eigenen Gattin. Der Schwippschwager ist wiederum der Gatte der Schwägerin oder der Bruder des Ehepartners der eigenen Schwester. Weil das alles ziemlich kompliziert ist, gilt die entferntere Verwandtschaft auch allgemein als Schwippschwägerschaft.

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