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Werte-Debatte : Die Welt will kein besserer Ort werden

Ungewohnt sanft: Für das Video einer Tierschutzorganisation füttert Silvio Berlusconi ein Lämmchen mit der Flasche. Bild: Reuters

In einem natürlichen Reifeprozess wählen mehr und mehr Völker Demokratie und Freiheit: Das hat man im Westen lange gehofft. So einfach ist es aber nicht.

          Und dann, pünktlich zu Ostern, war auch noch Silvio Berlusconi wieder da. Mit einer Videobotschaft ans italienische Volk meldete er sich zurück, allerdings zeigte sich der Mann, der so viele politische und juristische Schlachten geschlagen hat, ungewohnt sanft: Auf einer Wiese sitzend, fütterte er mit Milch aus der Nuckelflasche ein Lämmchen. Das Video einer Tierschutzorganisation, die mit dem zum Vegetarier konvertierten Politiker warb, sorgte in berlusconischen Relationen für nur wenig Wirbel, lediglich ein paar Fleischer zeigten sich verärgert, und es schien auch nicht dazu gedacht, ein weiteres der ungezählten Comebacks des langjährigen Ministerpräsidenten einzuläuten – Gott sei Dank.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dabei wäre es angesichts des globalen politischen Klimas nur folgerichtig, würde es nun auch der 80 Jahre alte Skandalpolitiker Berlusconi noch einmal wissen wollen. Gerade erst hatte sich mit dem passionierten Holocaustleugner Mahmud Ahmadineschad, der abermals nach dem iranischen Präsidentenamt greifen wollte, bevor man ihn von der Wahl ausschloss, kurzzeitig ein weiteres altes Schreckgespenst für alle erhoben, die darauf hoffen, es werde in der Weltpolitik nach und nach zivilisierter und berechenbarer zugehen.

          Von Orbán und Kaczynski, den Nationalisten von nebenan, über die unheimlichen Weltmachtlenker Putin und Trump bis zum designierten Diktator Erdogan und dem Scharfrichter Duterte auf den Philippinen: Linksliberal gesinnten Gemütern muss die zeitgenössische Herrschergalerie als wahres Gruselkabinett erscheinen. Bei der Frankreich-Wahl, die an diesem Sonntag in die erste Runde geht, entscheidet sich, ob noch eine weitere Horrorgestalt hinzustößt.

          Irgendetwas, so scheint es, ist da zuletzt in der Weltgeschichte ganz gehörig aus dem Ruder gelaufen.

          Auch die alten Philosophen können nicht helfen

          Wer hier, höchst verwirrt, nicht weiterweiß, dem können auch die alten Philosophen nicht helfen. Jedenfalls nicht die deutschen Geschichtsphilosophen, die, beflügelt vom Geist der Aufklärung, überzeugt waren, dass alles immer besser werde. Etwa Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der den Weltenlauf als „Fortschritt des Geistes im Bewusstsein der Freiheit“ betrachtete.

          Oder Johann Gottfried Herder, der beim Blick in die Geschichte zu erkennen glaubte, „dass mit dem Wachstum wahrer Humanität auch der zerstörenden Dämonen des Menschengeschlechts wirklich weniger geworden sei, und zwar nach innern Naturgesetzen einer sich aufklärenden Vernunft und Staatskunst“. Je mehr, so Herder, „die Vernunft unter den Menschen zunimmt, desto mehr muss man’s von Jugend auf ansehen lernen, dass es eine schönere Größe gibt als die menschenfeindliche Tyrannengröße“.

          Gewiss sah auch Herder jene menschlichen Leidenschaften, die das „Gleichgewicht der Vernunft“ gewaltsam durcheinanderbrächten, doch seien derartige Schwingungen von der Natur einkalkuliert: „Wie unser Gang ein beständiges Fallen ist zur Rechten und zur Linken, und dennoch kommen wir mit jedem Schritt weiter, so ist der Fortschritt der Kultur in Menschengeschlechtern und ganzen Völkern.“

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