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1,59 Millisekunden weniger : So kurz war ein Tag schon lange nicht mehr

Die Erde aus dem Weltall betrachtet. Bild: dpa

Am 29. Juni wurde auf der Erde der kürzeste Tag seit den sechziger Jahren gemessen. Das hat mit der Geschwindigkeit der Erdrotation zu tun – und mit dem Mond. Dabei werden die Tage tendenziell eigentlich eher länger.

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          Viele Menschen haben das Gefühl, dass sie jeden Tag immer we­niger Zeit zur Verfügung haben, für die vielen Dinge, die zu erledigen sind. Tatsächlich – und das ist keine Einbildung – scheinen die Tage kürzer zu werden. So haben Wissenschaftler am 29. Juni dieses Jahres den kürzesten Tag gemessen, seit der Aufzeichnung der Tageslänge mit präzisen Atomuhren in den Sechzigerjahren. Der Mittwoch ging 1,59 Millisekunden früher zu Ende als üblich. Das hat der In­ternationale Dienst für Erdrotation und Referenzsysteme (IERS) – die Organi­sation, die für die globale Zeitmessung zu­ständig ist – bekannt gegeben. Der Grund: die Erde rotierte um ihre Achse schneller als üblich. Der bisher kürzeste Tag, der 19. Juli 2020, war nach den Aufzeichnungen um knapp eine Zehntelsekunde länger als der 29. Juni 2022.

          Manfred Lindinger
          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Dreht sich die Erde also schneller? Auf der langen Zeitskala – nein. In der frühen Erdgeschichte waren die Tage wesentlich kürzer als heute. Vor 1,4 Milliarden Jahren waren die Tage nur 18 Stunden und 41 Minuten lang, wie Berechnungen aus dem Jahr 2018 ergeben haben. Als Dinosaurier vor 70 Millionen Jahren unseren Planeten durchstreiften, dauerte ein einziger Tag schon 23 Stunden und 30 Minuten. Heute sind es im Mittel 24 Stunden, bis ein neuer Morgen anbricht.

          Die Tage waren früher viel kürzer

          Die Ursache dafür, dass die Tage früher kürzer waren, ist der Mond. Der Mond bewegt sich auf einer Spiralbahn um die Erde ganz langsam von uns weg. Mit La­sern wurde eine jährliche Entfernungs­zunahme von etwa 3,8 Zentimetern ge­messen. Das hat auch die Stärke der Ge­zeitenkräfte verändert. Diese führen nicht nur zu Ebbe und Flut, sondern sorgen auch für eine Verlangsamung der Erd­ro­tation, so die geltende Theorie. Tendenziell werden die Tage auf der Erde da­durch immer länger, pro Tag im Durchschnitt um etwa eine 74.000stel Sekunde.

          Lang- und kurzfristige Abweichungen der Tageslänge vom SI-basierten Tag (64.400 Sekunden)
          Lang- und kurzfristige Abweichungen der Tageslänge vom SI-basierten Tag (64.400 Sekunden) : Bild: wikimedia

          In den vergangenen Jahren hat man die umgekehrte Tendenz beobachtet. Die Ta­ge werden wieder kürzer, weil die Erde schneller rotiert. Der Effekt ist zwar minimal, aber doch so groß, dass er sich mit den Atomuhren präzise nachweisen lässt. Doch warum nimmt die Erdrotation zu? Die Forscher haben keine definitive Antwort darauf. Einige Forscher wie Dennis McCarthy, ehemaliger Direktor des US Naval Observatory, vermuten das Ab­schmelzen der Gletscher an den Polen als Ursache. Dadurch gebe es weniger Druck auf die Erdkruste. Die Erde würde runder. Und die runde Form bewirkte ähnlich wie der Pirouetteneffekt bei Eiskunstläufern, dass sich die Erde schneller um ihre Achse dreht. Andererseits müsste sich die Erdkruste an den Polregionen heben, weil sie vom Eis befreit ist. Dadurch müsste die Erde dicker werden und dadurch langsamer rotieren, was nicht beobachten wird.

          Auf unseren Alltag haben die zeitlichen Schwankungen keine spürbare Auswirkung. Für IT- und Satellitenkommunikationssysteme allerdings schon, da sie auf ex­akte Zeitmessungen angewiesen sind. Um die Verlangsamung der Erdrotation auszugleichen, hat man die Schaltsekunde eingeführt. Hierzu werden alle Uhren für eine Sekunde angehalten. Schaltsekunden werden meist im Juni oder im Dezember festgelegt, die letzte wurde im Jahr 2016 eingeführt. Die nächste Möglichkeit wäre im Dezember.

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