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Sängerin Namika : Ein freier Mensch, vor allem in der Musik

  • -Aktualisiert am

Namika wuchs in Frankfurt auf. Ihre Großeltern mütterlicherseits stammen aus der marokkanischen Stadt Nador und kamen Anfang der Siebziger nach Deutschland. Bild: Frank Röth

In Frankfurt geboren und aufgewachsen, kam Hanan Hamdi früh mit der hiesigen Rap-Szene in Kontakt. Hier sammelte sie erste musikalische Erfahrungen. Wie aus ihr die Sängerin Namika wurde.

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          Das Flugzeug aus Berlin hat Verspätung. Das Interview mit Namika wird deshalb in das türkische „Simit Café“ an der Frankfurter Kaiserstraße verlegt, in der Nähe des Hauptbahnhofs. Der Manager fährt im Geländewagen vor. Namika wird von den Passanten nicht erkannt, als sie aus dem Auto aussteigt. Dabei ist die 27 Jahre alte Frankfurterin einer der erfolgreichsten deutschen Popstars.

          Hanan Hamdi – so heißt Namika eigentlich – hat mit ihrem ersten großen Hit „Lieblingsmensch“ den Zeitgeist getroffen. Der Ohrwurm, der im Radio rauf und runter gespielt wurde und es auf Platz eins der Charts schaffte, ist unbeschwert wie wenige Titel jenseits des Schlagers. „Lieblingsmensch“, eine Wortzusammensetzung, wie sie fürs Deutsche nicht typischer sein könnte, beschreibt ein neues Lebensgefühl, das geprägt ist von Wertschätzung für die deutsche Sprache. Das ist moderne Popkultur – auch für eine Generation junger Künstler, die kreative Einflüsse ihrer Wurzeln mit in die deutsche Kultur nimmt und sie damit ein Stück weit verändert.

          „Namika“ ist arabisch und heißt „Die Schreibende“. Für Namika selbst ist das Lied „genauso deutsch“, wie sie es ist. „Wenn man da jetzt Nationen reininterpretieren möchte, dann ist es wahrscheinlich auch genauso marokkanisch wie ich“, fügt sie hinzu und lacht. Eine Symbiose sozusagen. Da das Lied aus ihrer Feder stammt, fühle es sich „ganz natürlich“ an, es zu singen.

          Hanan Hamdi kam 1991 in Frankfurt als Tochter marokkanischer Einwanderer zur Welt. Ihre Tante führte sie in die Musikszene um Sabrina Setlur und Moses Pelham ein. Daher interessierte sie sich schon früh für Rapmusik aus ihrer Heimatstadt. Mit 13 Jahren schrieb sie erste Lieder und rappte im Stil ihrer Vorbilder. Aufgewachsen in der Siedlung Goldstein, aus der auch der marokkanischstämmige Rapper Abderrahim el Ommali des Duos Celo & Abdï kommt, veröffentlichte sie unter dem Namen Hän Violett die ersten Rap-Songs auf Youtube – und bekam einen Vertrag mit Sony. Fortan hieß sie Namika. Das war der Startschuss für eine sehr erfolgreiche Musik-Karriere.

          Sie las viel, beschäftigte sich mit Rhetorik und eignete sich handwerkliche Skills an. „Nador“, ihr erstes Album, erzählt von der Zerrissenheit und von ihrer Verbindung zu der orientalischen Hafenstadt, aus der ihre Eltern kommen und in der sie schon als Kind die Sommerferien verbrachte. „Zwischen meinen Welten liegen 2000 Meilen, fühl' mich oft zerrissen, würd' sie gern vereinen, ich würd' so gerne wissen, wo ich hingehör', in meinen Träumen fließt der Main in das Mittelmeer“, singt sie – und bringt das Gefühl des ewigen bikulturellen Zwiespalts wunderbar auf den Punkt.

          Nicht immer Anlass zum Strahlen

          Für viele marokkanischstämmige Frauen ist sie ein Vorbild. Mit einem ihrer ersten Lieder, „NA-MI-KA“, buchstabierte sie sich selbst erst einmal durch. Nun findet sie, dass mehr Frauen etwas aus sich machen sollten. Sie selbst wirkt in Chucks und Bomber-Blouson sportlich und modisch zugleich, Frankfurt eben. Sie sieht sich als „Sprachrohr“ und „Brücke“. Das Gefühl sei „super nice“. Ihre Ausstrahlung und ihre Energie – das sind neben ihrer weichen und kindlich-melodischen Stimme wesentliche Gründe für ihre Anziehungskraft, die sie auf Instagram mit 130.000 Followern teilt.

          Ihr Leben gab nicht immer Anlass zum Strahlen. Das zeigt das Lied „Ahmed (1960-2002)“ auf ihrem neuen Album „Que Walou“. Der Song, der nach ihrem leiblichen Vater benannt ist, handelt vom Scheitern eines jungen, gebildeten Manns, der aus Marokko nach Deutschland kam, aber keinen Anschluss und keine Perspektive fand. Es ist eine der vielen unerzählten Geschichten, derer sich heute meist junge Menschen aus der dritten Einwanderer-Generation annehmen.

          Im Lied kritisiert sie den Vater, im Gespräch versucht sie, ihn zu verstehen. Die Trauer darüber, vom eigenen Vater enttäuscht worden und letztlich vaterlos aufgewachsen zu sein, macht sie nahbar. Um die Erlebnisse niederzuschreiben, hat sie ihrer Mutter viele Fragen gestellt. Sie verdankt ihr, dass sie nicht auf die schiefe Bahn geraten ist und trotz schwieriger Kindheit Musik machen konnte. „Natürlich macht man auch mal Mist, probiert sich aus und guckt, wo die Grenzen sind. Aber im Großen und Ganzen hat mir meine Mutter mit sehr viel Liebe und guter Erziehung den Weg gezeigt.“

          Namika wurde bei den Radio Regenbogen Awards im April in der Kategorie „Künstlerin National“ ausgezeichnet.

          Von Stutenbissigkeit und Frauenfreundschaften

          Gleichberechtigung ist ihr wichtig, ebenso Solidarität unter Frauen. Neid gebe es auch in der Kultur ihrer Eltern. „Aber nicht diese Stutenbissigkeit, wie ich sie hier unter Mädels erlebe.“ Frauenfreundschaften bedeuten ihr viel. In ihrer Youtube-Serie „Alles, was zählt" ist oft ihre beste Freundin zu sehen. In einem der Videos zieht sie zum Lied „Hellwach“ in Partystimmung in einer Frauengruppe um die Häuser Berlins. In der deutschen Hauptstadt wohnt Hanan Hamdi selbst zwar nicht, aber wegen der Arbeit zieht es sie oft dorthin.

          Namika versteht ihr Handwerk, und sie hat es geschafft, sich den Standards der internationalen Musikbranche anzunähern. Ihr letzter Ohrwurm „Je ne parle pas français“ wird nicht nur in Deutschland und Marokko gehört, sondern auf der ganzen Welt. Sie freut sich über all die Länder, aus denen Fans schreiben: „Aus Brasilien, der Türkei, Indien, das ist total schön. Und Frankreich mittlerweile auch. Natürlich!"

          In Frankreich ist es der Rapperin Marwa Loud („Billet") gelungen, zur Ikone der Jugendkultur zu werden. Sie hat ebenfalls marokkanische Wurzeln, wie auch die französische Sängerin Hindi Zahra (“Stand Up"). Und international hat es besonders der amerikanische Rapper French Montana (“No Stylist") geschafft, der in Casablanca geboren wurde.

          Bei starken Frauen aufgewachsen

          Namika aber nimmt nicht nur den Flow und die Metaphorik der arabischen Sprache mit. Sie wuchs mit den Klängen orientalischer Musik auf, die sie in ihren Sommerferien in Marokko auf dem Basar aufschnappte. "Es gab eine eigene Straße nur für Musikläden, und in diesen Musikläden waren hinten die Studios, in denen die Musik aufgenommen wurde", erzählt sie. Ihre Clips leben von den Farben, Menschen und Stimmungen Marokkos. Und vom Amazighischen, einem Dialekt, der lange verboten war und sich bis heute erhalten hat. In dieser Sprache singt sie manche ihrer Lieder. Der Name der Sprache, dessen Volk auch in Deutschland unter der Bezeichnung Berber bekannt ist, leitet sich von Amazigh ab, was so viel bedeutet wie "der freie Mensch". Und das ist auch sie, vor allem in ihrer Musik.

          Dabei wagt sie nicht nur den Schritt aus dem Rap in den Pop, sondern auch umgekehrt. So hat sie etwa mit den Rappern Soufian und Farid Bang zusammengearbeitet, beide ebenfalls marokkanischer Herkunft. Bevor Farid Bang wegen einer antisemitischen Zeile an der Seite von Kollegah in die Kritik geriet, entstand "Hände", ein Lied über die Liebe zur eigenen Großmutter. Obwohl dem Rapper auch Frauenfeindlichkeit vorgeworfen wird, sei die Zusammenarbeit super gewesen, versichert Namika. Sie kenne Farid Hamed El Abdellaoui, wie er bürgerlich heißt, schon lange. Er habe ähnliche Erfahrungen gemacht wie sie und sei ebenfalls ohne Vater bei starken Frauen aufgewachsen.

          Im lässigen Outfit tritt Namika 2018 in der ARD-Sendung „Countdown für Lissabon“ auf.

          Hanan Hamdi arbeitet oft mit Männern zusammen. Mit den Beatgees, einem Produktionsteam in Berlin, entstehen ihre Lieder. Die vier Produzenten, allesamt männlich, geben ihr den Raum, den sie als Songwriterin benötigt, und sie respektieren die Sängerin, die weiß, welche Musik sie machen will. Und so wird sie am 31. Mai – noch vor ihrer Deutschland-Tour im Herbst – in Frankfurt auf dem W-Festival singen, das sich nur Musikerinnen widmet, von Suzi Quatro bis Alica Merton.

          Hanan Hamdi ist stark, mutig, eigenwillig – und auch deshalb als Namika so erfolgreich.

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