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Die royale Familie : Das Märchen vom Märchen

Eine schrecklich nette Königsfamilie: Camilla, Charles, Kate, WIlliam, Elissabeth II., Meghan, Harry und Philip Bild: dpa

Prinz Harry und seine Braut Meghan wollen die Welt zu einem besseren Ort machen. Aber die Vorbereitungen zur Hochzeit des Jahres haben auch einen Blick in den Abgrund royaler Hysterie gewährt.

          10 Min.

          Sicher wird alles vergessen sein, wenn „Harry und Meghan“ an diesem Samstag endlich vor dem Altar stehen und sich dann vor den Augen der Welt den ersten Kuss geben. Der Enkel der Queen und seine Braut werden in einer Kutsche durch ein Spalier begeisterter Menschen rollen, während das niedliche Windsor in einem Meer von Union-Jacks versinkt, und natürlich werden Tränen fließen, Tränen der Rührung, der nationalen Ergriffenheit, auch ein paar Tränen des Neids, aber vor allem Tränen des gelinderten Weltschmerzes. Denn wer möchte Priyanka Chopra widersprechen, der Bollywood-Schauspielerin und Brautfreundin, die kürzlich aufschrieb, worum es bei der Hochzeit des Jahres in Wahrheit geht: „Dieser immer lächelnde, starke freie Geist fand den Prinzen, verliebte sich und brachte im Handumdrehen eine zynische Welt dazu, wieder an Märchen zu glauben.“ Ein Märchen also, für Zyniker.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Für Meghan Markle, die so viel Gutes will, kann es kein größeres Glück geben, als ihre Liebe zu Harry als Geschenk an die Menschheit zu verpacken und so die Welt, wie es in der humanitären Profiszene heißt, „zu einem besseren Ort zu machen“. Und weiß Gott – was für ein fabelhafter Ort wird Windsor, das Königreich, also an diesem Samstag die ganze Welt sein: Der Brexit – vergessen. Die Nuklearstreits mit Iran und Nordkorea – ein Rauschen in der Ferne. All die Fieslinge, die so viel Trübsal über die Welt bringen, Putin, Erdogan, Trump – Gestalten einer anderen Galaxie; nicht mal Obama wurde nach Windsor eingeladen.

          Schluss also mit Politik, Schluss mit Krise. Schluss mit Zynismus! Schluss mit Zynismus? Ist es wirklich die zynische Welt, die wieder an Märchen glauben darf, oder ist es womöglich ein Märchen, dass diese Hochzeit der Hochzeiten frei von Zynismus ist? Mit Harry vermählt sich der beliebteste Spross der „Firma“ Windsor mit einer klugen und charmanten Frau, aber für viele verlor sich in der langen Vorbereitung der „Royal Wedding“ der Zauber ihres Versprechens. Von einem „bitteren Fiasko“ schrieb die „Daily Mail“ kurz vor dem Freudentag. Verächtlich blickte die britische Boulevardzeitung auf die Verwandtschaft der Braut, die sich so niederträchtig verhalten hatte, und dann konnte die Zeitung überhaupt nicht verstehen, warum sich Meghans Familie überhaupt mit diesen üblen Klatschreportern und Paparazzis eingelassen hatte. Man kann die „Daily Mail“ verstehen: Es waren ja nicht ihre Klatschreporter und Paparazzi.

          Was eine Story!

          Je näher die Hochzeit rückte, desto wuchtiger rotierte die Märchenproduktionsmaschine. Journalisten, die zu allem bereit waren, weil ihre Leser alles wissen wollen, schwärmten aus und lauerten den hilflosen und verführbaren Verwandten an ihren Wohnorten auf, in Kalifornien, in Florida, in Mexiko.

          Einem britischen Fotografen gelang der Coup. Niemand außer ihm und seinem Opfer weiß, ob er sich das Vertrauen des Brautvaters erschlich oder ob er ihm ein paar Pesos versprach, jedenfalls überzeugte er den 73 Jahre alten Thomas Markle, dem die ganze Sache offenkundig über den Kopf gewachsen war, für ein paar Fotos zu posieren. Gemeinsam betraten sie ein gekacheltes Internetcafé, der Fotograf setzte Vater Markle vor einen Computer und ließ ihn im Internet ein Bild seiner Tochter betrachten. Klick. Dann postierte der Fotograf sein Modell vor ein Buch: „Images of Britain“. Rührende Reisevorbereitung. Klick. Es ging weiter, jetzt zu einem billigen Schneider. Dort legte ein kleiner Mexikaner in Jeans und T-Shirt ein Metermaß um Markles umfangreichen Leib. Ein starkes Motiv: Der Vater der künftigen Prinzessin kleidet sich bei einem Dilettanten in Rosarito ein! Klick. Mehr als 100000 Euro sollen die Bilder eingebracht haben.

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