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Bettina Limperg im Porträt : „Frauen unterschätzen sich ständig“

Aber ein bisschen was verrät sie dann doch über ihren Führungsstil: „Ich versuche, Probleme im Diskurs zu lösen.“ In Karlsruhe, wo man sie noch aus ihrer Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesverfassungsgericht kennt, wird sie als „extrem freundlich im Umgang“ beschrieben. „Sie weiß, was sie will, aber lässt das nie raushängen“, heißt es. Konfrontationen versucht sie zu vermeiden, wo es geht. Dienstliche Entscheidungen trifft sie nicht par ordre du mufti. Am Gericht ist das ein kluger Ansatz, denn Richtern ist ihre Unabhängigkeit heilig, sie lassen sich von niemandem reinreden. Limperg ist es wichtig hervorzuheben, dass sie als Präsidentin nicht etwa die Vorgesetzte der anderen Richter ist, sondern deren Kollegin, die einfach noch ein paar zusätzliche Aufgaben hat: Als Chefin des Hauses ist sie für Personalfragen zuständig, ist Ansprechpartnerin für die Bundesministerien, steht als Repräsentantin des Gerichts im Kontakt mit dem Verfassungsgericht und dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, dem Bundestag und allerlei juristischen Interessenverbänden.

Limperg möchte nicht, dass um ihre Person so viel Aufhebens gemacht wird. Doch ein bisschen einsam ist es trotzdem an der Spitze. Sie liebt die Musik, sie singt im Chor des Bundesgerichtshofs. Hier duzen sich alle, aber die Präsidentin wird natürlich gesiezt. Und etwas verkrampft kann es auch werden: „Der Chorleiter würde ja zu mir schwerlich sagen, dass ich schief singe.“ Sie weiß, dass sie im Gericht auf Schritt und Tritt beobachtet wird und dass jedem dieser Schritte und Tritte Bedeutung beigemessen wird. Die anderen reden über sie. Das raubt einem die Unbefangenheit. „Bei Feiern oder Empfängen in unserem Haus wird natürlich immer genau registriert, zu wem ich mich stelle, wie lange ich mit wem spreche und was ich sage.“

Überzeugt vom Rechtssystem

Etwas Gutes habe ihre besondere Stellung aber doch, findet sie: Die Menschen hören ihr zu, wenn sie etwas sagt. Bettina Limperg ist von unserem Rechtssystem überzeugt, davon, dass die Regeln verlässlich und belastbar sind. Doch sie warnt davor, sich auf diesen Errungenschaften auszuruhen. Die Entwicklungen in Polen haben sie erschüttert. Und so hat sich Limperg zum Ziel gesetzt, auf die Bürger zuzugehen und ihnen das Recht zu erklären. Zum Beispiel: Warum gilt die Unschuldsvermutung auch für Sexualstraftäter? „Jetzt stellen Sie sich mal vor, jemand beschuldigt Sie, obwohl Sie nichts gemacht haben. Dann würden Sie auch auf einem rechtsstaatlichen Verfahren bestehen.“ Das komme an bei den Leuten, sagt sie.

Aber nicht jede Entscheidung lässt sich gut vermitteln, manchmal ist das Recht schwer auszuhalten, zuweilen machen die Gerichte Fehler. Limperg liegt viel daran, eine Fehlerkultur in der deutschen Justiz zu etablieren, um das Vertrauen in die Justiz wieder zu stärken. „Wir müssen lernen, Fehler zuzugeben, wenn sie passieren“, sagt sie. Für die Vergangenheit hat sie das schon vollzogen: Im Namen des Bundesgerichtshofs hat sie sich für das Unrecht entschuldigt, das das Gericht in den fünfziger Jahren den Sinti und Roma angetan hat.

Vorsitzende in einer Männerwelt: Bettina Limperg bei der Verkündung des Urteils im Prozess zur Eisschnellläuferin Claudia Pechstein 2016
Vorsitzende in einer Männerwelt: Bettina Limperg bei der Verkündung des Urteils im Prozess zur Eisschnellläuferin Claudia Pechstein 2016 : Bild: dpa

Bettina Limpergs Weg in die höchsten Ebenen der deutschen Justiz war nicht vorgezeichnet. Sie stammt nicht aus einer Juristenfamilie. Ihr Vater war Gymnasiallehrer in Wuppertal. Frauenförderung war kein Thema in der Familie Limperg. Ihre Mutter hat erst in den siebziger Jahren gegen den Widerstand des Vaters den Führerschein gemacht. Ihre Eltern waren in einer evangelisch-freikirchlichen Gemeinde aktiv, sehr gläubige Menschen. „Gott sieht alles“, dieser Satz spendete ihr in Kindertagen keinen Trost, sondern machte ihr Angst. Sie entschied sich für einen anderen Weg, zog zum Studium nach Freiburg.

Doch später sie fand zurück zur Kirche. Nach der Geburt ihres Sohnes ließ sie sich mit ihm taufen. Kürzlich wurde sie zur evangelischen Präsidentin des 3. Ökumenischen Kirchentages in Frankfurt im Jahr 2021 ernannt. Regelmäßig hilft Limperg nun in ihrer Gemeinde dabei, Altkleider einzusammeln. Doch das hat hauptsächlich einen anderen Grund: „Dann kann ich einen Lkw fahren. Das liebe ich.“

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