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Seit 30 Jahren Pflegemutter : „Die Kinder haben den Abschied immer dabei“

Sie sagen „Mama“ zu ihrer Pflegemutter – doch viele Pflegekinder wissen nicht, wie lange sie bleiben (Symbolbild). Bild: dpa

Vera Pein nimmt seit drei Jahrzehnten Pflegekinder in ihre Obhut, von denen viele Schlimmes erlebt haben – und die zugleich nicht wissen, wie lange sie bei der Mutter auf Zeit bleiben dürfen. Pein erzählt, wie sie es trotzdem schafft, den Schützlingen ein Urvertrauen zurückzugeben.

          6 Min.

          Frau Pein, Sie haben in den vergangenen 30 Jahren 60 Pflegekinder betreut. Können Sie sich noch an Ihr erstes Pflegekind erinnern?

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Natürlich, das bleibt einem im Gedächtnis. Damals stand ich vor der Herausforderung, ob ich dem ganzen überhaupt gerecht werden kann.

          Das Kind war misshandelt worden, seine Mutter hatte Zigaretten auf seinem Rücken ausgedrückt.

          Ja, und es war damals klar, dass das Mädchen von einer Familie adoptiert wird; die war aber noch verreist. Ich war sehr aufgeregt. Entscheidend war für mich aber, dass ich schnell einen Zugang zu dem Kind gefunden habe.

          Und wodurch?

          Ich merkte intuitiv, was dieses Kind in diesem Moment braucht. So sollte es die ganzen Jahre bleiben. Ich wusste immer schnell: Braucht ein Kind zum Beispiel intensive körperliche Nähe. Oder lässt man es erst einmal in Ruhe.

          Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es möglich ist, den Kindern in kurzer Zeit ein Urvertrauen zu geben.

          Wichtig ist es für die Kinder von Anfang an, dass der Tag immer gleich abläuft. Eine Struktur im Alltag gibt ihnen einen ungeheuren Halt, wenn sie zum Beispiel wissen, dass sie immer zur gleichen Zeit ihre Mahlzeit bekommen oder das Zubettgehritual jeden Abend gleich ist. In diesen ersten Tagen und Wochen gebe ich mir immer ganz große Mühe, so beständig wie möglich mit dem Kind zu Hause zu sein.

          Ihre anderen Kinder – die eigenen und die Pflegekinder – fungierten stets als „Integrationshelfer“, wie Sie es nennen. Wie funktioniert das?

          Die Kinder, die zu uns kommen, haben oft negative Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht. Und wenn sie bei uns auf Kinder aller Altersstufen treffen und einer von ihnen einfach sagt: „Komm, ich zeig dir mal dein Zimmer“ oder „Komm, wir gehen mal spielen“, dann ist es für das Kind leichter.

          Die Kinder haben teilweise ein schweres Schicksal und sind oft misshandelt worden. Wie schafft man es als Pflegemutter, damit zurechtzukommen?

          Das musste ich lernen. Ich hätte sonst nicht mehr schlafen können. Denn diese Geschichten können einen abends im Bett einholen. Am einfachsten habe ich mich getan, wenn ich die Hintergründe gar nicht kannte. Manchmal hat man mir von einem auf den anderen Tag ein Kind gebracht. Nach Wochen kam dann ein Ordner, in dem stand, welche psychischen Störungen das Kind hat. Oft dachte ich, dass ich das falsche Kind zu dieser Akte habe.

          Haben Sie ein Beispiel?

          Es gab mal ein Mädchen, das stand am ersten Nachmittag bei mir im Garten und sah so aus, als überlegte es noch: Will ich jetzt sterben, oder mache ich weiter? Sie war zweieinhalb Jahre alt und hatte einen so toten Blick, das war fürchterlich. Ich habe das Mädchen trotzdem so behandelt, als wäre es das Nachbarskind, das zum Spielen kommt, ganz normal eben. Nach einem Monat schon war es ein hüpfender Gummiball, freudig und begeisterungsfähig. Als dann die Unterlagen kamen, dachte ich: „Zum Glück wusste ich das alles nicht.“ Man kann ein anderes Kind aus ihnen machen, wenn man das alles beiseitelegt. Wenn man aber von vornherein denkt: „Oh, da muss ich aufpassen“, schiebt man dieses Kind wieder auf eine Schiene, auf der es vorher schon war.

          Wie sind Ihre beiden eigenen Kinder damit umgegangen, dass fremde Kinder einzogen?

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