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Die Oscar-Nacht : Schlecht gelaunt mit Bodyguard

  • -Aktualisiert am

Christoph Waltz bekam einen Oscar, doch im „Café des Artistes” knallten nicht die Korken Bild: dpa

Trotz Niederlage eine muntere Oscar-Party feiern - in dieser Disziplin, in der Bernd Eichinger und seine Baader-Meinhof-Crew im vergangenen Jahr Talent bewiesen, fehlt Michael Haneke und seinen Darstellern noch die Übung.

          Die Chancen der deutschsprachigen Schauspieler und Filmemacher standen wirklich gut, nach den 82. Academy Awards eine entspannte Partynacht in Los Angeles zu erleben. Schon wochenlang war die österreichische Oscar-Hoffnung Christoph Waltz als Favorit für die Trophäe „Bester Nebendarsteller“ durch die amerikanischen Talkshows gereicht worden und hatte den Amerikanern bewiesen, dass auch ein Nazi aus Tarantinos „Inglourious Basterds“ im Privatleben ein charmanter Mensch sein kann. Sein für den Auslands-Oscar nominierter Landsmann Michael Haneke war gleich mit einem optimistischen Schwarm junger Darsteller aus „Das Weiße Band“ nach Los Angeles gekommen und konnte sich ebenfalls Chancen auf die goldene Trophäe ausrechnen. Genau wie sein Kameramann Christian Berger, den die Filmakademie für den Oscar in der Kategorie „Beste Kameraführung“ nominiert hatte. Auch der Filmkomponist Hans Zimmer, gebürtiger Frankfurter mit kalifornischem Domizil, saß in diesem Jahr nach einer goldenen Statue für die Musik zu dem Trickfilm „König der Löwen“ 1995 im Kodak Theatre und wollte mit ein bisschen Glück einen zweiten Oscar holen, diesmal für seine Kompositionen zu Guy Ritchies „Sherlock Holmes“.

          Doch dann wurde es in dieser Sonntagnacht doch nichts mit der Feierlaune. Das lag nicht an dem wenig politisch korrekten Witz, den das Moderatorenduo Steve Martin/Alec Baldwin auf Kosten von Waltz zum Besten gab. „In ,Inglourious Basterds’ spielt er einen Nazi, der wie ein Besessener Juden jagt“, sagte Martin und wies mit einer ausladenden Armbewegung in das Publikum. „Hier, Christoph, kannst du aus dem Vollen schöpfen.“ Waltz setzte sein mittlerweile berühmtes Hauptmann-Lada-Lachen auf und wartete weiter auf seinen Oscar, den Penelope Cruz ihm dann nach der vermutlich kürzesten Rede des Abends überreichte.

          Festhalten an der Bierflasche

          Spätestens da hätte das deutschsprachige Filmvolk eigentlich die ersten Champagnerkorken im „Café des Artistes“ in Hollywood knallen lassen müssen, vor dem es in diesem Jahr den roten Teppich für die traditionelle Viewing Party ausgerollt hatte. Eine ausgelassene Stimmung wie bei der Feier von Eichingers „Baader Meinhof Komplex“ im vergangenen Februar wollte sich aber trotz Oscars mit malerischer Dankesrede und einer ausgelassenen Elke Sommer mit Nerz-Stirnband nicht einstellen.

          Regisseur Michael Haneke kämpfte sich stumm an den reservierten V.I.P.-Tischen vorbei

          Vielleicht lag es an dem Ambiente des Cafés, einer Mischung aus Berliner Wohngemeinschaft mit österreichischer Skihütte, oder an den frischen Temperaturen, denen die vereinzelten Wärmestrahler nichts anhaben konnten. Man hielt sich also weiter an der Bierflasche fest und wartete darauf, dass Quentin Tarantino und Pedro Almodóvar den besten nicht englischsprachigen Film prämierten.

          Zuvor formulierte aber Mo’Nique, gerade für ihre Rolle in „Precious“ mit einem Oscar als beste Nebendarstellerin belohnt, eine Spitze in Richtung der Academy: „Es ging ausnahmsweise um Schauspiel und nicht um Politik.“ Danach erklomm auch noch Sandra Bullock die Bühne, um die Kategorie „Beste Kamera“ zu präsentieren. Im Café des Artistes, einen Block vom Kodak Theatre entfernt, drückten alle die Daumen, denn schließlich war ja auch „der Christian“ dabei. Bullock, bis zu ihrem 12. Lebensjahr eine Nürnbergerin, verlas ganz ohne amerikanisches Roll-R den Namen Berger, aber leider nicht als Gewinner. Den Oscar gab sie dem „Avatar“-Kameramann Mauro Fiore. Selbst die Schilderungen seiner Kindheit vermochten den Gästen der Viewing Party im Café des Artistes kaum Zeichen von Sympathie zu entlocken. Bei Hans Zimmer, der wenig später mit seinen „Sherlock Holmes“-Arrangements leer ausging, währte die Trauer nur kurz. Zur Ablenkung zogen sich ein paar deutsch-österreichische Grüppchen vorübergehend zu Steaks und Kartoffelbrei am Buffet zurück.

          „Scheiße, so eine Scheiße!“

          Nach fast drei Stunden wurde es dann aber endlich so spannend, dass Frust und Kälte für einen Augenblick vergessen waren. Die Kamerateams lenkten die Scheinwerfer auf die deutschen und österreichischen Filmschaffenden vor den Bildschirmen der Party, um ihre Reaktion auf das einzufangen, was gerade im Kodak Theatre vor sich ging. Als Tarantino und Almodóvar das rote Siegel von dem Kuvert gelöst hatten und „The Secret in Their Eyes, Argentina“ statt „The White Ribbon, Germany“ präsentierten, ging ein verständnisloses Raunen durch das Café. Ein Gast schrie: „Scheiße, so eine Scheiße!“

          Die Nachwuchsstars Roxane Duran, Enno Trebs, Leonard Proxauf und Janina Fautz, die in Hanekes Schwarzweißfilm Kinder mit dunklen Geheimnissen spielen, wurden einsilbig. „Wir sind am Boden“, sagte ein Partygast. Kurz darauf, bei der Präsentation der „Besten Regie“, wurde plötzlich der Bildschirm schwarz, das passte perfekt. Als Kathryn Bigelow als erste Frau in der Geschichte der Filmakademie zur besten Regisseurin gekürt wurde, lief das Gerät zwar wieder. Aber das Partypublikum im Café des Artistes ließ es kalt. „Bei uns war letztes Jahr wirklich bessere Stimmung“, sagte Katja Eichinger, die Frau des „Baader-Meinhof“-Regisseurs Bernd Eichinger, der im vergangenen Jahr auch leer ausging. „Wir haben trotzdem gefeiert.“

          Diese Disziplin müssen Michael Haneke und seine Darsteller noch üben. Als der Regisseur aus dem Kodak Theatre vor dem Café des Artistes ankam, kämpfte er sich stumm an den reservierten V.I.P.-Tisch und wollte mit seinen Darstellern Susanne Lothar und Burkhart Klaussner allein sein. Um seinen Gästen das unmissverständlich klar zu machen, wurde eine Absperrung in das Restaurant geschafft und mit einem Zweimeter-Bodyguard verziert. Die Frage nach schlechter Laune wollte Produzent Stefan Arndt nicht gelten lassen. Schließlich habe man nicht mit einem Oscar gerechnet. „Aber so eine dreieinhalbstündige Gala ist doch eine echte Unverschämtheit von den Amerikanern!“

          Versager, Stolperer und Vergessene

          Steve Martin, neben Alec Baldwin Gastgeber des Abends, hatte es gleich auf zwei der fünf nominierten Hauptdarstellerinnen besonders abgesehen. Es sei so schwer, einen Oscar zu bekommen. Und trotzdem werde jedes Jahr wieder Meryl Streep nominiert. So halte sie den Rekord der meisten Nominierungen (16). Oder, wie Steve Martin es sieht: Sie ist die größte Versagerin Hollywoods, weil sie bislang erst zweimal ausgezeichnet wurde. Sandra Bullock wiederum holte er mit einer der üblichen amerikanischen Höflichkeitsfloskeln auf die Bühne: Man solle „my longtime dear friend“ begrüßen. Was, nach den Worten Martins, bedeutet, dass er ihr noch nie begegnet sei.

          Ben Stille r durfte den Oscar in der Kategorie „Bestes Makeup“ überreichen. Er kam als blau geschminkter Außerirdischer auf die Bühne - in Anspielung auf James Camerons neunmal nominiertes Science-Fiction-Werk „Avatar“. Ironie: Camerons Film sei ausgerechnet in dieser Kategorie nicht mal nominiert, so Stiller - da aber wäre Cameron ein Oscar so gut wie sicher gewesen. So bekam der Film gerade mal drei Awards, und Cameron ging als Regisseur leer aus.

          Schlechtes Schuhwerk

          Wer auf eine Gala geht und womöglich auf die Bühne muss, sollte auf sein Schuhwerk Wert legen: Zwar können sich weibliche Stars meist darauf verlassen, dass sie später auf Fotos wie Statuen in ihren Kleidern zu sehen sind, doch auf den bewegten Bildern gaben viele keine gute Figur ab. Einige schafften es in ihren Plateau-High-Heels kaum die Bühne hinauf oder hinunter. Barbra Streisand konnte nicht mal alleine drei Stufen hinunter zum Mikrofon gehen und musste auf einen sie stützenden männlichen Arm aus den Kulissen warten.

          Wie jedes Jahr gedachte die Academy auch 2010 der in den vergangenen zwölf Monaten verstorbenen Akteure im Filmgeschäft. Peinlich, dass einige vergessen wurden, unter ihnen Farrah Fawcett („Drei Engel für Charlie“) und Bea Arthur („Golden Girls“). Beide feierten auch auf der Kinoleinwand Erfolge.

          Sandra Bullock ist zwar nicht die Erste, die einen Oscar als beste Schauspielerin und eine goldene Himbeere als schlechteste Schauspielerin des Jahres bekommen hat - auch Halle Berry ging es so. Die 45 Jahre alte Bullock bekam die Auszeichnungen allerdings innerhalb von nur 24 Stunden. Sie holte sich am Samstag und am Sonntag die Statuen persönlich ab - und will sie nun bei sich zu Hause nebeneinander aufstellen. (pps.)

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