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Alles richtig gemacht

Von BERTRAM EISENHAUER

16.01.2017 · Am 20. Januar endet die Präsidentschaft von Barack Obama, er und die Familie verlassen das Weiße Haus. Seine politische Bilanz ist umstritten, doch gerade seine Töchter lässt die Nation nur ungern gehen.

Für Barack Obama sind diese Tage ein einziger Abschied – der umso schmerzlicher ausfällt, weil sein Nachfolger sich anschickt, die Hinterlassenschaft des ersten Afroamerikaners im Weißen Haus so schnell wie möglich so weitgehend wie möglich auszuradieren. Und doch galten die emotionalsten Worte des scheidenden Präsidenten bei seiner letzten Rede im Amt am Dienstag seiner Familie. Mit Tränen in den Augen sprach er von seiner Frau, „Michelle LaVaughn Robinson, meiner besten Freundin“, von ihrer Grazie und ihrem Mut – und von Malia, 18, und Sasha, 15, seinen Töchtern.

„Ihr seid klug, und ihr seid bildschön“, sagte er den beiden vor Zehntausenden von Zuschauern in seiner Heimatstadt Chicago. „Aber was noch wichtiger ist: Ihr seid gütig, und ihr seid nachdenklich, und ihr seid leidenschaftlich.“ Während sein Blick im Publikum nach den beiden suchte, fuhr er fort: „Die Last der Jahre im Scheinwerferlicht habt ihr locker getragen. Von allem, was ich in meinem Leben getan habe, bin ich am stolzesten darauf, euer Vater zu sein.“

© AP In Schwarz und Rot fing es an: Familie Obama am Wahlabend im November 2008 in Chicago

Dabei fiel erst nach der präsidentiellen Rede auf, als seine Familie zu ihm auf die Bühne kam, dass an diesem Abend das so vertraute Tableau der Obamas – der schlaksige Barack, die hochaufgeschossene Michelle, die zwei Mädchen, Händchen haltend und der Menge zuwinkend – unvollständig war: Sasha, die Jüngste, fehlte. Auf Twitter fragten Nutzer: „Nur neugierig. Wo ist die andere Tochter? LOL. Was könnte wichtiger sein als dies hier????“ Unter den nicht immer ernstgemeinten Antworten: Vielleicht habe man bei einem so begehrten Event nur zwei Tickets pro Familie kriegen können. Vielleicht sei sie zu Hause und bereite ihre eigene Präsidentschaftskandidatur vor, für das Jahr 2040.

Aufklärung kam bald vom Weißen Haus: Sasha – offiziell „Natasha“ – habe am nächsten Morgen eine Klassenarbeit, weshalb sie in Washington, D.C., geblieben war; auf der Website ihrer Schule, Sidwell Friends, akademische Heimat für die Kids von vielen glitterati der Hauptstadt, heißt es: „Abwesenheiten wegen Reisen sind kein hinreichender Grund für die Verlegung von Prüfungen.“ Es klang ganz unspektakulär, geradezu normal: Papa hält eine Rede? Na und, aber die Tochter hat am Morgen einen Physiktest.

© AFP Foto mit First Dog: Die Obamas gehen mit ihrem Hund Bo im April 2009 im Garten des Weißen Hauses spazieren.

Teenager Malia ist erwachsen geworden Nun ja, so normal es eben sein kann, wenn dein Zuhause zugleich ein Museum mit Hunderttausenden von Besuchern pro Jahr ist sowie die Regierungszentrale deines Heimatlandes, der Befehlsstand von dessen Oberkommandierendem und ganz allgemein dessen Symbol für Demokratie. Und wenn dein Vater als der mächtigste Mann der Welt gilt. Und wenn du dir das alles nicht ausgesucht hast.

Doch haben die zwei Obama-Töchter, die mit zehn respektive sieben in den Gebäudekomplex einzogen, nicht nur formative Jahre ihres Lebens im Weißen Haus verbracht; gerade die nachdenklichere Malia, inzwischen 18, sieht heute aus, als sei sie dem Film „The Devil Wears Prada“ entsprungen: Typ big-city professional woman. Oder Diplomatin. Der Teenager ist erwachsen geworden.

Viele Amerikaner bescheinigen den First Daughters (und ihren Eltern) ohnehin, dass sie die acht Jahre einer Existenz wie in einem gigantischen Aquarium hinter sich gebracht haben, ohne dass es ihnen zu Kopf gestiegen wäre. Die Schlussbilanz des Vaters mag umstritten sein – die Töchter sind ein Hit. Barbara Bush und Jenna Bush Hager, die beiden Töchter von Obamas Vorgänger George W. Bush, schrieben ihren Nachfolgerinnen vergangene Woche in einem offenen Brief via Nachrichtenmagazin „Time“: „Wir haben dabei zugesehen, wie Ihr herangewachsen seid, von Mädchen zu beeindruckenden jungen Frauen, mit Anmut und Leichtigkeit.“

© dpa/Pete Souza, ddp, AFP Von Mädchen zu jungen Frauen: Vater und Töchter sehen 2012 Mutter Michelle im Fernsehen; Malia und Sasha im März mit Schauspieler Ryan Reynolds; die Schwestern machen bei der Parade zur Amtseinführung ein Selfie.

Die Bush-Zwillinge wurden mit Alkohol erwischt Gerade die Bush-Zwillinge – die ihren designierten Nachmietern vor deren Einzug 2009 auch schon die Wohnquartiere im Weißen Haus zeigten, was die jüngeren Obama-Sisters angeblich dazu verführte, auf den Betten herumzuhüpfen – wissen, welche Fußangeln das Heranwachsen hat, wenn man Fehltritte nicht nur vor den Eltern, sondern auch vor der Öffentlichkeit verantworten muss. 2001, damals waren Jenna und Barbara 19, wurden sie zweimal erwischt, weil sie als Minderjährige Alkohol konsumierten beziehungsweise mit einem gefälschten Ausweis zu kaufen versuchten. Von den Obamas sind derlei Eskapaden nicht bekannt, wenn man von dem unruhigen Sommer absieht, den Malia dieses Jahr erlebte und in dem sie beim Rauchen eines Joints erwischt wurde.

© AP Die Bush-Töchter Jenna and Barbara

Andererseits hat das Leben in dem Haus mit der Adresse 1600 Pennsylvania Avenue auch so seine Vergünstigungen, dank 132 Zimmern, dem Tennisplatz, dem Kino, dem Pool. Welche Möglichkeiten für Pyjama-Partys, zu denen auch die Obamas schon Freunde empfangen haben! Prominente wie Beyoncé und Jay Z oder bedeutende Menschen wie Papst Franziskus kennenzulernen, wie es Malia und Sasha vergönnt war, ist eine Erfahrung, mit der ihre Altersgenossen in aller Regel nicht rechnen können.

Als im März ein Foto vom ersten Staatsbankett für die Schwestern bekanntwurde, auf dem Sasha mit dem Hollywood-Schauspieler Ryan Reynolds schäkert und ihre Schwester im Hintergrund grinsend ein doppeltes Daumen-hoch-Zeichen macht, war die öffentliche Reaktion eindeutig: „Just so darn cute“ – einfach verdammt süß.

Das heilige Dinner Besonders dem Präsidenten liegt viel an einem möglichst intensiven Familienleben – vermutlich weil sein eigener Vater in seinem eigenen Leben kaum präsent war. Schon bald nach seiner Amtseinführung teilte Obama seinen Mitarbeitern mit, er wolle an fünf Tagen in der Woche mit seiner Frau und den Töchtern zu Abend essen; nicht einmal Michelles Mutter Marian Robinson, die im Weißen Haus ihre eigenen Räume hat, solle dabei sei.

Dieses Dinner, so erzählte es Obamas persönlicher Assistent Reggie Love, wurde behandelt, als sei es ein Meeting im „Situation Room“, dem militärischen Lagezentrum. Des Präsidenten Mitarbeiter rufen ihn bisweilen später zurück zur Arbeit, aber diese Stunde ist heilig. Sie entschädigt womöglich auch dafür, dass die Kinder zu Halloween nicht durch die Nachbarschaft ziehen können, weil der öffentliche Auflauf zu groß wird.

© Laif Eigene Haltung: Malia und Sasha bei der Begnadigung eines Truthahns an Thanksgiving 2014.

Tennis mit Malia, Tanzen mit Sasha Der Journalist Joshua Kendall, der sich für sein Buch „First Dads“ mit „Parenting and Politics from George Washington to Barack Obama“ (so der Untertitel) beschäftigte, kommt darin zu dem Schluss, Obama sei „nur einer von einer Handvoll Präsidenten, die als Väter vorbildlich waren“; die überwiegende Mehrheit seiner Vorgänger habe wenig Zeit mit dem Nachwuchs verbracht. Obama selbst redet mit einigem Stolz davon, dass er Malia alle sieben Bücher der Harry-Potter-Serie und Sasha Yann Martels „Schiffbruch mit Tiger“ vorgelesen habe; zudem frühstückt er an den meisten Tagen mit seinen Töchtern und hat es angeblich zu vielen von Malias Tennisturnieren und Sashas Tanzabenden geschafft.

© AP Barack Obama und seine Töchter Malia, links, und Sasha verlassen die Air Force One, im Dezember 2016.

Aber natürlich ist das Weiße Haus trotz aller guten Vorsätze eine zu extreme Umgebung, als dass eine Präsidentenfamilie darunter nicht leiden würde. In einem Interview mit CBS sprach Michelle Obama 2013 über Eltern, die Arbeit und Heim ins Gleichgewicht bringen müssen, und begann: „Glauben Sie mir, als vielbeschäftigte, alleinerziehende Mutter...“, bevor sie sich korrigierte: „Ich sollte nicht sagen ,alleinerziehend‘ – als vielbeschäftigte Mutter..“ und schließlich hinzufügte: „Wissen Sie, wenn Sie einen Mann haben, der Präsident ist, kann man sich ein bisschen so vorkommen, als sei man allein, aber er ist da.“

Trotz Bediensteten im Haushalt voll eingespannt Auch mussten die Obama-Töchter sich früh daran gewöhnen, dass ihre Eltern so einiges von ihnen verlangen, etwa dass sie im Haushalt mithelfen, ihre Betten machen und ihre Zimmer aufräumen – obgleich im Weißen Haus dafür Bedienstete zur Verfügung stünden. Damit sie wissen, wie sich harte Arbeit anfühlt, wurden die Mädchen ermuntert, mal einen Job zum Mindestlohn anzunehmen; Sasha beispielsweise arbeitete im Sommer bei einem Fischrestaurant auf Martha’s Vineyard – da, wo die Familie sonst teuer Urlaub machte. Als Malia bei einer Klassenarbeit in Naturwissenschaften eine Punktzahl in den 80er-Rängen erreichte und fand, das sei „ziemlich gut“, korrigierten die Eltern sie: Das Ziel seien „90 Prozent und darüber“.

Weitere Regeln: Handy – mit frühestens 12. Und daten? Jungs? Darf Malia, seit sie 15 ist (und ihre Zahnspange los), und sie hat das angeblich auch schon getan. Viel mehr ist nicht bekannt; die Obamas haben mit den Medien ein ausgefeiltes Protokoll verabredet, das die Privatsphäre der Töchter wie ein Kokon umgibt. Mutter Michelle hat ihren eigenen Terminkalender um jenen der Mädchen herumgebaut.

© Getty Malia, im September 2016, sendet eine Botschaft per T-Shirt.

Baracks Erinnerungen an das „goldene Alter“ Der Präsident spricht seit einigen Jahren fast nostalgisch von den Tagen, in denen Sasha und Malia noch nicht in der Pubertät waren. „Das goldene Alter“, so berichtete er dem Magazin „GQ“, „ist so zwischen sechs, sieben und zwölf; da sind deine Kinder deine Kumpel und wollen einfach mit dir abhängen. Danach lieben sie dich noch, aber sie haben nicht mehr so viel Zeit für dich.“ Das sei einfach so: „Sie haben dann all diese Freunde, die viel interessanter sind.“

Mit ein wenig Glück aber und solange man sich während der Teenagerjahre nicht zu doof angestellt habe, „kommen sie so mit 23, 24 zu dir zurück und wollen wirklich mit dir abhängen. Was für die entgangene Zeit entschädigt: Nichts ist besser, als mitanzusehen, wie deine Kinder klüger und cooler als du selbst werden.“

© AP, AFP, dpa „Nichts ist besser, als mitanzusehen, wie deine Kinder klüger und cooler als du selbst werden“, sagt Obama über seine Töchter.

Der Präsident als sentimentaler Dad: Für den Politiker Obama waren seine Töchter (und seine Frau) stets auch ein Instrument, um eine Verbindung zu den Wählern aufzubauen. Gerade die paradoxe Stellung von Malia und Sasha – öffentliche Figuren, die dem letzten Zugriff der Öffentlichkeit doch entzogen blieben; außergewöhnlich, aber natürlich – besitzt enorme Anziehungskraft. „Die Familie wirkte so völlig normal“, sagte ein Wahlkampfstratege des 2008 unterlegenen John McCain, „die Art Leute, die man bei einem Fußball- oder einem Basketball-Spiel trifft.“

Malia geht im Herbst nach Harvard Hinzu kommt dies: Als Symbolgestalt hat Obama nicht nur gezeigt, dass ein Schwarzer Präsident werden kann; er und seine Familie haben auch vorgeführt, dass es das ebenfalls gibt – eine heile schwarze Familie, deren innere emotionale Ordnung so ganz anders ist als die Zerrüttung, die in vielen afroamerikanischen Familien vor allem der Unterschicht dominiert. Nur dass die Wahl von Trump gezeigt hat, dass nicht wenige Amerikaner mit diesem positiven Bild fremdeln.

Nun aber ziehen die Obama-Mädchen und ihre Eltern erst einmal aus; die Demokratie verlangt es. Malia, die schon ein Praktikum bei der Fernsehserie „Girls“ absolviert hat und laut ihrer Mutter Interesse am Filmemachen zeigt, beginnt im Herbst – nach einem hitzigen Wettbewerb unter mehreren Colleges – ein Studium in Harvard, Alma Mater beider Eltern. „Ich bin noch nicht so weit, sie gehen zu lassen“, sagte ihr Vater in einer Talkshow, „aber sie ist bereit.“ Da Sasha noch zwei Jahre brauchen wird bis zum Abschluss bei Sidwell Friends, bleibt der Rest der Familie so lange noch in Washington. In Kalorama, einem gehobenen Viertel, hat sie ein neues Zuhause gefunden: neun Schlafzimmer, achteinhalb Badezimmer, Parkettböden, Weinkeller, Platz für zwei Autos in der Garage.

© EPA Der Präsident mit Michelle und Tochter Malia: „Ich bin noch nicht so weit, sie gehen zu lassen“, sagte ihr Vater in einer Talkshow, „aber sie ist bereit.“

Offiziell letzter Tag der Obamas im Weißen Haus ist der 20. Januar, Tag der Amtseinführung von Donald Trump. Schon vor Wochen abtransportiert wurde die Kletterlandschaft aus Holz im Garten, die 2009 für Malia und Sasha angeschafft worden war. Zu ihr gehörten eine Rutsche, ein Fort, eine Kletterwand und diverse Schaukeln, und sie war vom Oval Office aus zu sehen. Bevor sie jetzt an eine karitative Einrichtung in Washington gespendet wurde, fragte das Weiße Haus bei der Familie Trump an, ob diese das Spielzeug behalten wolle; Trump-Sohn Barron ist zehn, so alt wie einst Malia, als sie einzog. Die Trumps lehnten dankend ab.

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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 16.01.2017 14:00 Uhr