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Nikolaus’ dunkler Helfer : Streit um den Zwarte Piet

Noch schwarz: Im vergangenen Jahr zog Sinterklaas in Amsterdam mit Zwarte Pieten ein, die rußgefärbte Gesichter hatten. Bild: Getty

Die Niederländer ringen um die Gestalten, die ihrem Nikolaus helfen. Dürfen sie schwarz sein? Es geht um Rassismus – und eine Tradition.

          4 Min.

          Der Regen prasselt herunter an diesem späten Nachmittag, der schon stockdunkel geworden ist. Die Kälte von sechs, sieben Grad kriecht durch den Mantel. Martinstag im Stadtteil Noord von Amsterdam, der nach Auskunft der Kommune zu den Sankt-Martins-Hochburgen in der Metropole gehört. Ein Brauch am 11. November, wie er auch in Deutschland bekannt ist. Kinder ziehen mit Lampions durch die Straßen, klingeln an den Türen, singen ein Lied – und erbeuten ein paar Süßigkeiten oder auch einige Mandarinen.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In diesem Jahr hat es das Wetter nicht gut gemeint mit den Jungen und Mädchen in Amsterdam-Noord. Aber der Tag verläuft zumindest so friedlich wie jeder andere; das Kinderfest bringt niemanden in Aufruhr – ganz anders als der Brauch, der am Wochenende wieder ansteht.

          Dann taucht mit Pomp und viel Farbe der Nikolaus auf, der Sinterklaas: Es ist ein Volksfest, einer der Höhepunkte im niederländischen Kalender. Doch seit Jahren wird der Spaß überschattet. Denn Sinterklaas lässt sich von Helfern begleiten, und die sind schwarz. Rassismus sehen die einen darin, nichts als harmlose Tradition die anderen. Der Streit um den Schwarzen Peter, den Zwarte Piet, wird immer erhitzter. Er führt zu Demonstrationen, Pöbeleien, sogar Gewalt.

          Durch den Schornstein

          Den Nikolaus feiern Niederländer traditionell größer und früher als die Deutschen. Mitte November schon ziehen der rotbemantelte Alte und seine Begleiter in viele Städte des Landes ein: Auftakt einer Festsaison. In den darauffolgenden Wochen teilen Sints und Zwarte Pieten auf Straßen, später auch in Schulen und Kindergärten, Süßes aus, Spekulatius und Pfeffernüsse. Zu Hause stellen Kinder ihre Schuhe bereit. Denn nach der Legende reitet Sinterklaas öfters über die Dächer. Ein Schwarzer Peter kriecht für ihn durch den Schornstein und hinterlegt unten die Geschenke. Zunächst hatte der Sint nur einen Helfer an seiner Seite, später wurden es viele. Die Spannung steigt bis zum Vorabend des Nikolaustages, bis zum 5. Dezember, „pakjesavond“, dem Abend der Päckchen, Pendant des Heiligen Abends in Deutschland. Für viele Niederländer ist der 5. Dezember der Höhepunkt des Jahres, wichtiger gar als das Weihnachtsfest.

          Für das große Volksfest wird jedes Jahr ein Ort auserkoren, der den „nationalen Einzug“ ausrichtet: eine Art zentrale Feier. Dieses Jahr ist das Apeldoorn. Auf den Sinterklaas selbst freuen sich alle; es sind die schwarz geschminkten Zwarte Pieten, um die der Streit tobt. Sie tanzen, machen Dönekens, verteilen Süßigkeiten, haben dicke rote Lippen und tragen Ohrringe. Knechte seien sie, und das veralbere dunkelhäutige Menschen, sagen die Kritiker. Auch die Vereinten Nationen meldeten sich schon zu Wort: 2015 kritisierte ein Ausschuss für die Beseitigung der Rassendiskriminierung „negative Stereotype von Menschen afrikanischer Abstammung“. In der Tat fühlen sich viele farbige Niederländer gekränkt, das ist auch abseits der offiziellen Empörung zu hören.

          Tradition: 2016 wird ein Zwarte Piet in Soest geschminkt.

          Befürworter und Gegner des Schwarzen Peters stellen sich schon Tage und Wochen vor dem Ereignis gegeneinander auf – gelegentlich sogar mit Gewalt. Die Piet-feindliche Bürgergruppe „Kick out Zwarte Piet“, die regelmäßig Anti-Piet-Demonstrationen organisiert, versammelte sich vorigen Freitag in einem früheren Schulgebäude in Den Haag. Eine Gruppe Piet-Befürworter marschierte auf und griff die Zusammenkunft an. Die Befürworter schlugen nach Angaben der Polizei Fenster ein und zerstörten Autos in dem Innenhof. Fünf Personen wurden von der Polizei festgesetzt. Ein Betroffener berichtete, 30 bis 40 Männer hätten den Versammlungsort stürmen wollen, bewaffnet mit schwerem Feuerwerk, Knüppeln und wahrscheinlich anderen Waffen. „Kick out Zwarte Piet“ will seine Sicherheit nun in eigene Hände nehmen, weil die Polizei die Bedrohung nicht ernst nehme.

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