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Film über Schulklasse : Stars für 217 Minuten

Er war ihnen Lehrer, Freund, Vater, Opa: Dieter Bachmann mit seinen ehemaligen Schülern Hasan (rechts) und Jaime in Marburg. Bild: Michael Braunschädel

Ein Lehrer, 19 Schüler, ein Kinofilm und die Frage, wie es weiterging: Ein Treffen mit den Protagonisten aus „Herr Bachmann und seine Klasse“.

          6 Min.

          Als Bachmann nicht mehr weiterwusste, schickte seine Partnerin ihn in den Wald. Seine Klasse, die 6b, hatte Bachmann da schon abgegeben, längst war er im Pensionsalter, hatte aber noch ein Jahr drangehängt und war unschlüssig, ob ein weiteres folgen sollte. Auf eine Liste vom Schulamt hatte er seinen Namen bereits setzen lassen, aber war es nicht doch allmählich Zeit für einen Schlussstrich, für andere Träume? Seine Freundin schickte ihn dann in den Wald, für drei Tage, mit Survival-Kit und der Ansage: „Du kommst nur raus, wenn du eine klare Entscheidung getroffen hast.“ Bachmann lächelt und blickt von den Marburger Lahntreppen auf den Fluss. „Es fiel mir sehr schwer. Ich konnte einfach nicht aufhören.“

          Jörg Thomann
          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aufhören? Um Himmels willen. Wer Maria Speths Kino-Dokumentation „Herr Bachmann und seine Klasse“ anschaut, die diesen Lehrer und seine Schützlinge durchs sechste Schuljahr begleitet, der könnte versucht sein, für den Mann einen Vertrag auf Lebenszeit zu fordern. Der Kritiker eines Fachblatts hat geschwärmt, die Doku gebe einem „zumindest für die Laufzeit den Glauben an die Menschheit“ zurück, was etwas hochgegriffen ist, aber an eine gute und menschliche Schule mag man hinterher schon ein Weilchen glauben. Das ist nicht wenig für einen kleinen, wenn auch sehr langen Dokumentarfilm, der mit 217 Minuten die Dauer eines halben Schultags übersteigt.

          Richtige AC/DC-Saiten

          Auf den ersten Blick wirkt der Lehrer Bachmann aus der Zeit gefallen. Mit grauem Bart, Holzfällerhemd und Strickmütze sitzt er im Film vor den Schülern seiner 6b in der Georg-Büchner-Gesamtschule in Stadtallendorf und erzählt den Zwölf- bis Vierzehnjährigen eine skurrile Story über einen Tisch, der sich in eine Gitarre verliebt und ihr neue Saiten schenkt, so richtige „AC/DC-Gitarrensaiten“. Die Schüler, sozialisiert eher im Hiphop, lauschen. In der Lesestunde greift Bachmann zu Karl May, bei der Weihnachtsfeier schmettert er vor den Kindern und deren Anhang „Knockin’ on Heaven’s Door“. Auch sonst erklingt im mit Instrumenten vollgestellten Klassenraum oft Musik, immer wieder wird gejammt und gesungen. Ein Schüler wie Jaime spielt längst routiniert Gitarre, aber auch Hasan aus Bulgarien, der erst seit einem Jahr in Deutschland lebt, kann sich am Schlagzeug hören lassen.

          Eine echte Gemeinschaft: Bachmann im Kreise seiner 6b an der Georg-Büchner-Schule in Stadtallendorf
          Eine echte Gemeinschaft: Bachmann im Kreise seiner 6b an der Georg-Büchner-Schule in Stadtallendorf : Bild: Grandfilm

          Als man die beiden nun in Marburg zum Gespräch wiedersieht, hätte man sie kaum erkannt, trotz Gitarrenkoffers und afrikanischer Trommel. Gedreht wurde schon 2017, lange hat Speth das vielstündige Material in Form gebracht, dann kam Corona, im Februar die Berlinale, wo der Film einen Silbernen Bären gewann, nun endlich kommt er ins Kino – und die Jungs sind längst junge Männer geworden. Jaime ist 16 und besucht die elfte Klasse, Hasan ist 18, hat den Realschulabschluss gemacht und gerade eine Lehre als Kfz-Mechatroniker angefangen. Nicht verändert hat sich Bachmann, der auch an diesem Tag Strickmütze trägt und, obwohl er nicht mehr Lehrer der beiden ist und Jaime ihn nun Dieter nennt, weiter liebevoll die Richtung vorgibt. Weil er weiß, dass ein hungriger Hasan leicht schlechte Laune kriegt, will Bachmann ihn vorm Interview noch schnell zum Imbiss schicken. Die Idee, hier nachher noch zu musizieren, stammt natürlich auch von ihm.

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