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Italien : Die letzten Köhler Kalabriens

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Jahrhundertealtes Handwerk: Kohleherstellung in Serra San Bruno Bild: Polaris/laif

Im Wald bei Serra San Bruno hält eine Familie an einem fast ausgestorbenen Handwerk fest. Geld verdienen sie damit kaum. Warum bleiben sie der traditionellen Produktion von Holzkohle trotzdem treu?

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          Es gibt noch abgeschiedene Plätze in Italien. Kalabrien zum Beispiel zieht nicht so viele Touristen an wie die Toskana oder Sizilien. Serra San Bruno liegt dazu noch verborgen mitten in den kalabrischen Bergen. Weil sich der heilige Bruno aus Köln, der Urvater der „Kathäuser-Mönche“, hier 1091 in der Einsamkeit niederließ, kommen ein paar Pilger zu seinem Kloster am Ortsrand. Doch in die tiefen Wälder rund um den Ort, wo Eichen, Steineichen, Buchen und Kastanien, Kiefernfichten und Tannen wachsen, wo noch heute Wildkatzen, Wölfe und Habichtsadler leben, verirrt sich kaum jemand. Hier arbeiten im Schatten hoher Bäume und Ginsterhecken, die den letzten Hauch von Wind fernhalten sollen, Kalabriens letzte Köhler.

          Antonio ist einer von ihnen. Der 38 Jahre alte Mann mit der Zigarette im Mund, Ehemann und Vater einer Tochter im Lyzeum, versieht einen Job, dem schon sein Vater und Großvater nachgingen. „Wir waren immer schon Köhler“, sagt Antonio und weiß nicht, seit wie vielen Generationen genau dieses Handwerk in seiner Familie ist. Seine fünf Mitarbeiter stammen alle aus seinem Clan, Vetter unterschiedlichsten Grades. Alle haben offenbar eines gemeinsam: Besonders gesprächig sind sie nicht. Auch moderner Kommunikation sind sie abhold. Antonio hat zwar ein Mobiltelefon, aber für Twitter und andere neumodischen Anwendungen ist er nicht zu haben. Antonio reicht mit festem Druck seine Hand, deren Rillen und Linien kohlschwarz sind, so oft er sich auch die Hände waschen mag. Dann guckt er einen mit neugierigen Augen an, zieht an seiner Zigarette und wartet schweigend auf die erste Frage.

          Ja, diese Köhlerei im Wald von Serra San Bruno sei wohl die letzte ihrer Art in Kalabrien, wenn nicht in ganz Italien. „Das ist keine leichte Arbeit. Wir sind immer draußen, bei Hitze genauso wie bei Regen. Diesen Job will eigentlich niemand mehr.“ Manchmal müsse man mehrere Nächte hintereinander darüber wachen, dass die Holzkohle nicht verbrenne. Dann zeigt Antonio zusammen mit Cousin Fabio, der noch weniger spricht, die neun Meilerplätze mit jeweils zehn Metern Durchmesser, jeder in einer anderen Phase. Auf dem ersten Platz hatten die Männer gerade damit begonnen, große Holzscheite, in diesem Fall aus der besonders lang brennenden Buche, in einem Quadrat so aufzuschichten, dass in der Mitte ein Hohlraum wie ein Kamin bleibt, der in Deutschland Quandel genannt wird. An den Außenrändern werden in der nächsten Phase kleinere Scheite und lose Äste und darüber Erde gelegt und porendicht festgestampft, so dass der bald fünf Meter hohe Meiler in sich abgeschlossen ist. Zum Schluss wird etwas Holz unten im Quandel entzündet, der Kern dann oben auch dicht verschlossen.

          Von keiner Außenluft gestört, soll das kleine Feuer drinnen dazu dienen, die Feuchtigkeit in dem aufgeschichteten Holz zu verdampfen und es zu Holzkohle zu glimmen. An einem der Meiler ist es bald so weit: Der Haufen scheint zu dampfen, und so stößt Antonio in ein bis zwei Metern Höhe sorgfältig neben- und übereinander Löcher in den Meiler, aus denen Holzgas verpuffen und ein gelblich weißer, geruchsloser Rauch austreten kann. In einem anderen Meiler ist die Holzkohle längst reif, und so wird er von oben herab langsam abgetragen. Plötzlich beunruhigt die Männer, dass aus mehreren Stellen Qualm austritt, was auf ein offenes Feuer hinweist, das es längst nicht mehr geben sollte. Fabio klettert auf den Hügel, gräbt sich mit bloßer Hand hier und da in die Holzkohle, bis er die Stelle findet, und beide Männer löschen den Herd mit mehreren Eimern Wasser: „So etwas kann gefährlich werden. Einmal können Brände entstehen; aber wenn das Holz verbrennt, ist auch unsere ganze Arbeit umsonst.“

          In jedem dieser Meiler werde Holz im Wert von 600 Euro „verbaut“. 20 Tage dauere das Köhlern, und am Ende werde die gewonnene Holzkohle für 1000 Euro verkauft, sagt Antonio. Da kann man sich etwa ausrechnen, wie viel Geld Antonio jeden Monat für sich und seine fünf Männer einnimmt. Es ist wohl mehr die Verlässlichkeit eines vertrauten Lebensstils, die diese Familie bei ihrem Handwerk bleiben lässt. Reich kann sie davon nicht werden. Längst wird auf industrielle Weise Holzkohle erzeugt, „freilich nicht so gute und so lang brennende Kohle“, sagt Antonio. Aber in Kalabrien gibt es nur wenig Arbeit; in Antonios Köhlerei sind bei der Art der traditionellen Produktion auch keine Investitionen nötig. Und dann spricht offensichtlich auch für diese Arbeit, dass man dabei unter sich ist: keine Mafia, keine Politik. Tag für Tag streifen nur die Hunde den Köhlern um die Beine. Hoch oben hört man den Wind in den Bäumen und kann sich darauf verlassen, dass Kalabriens Sonne auf- und wieder untergeht.

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