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Kleinste Gemeinde Deutschlands : „Fast wie in einer Kommune“

Man kennt sich: In Dierfeld in Rheinland-Pfalz kann man sich schwer aus dem Weg gehen. Die Einwohner leben und arbeiten in einem Haushalt. Bild: Roderich v. Greve-Dierfeld

Wo liegt die kleinste Gemeinde in Deutschland – und wer wohnt dort? Ein Interview mit dem Ortsbürgermeister Roderich von Greve-Dierfeld über sein kleines Dorf der Superlative.

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          Herr von Greve-Dierfeld, Sie sind Ortsbürgermeister der kleinsten Gemeinde in Deutschland. Wer wohnt dort?

          Wir sind sieben Männer und drei Frauen, die meisten zwischen 20 und 40. Dierfeld ist ein Landgut, es besteht aus mehreren Gebäuden und einer Gesamtfläche von 180 Hektar. Meine Familie, Mitarbeiter und ich leben und arbeiten auf dem Hof. Ich führe einen forst- und landwirtschaftlichen Betrieb.

          Sie sind in Dierfeld aufgewachsen. War der Ort in Ihrer Kindheit auch so klein?

          So weit ich mich erinnere, ja. Aber in den fünfziger Jahren haben hier deutlich mehr Menschen gewohnt. Das hatte mehrere Gründe. Einerseits war die Landwirtschaft damals ja personalaufwendiger. Außerdem lebte es sich nach dem Krieg besser auf dem Land als in der Stadt. Meine Großmutter hat dann auch viele Vertriebene aufgenommen. Später kam dann die Landflucht, und viele Menschen sind in die Städte gezogen. Obwohl diese Entwicklung ja fast wieder rückläufig ist.

          Die Corona-Zeit hat gezeigt, dass es sich im Homeoffice gut arbeiten lässt. Könnten Sie sich vorstellen, dass dadurch mehr Leute aufs Land ziehen?

          Der Trend geht ja in diese Richtung. Hier ist es viel ruhiger, das hat natürlich Vorteile. Es mag Leute geben, die das einsam finden, aber das ist eine Typfrage. Mir geht das nicht so. Aber ich habe als Ortsbürgermeister und Geschäftsführer des Landguts noch einmal eine Sonderposition. Ich kann vieles so gestalten, wie ich es möchte. Wo kann man das schon? Das ist ein Privileg, dessen bin ich mir bewusst.

          Fänden Sie es wünschenswert, dass der Ort wieder größer wird?

          Ja, warum nicht? Vielleicht kriegen meine Mitarbeiter ja Kinder, das wäre natürlich schön.

          Ihre Gemeinde hat auch einen Gemeinderat. Da müsste ja fast das ganze Dorf Mitglied sein.

          Ja, das ist so. Wir haben sieben Mitglieder. Ich gehe auf die Einwohner zu und frage sie, ob sie Lust hätten, sich dort zu engagieren. Wenn das jemand anbietet, nehme ich das dankbar an. Viele Gemeinderatsmitglieder haben ihren Posten schon seit Jahren.

          Ist auch eine Frau im Gemeinderat?

          Ja, eine meiner Schwestern.

          War immer klar, dass Sie eine eigenständige Gemeinde bleiben?

          Ja. Wir wollen unsere Eigenständigkeit unbedingt beibehalten. Statistisch gesehen, sind wir ja eine Gemeinde der Superlative: die größte Waldfläche pro Einwohner, der höchste Migrationsanteil, weil sieben Bewohner aus Polen kommen. Bis vor kurzem hatten wir den höchsten Gewerbesteuersatz von 900 Prozent, weil ich finde, dass man nicht auf Kosten der nächsten Generation leben sollte. Natürlich kann man das nicht so hochrechnen. Aber symbolisch betrachtet, ist das doch ein schönes Beispiel. Ich glaube übrigens, auch das Land Rheinland-Pfalz ist stolz darauf, dass hier die kleinste Gemeinde Deutschlands liegt.

          Wie funktioniert es, wenn Wahlen anstehen, zum Beispiel die Bundestagswahl?

          Da bilden wir einen Stimmbezirk mit Manderscheid. Sonst müssten wir ja das Wahllokal den ganzen Tag geöffnet haben, das ginge nicht.

          Wie klappt es mit dem Zusammenleben? Hat man zwangsläufig miteinander zu tun?

          Natürlich, das lässt sich ja nicht vermeiden. Wir wohnen und arbeiten alle in einem gemeinsamen Haushalt. Da kann man fast von einer Kommune sprechen. Man nimmt auf die anderen Rücksicht und versucht auf die Bedürfnisse eines jeden einzugehen, dass keine Konflikte entstehen.

          Haben Sie Ihr ganzes Leben in Dierfeld gewohnt?

          Nein, ich war in der Schulzeit auf dem Internat und habe mehr als zehn Jahre auf Ibiza gelebt.

          Fiel es Ihnen danach schwer, an so einen kleinen Ort zurückzukehren?

          Eigentlich nicht. Ich war ja schon über 30, als ich den Betrieb meines Vaters übernommen habe. Jetzt habe ich eine Familie mit drei Kindern, die hier unbeschwert aufwachsen können. In meiner Jugend konnte ich viel reisen und das kulturelle Angebot vieler Großstädte nutzen. Da fällt es einem nicht schwer, zu seinen Wurzeln zurückzukehren.

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