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Grammy-Verleihung : Eine Preisverleihung ohne Politik gibt es nicht mehr

„Sexuelle Gewalt gibt es nicht nur in Hollywood oder Washington“: Sängerin und Schauspielerin Janelle Monae hielt eine emotionale Rede. Bild: Reuters

Die Grammys waren voller emotionaler Reden gegen sexuelle Gewalt, gegen Diskriminierung und für die Rechte der Migrantenkinder. Das gefiel nicht jedem.

          Preisverleihungen, so war das in den vergangenen Jahren zumindest, sind selten politisch. Zunächst sah es auch bei den Grammys nicht danach aus, dass sie eine politische Dimension bekommen könnten. Bis vor wenigen Tagen noch war der Auftritt der Sängerin Kesha der einzige Hinweis auf die MeToo-Bewegung, den sich die Preisverleihung gestatten wollte. Dann aber traten die Frauen in Aktion. Eine kleine Gruppe weiblicher Führungskräfte aus dem Musikgeschäft rief in einer Rundmail die Künstler auf, eine weiße Rose am Revers zu tragen, „als Zeichen für Hoffnung, Frieden, Sympathie und Widerstand“, wie die New York Times berichtete. Bereits bei den Golden Globes hatten die meisten Schauspielerinnen schwarze Kleidung getragen, um ihre Solidarität mit den Opfern sexueller Gewalt zu zeigen. Die Geste mit der Rose nahm die Musikbranche als ihre Solidaritätsbekundung auf.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Und es blieb nicht der einzige Blick auf das aktuelle politische Geschehen. Sängerin und Schauspielerin Janelle Monáe, die zuletzt im Kinofilm „Hidden Figures“ als erste schwarze Nasa-Ingenieurin zu sehen war und Keshas Performance ankündigte, verwies auf die Opfer sexueller Gewalt in der Musikbranche: „Das passiert nicht nur in Hollywood, das passiert auch nicht nur in Washington. Das passiert genau hier in unserer Branche.“ Emotional rief sie dazu auf, die Zustände zu erkennen und zu ändern: „An diejenigen, die versuchen, uns stumm zu machen, richten wir zwei Worte: Time’s up…Wir haben die Macht, diese Kultur zu ändern, die uns nicht guttut. Lasst uns zusammen daran arbeiten, eine sichere Arbeitsumgebung zu schaffen und gleiche Löhne zu bekommen.“ Nicht ohne Grund folgte ihrer Rede der Auftritt der Sängerin Kesha. Sie hatte 2014 eine Klage wegen sexueller Übergriffe gegen ihren Produzenten angestrebt und damit in der Musikbranche für viel Wirbel gesorgt.

          Sängerin Kesha (zweite von rechts) sang „Praying“ unter anderem begleitet von Cyndi Lauper (links) und der kubanischstämmigen Camila Cabello.

          Doch nicht nur die Diskussionen um sexuelle Gewalt fanden ihren Weg auf die Bühne. Alles, was Amerika im vergangenen Jahr umtrieb, nahmen die Künstler in ihren Reden und Auftritten auf. Die junge Sängerin Camila Cabello, deren Eltern aus Kuba stammen, verteidigte die „Dreamer“, jene jungen illegalen Einwanderer, um deren Bleiberecht in den Vereinigten Staaten sich gerade Republikaner und Demokraten streiten. Der Country-Sänger Chris Stapleton widmete seine Trophäe für das beste Country-Album den Opfern von Gewalt auf Musikveranstaltungen – immerhin war im Mai 2017 in Manchester während eines Konzerts eine Bombe explodiert und im Oktober hatte ein Mann während eines Musikfestivals in Las Vegas von seinem Hotelzimmer aus das Feuer auf die Besucher eröffnet.

          Um Gewalt ging es auch im Eröffnungsakt: Kendrick Lamar tanzte zu seinem Song „XXX“ auf der Bühne, umgeben von Männern in roten Kapuzenpullovern, die zum Geräusch von Schüssen einer nach dem anderen zu Boden fielen – sehr deutliche Kritik an der Gewalt gegen Schwarze.

          Moderiert hatte den Abend Late-Night-Talker James Corden, der sich im Vorprogramm den Spaß erlaubte, Stars wie Snoop Dogg und Hillary Clinton aus „Fire and Fury“ vorlesen zu lassen, dem Enthüllungsbuch über das Weiße Haus während Donald Trumps Regierung. Der Witz gefiel nicht jedem. Nikki Haley, Amerikas Botschafterin bei den Vereinten Nationen, schrieb auf Twitter: „Ruiniert Musik doch nicht mit solchem Müll. Einige von uns mögen Musik, ohne dass sie mit Politik vermischt wird.“

          Die Zeiten aber, in denen auf einer Preisverleihung nur Menschen in glitzernden Kleidern Trophäen entgegennahmen, sind endgültig vorbei. Seit der Präsidentschaft Donald Trumps haben Amerikas Künstler ihre Haltung gefunden. Musik ohne Politik gibt es so schnell nicht mehr.

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