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Die erschöpfte Gesellschaft : „Wir brauchen Träume als Korrektiv zum Alltag“

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Oder man flüchtet sich in Tagträumereien.

Die nächtlichen Träume können sehr kreativ und schöpferisch sein. Die Tagträume haben eher eine kompensatorische oder beschwichtigende Funktion. Ohne Tagträume könnten wir gar nicht bestehen, weil sie kränkende Erfahrungen korrigieren. Wenn wir merken, unser Chef beschimpft uns, können wir ihn im Tagtraum zur Schnecke machen. Oder wir schießen die Nationalelf in letzter Minute zum Sieg. Der Tagtraum lässt uns quasi triumphieren und ist ein Korrektiv gegen den gemeinen Alltag.

Stephan Grünewalds Buch „Die erschöpfte Gesellschaft“ fußt auf etwa 10.000 tiefenpsychologischen Gesprächen aus den vergangenen drei Jahren.

Zugleich aber konstatieren Sie, dass Träume geringgeschätzt sind.

Träume sind eine ständige Provokation unseres Status quo. Der Traum legt immer auch den Finger in die Tageswunde, er hat eine Doppelfunktion: Er ist ein produktiver Lebensgestalter, der andere Aspekte in den Blick rücken kann, aber auch ein Störenfried, der uns aus der Routine zu vertreiben sucht. Und da wir momentan im Autopilot sind, ist der Traum eine Art Spielverderber, der uns dazu veranlassen will, nach links und rechts zu gucken. Das führt zu einer verdeckten Traumfeindlichkeit. Wir träumen zwar weiter, schenken unseren Träumen im Alltag aber wenig Beachtung. Wenn wir aufwachen, sind wir direkt wieder im Effizienzmodus.

Was muss sich ändern?

Wir brauchen wieder einen Alltag, der Raum zum Träumen lässt. Wir brauchen mehr Zeit zum Innehalten, sollten einfach mal dösen, unseren Gedanken nachhängen. Deshalb appelliere ich gerade an uns Deutsche: Wir sind doch ein Land der Träumer, Dichter und Querdenker. Wir haben es immer verstanden, über das Träumen unsere Unruhe in Schöpferkraft zu verwandeln, in Erfindungen, Patente, Ingenieurs- und Dichtkunst. Das Träumen ist die Urkraft unserer schöpferischen Gestaltungsmöglichkeiten.

Wann ist das verlorengegangen?

Wenn wir nicht aufpassen, wird es bald völlig verlorengehen. Nehmen Sie die Bildung, das Turboabitur und die Bachelor- und Masterstudiengänge. Schon allein durch diese Bedingungen sind viele in der Überbetriebsamkeit gefangen, sie akkumulieren nur noch Wissen und kommen nicht mehr dazu, sich selbst oder andere Lebensformen zu erfahren. Schule und Studium sind doch auch dafür da, eigene Träume entwickeln zu können.

Was passiert, wenn wir weitermachen wie bisher?

Dann bewegen wir uns zu einer Gesellschaft der Workaholics und Bürokraten. Die Erschöpfung nimmt zu, und wir verlieren unsere Innovationsfähigkeit und Kreativität, Dinge, die uns immer stark gemacht haben.

Sie schlagen vor, all denen das Gehalt zu kürzen, die länger als acht Stunden am Arbeitsplatz sind. Meinen Sie das ernst?

Damit will ich symbolisieren, dass unser einseitiges Effizienzdenken in die Sackgasse führt. Mehrarbeit führt nicht zu mehr Kreativität, sondern wir betreiben Raubbau an unserer Kreativität: Warum sollten wir das auch noch belohnen?

Wir sieht Ihr Traum von Deutschland in den nächsten zehn, zwanzig Jahren aus?

Ich würde mich freuen, wenn wir mal wieder so etwas wie einen Generationenkonflikt hätten. Nur durch Reibung entsteht doch gesellschaftlicher Fortschritt. Momentan spielen sich politische Debatten auf einer formalen Ebene ab, es geht nur ums Verteilen von Geld. Ich wünsche mir einen Aufbruch in eine Sinndiskussion, wie wir leben wollen.

Der Psychologe der Nation

Stephan Grünewald ist Mitbegründer und Geschäftsführer des Kölner Rheingold-Instituts für Kultur-, Markt- und Medienforschung. Jährlich führen er und seine Mitarbeiter rund 7000 tiefenpsychologische, zweistündige Interviews zu unterschiedlichsten Themen. Die Auswertung jedes Gesprächs dauert sechs bis acht Stunden. Im Jahr 2006 erschien Grünewalds erstes Buch „Deutschland auf der Couch“. Sein neuestes Werk „Die erschöpfte Gesellschaft. Warum Deutschland neu träumen muss“ (Campus Verlag, 180 Seiten, 19,90 Euro) fußt auf etwa 10 000 tiefenpsychologischen Gesprächen aus den vergangenen drei Jahren.

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