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Die erschöpfte Gesellschaft : „Wir brauchen Träume als Korrektiv zum Alltag“

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Faszinierend ist, dass sie verglichen mit den Achtundsechzigern ein völlig anderes Lebensgefühl hat. Allerdings leiden die Jugendlichen unter einer Welt, die in ihrer Multioptionalität unberechenbar geworden ist. Sie haben das Gefühl, dass ihre Welt zerrissen, brüchig, unsicher ist. Das fängt in den Familien an, wo jeder direkt oder indirekt alleinerziehende Mütter oder Patchwork-Verhältnisse kennt. Viele Eltern sind ständig auf der Flucht vor sich selbst. Hinzu kommt die Krisenstimmung: Wie lange hält der Euro? Kann ich von meinem Job noch leben?

Das Smartphone oder Tablet als ständiger Begleiter - auch auf dem Petersplatz.

Was sind die Folgen?

Dieses Gefühl der Bodenlosigkeit und heillosen Zerrissenheit führt dazu, dass sich Jugendliche heute nach nichts so sehr sehnen wie Sicherheit und Verlässlichkeit. Sie suchen händeringend nach Stabilisierungsmöglichkeiten in virtuellen Freundeskreisen und in Idyllen. Sie träumen vom Häuschen mit Garten, zwei Kindern und einem treuen Ehepartner. Peter Fox’ Lied vom „Haus am See“ ist ihre heimliche Hymne, weil es einen Zustand besingt, wo man nicht aufbrechen muss, sondern bereits angekommen ist.

Für Eltern und Großeltern muss das ein Graus sein.

Das ist oft so. In unseren Interviews hören wir immer wieder Sätze wie: „Ich verstehe das nicht, meine Kinder und Enkel sind zu Spießern geworden, ich bin doch ganz anders.“ Das liegt daran, dass man sein eigenes Jugendideal fixiert hat und es jetzt über die jungen Leute stülpen will. Alarmierend ist aber tatsächlich, dass die Jugend vor lauter Angst, abzustürzen, gar nicht mehr an typisch Jugendliches denkt, also mal auszusteigen, zu rebellieren. Das machen sie häufig gar nicht mehr.

Sondern greifen lieber schnell zum Smartphone, Mails checken.

Ja, Überbetriebsamkeit ist auch hier eine klassische Ausweichstrategie. Dazu gehört auch der Kontrollzwang, den der Journalist Harald Martenstein mal unter dem Stichwort „Tugendrepublik“ beschrieben hat: Wir zählen nur noch Kalorien, erlegen uns Verbote auf, lassen nichts mehr zu, nicht mal mehr in ganz privaten Momenten. Die Sexualität ist heute zwar liberalisiert, dennoch beobachten wir, dass große Angst davor herrscht, bei bedingungsloser Hingabe die Kontrolle zu verlieren. Sexualität wird heute bewusst performt. Die Menschen lassen sich nicht mehr fallen, sondern kontrollieren ständig, ob sie dabei gut aussehen und alles richtig machen.

Sind wir auf dem Weg zur totalen Kontrolle unserer selbst?

Es gibt Tendenzen dazu. In der Ernährung zum Beispiel wird heute zwanghaft kontrolliert. Die Dicken, die ungezügelt genießen, sind die gesellschaftlichen Loser. Dabei geht es ja nicht nur um den Genuss. Als Raucher etwa bin ich auch mal fünf Minuten aus der Überbetriebsamkeit raus. Die Raucherpause ist so betrachtet nicht nur schädlich, in ihr komme ich auch mal zur Ruhe und auf andere Gedanken.

Sie plädieren für eine Renaissance des Träumens. Was steckt dahinter?

Der Traum ist ein natürliches Korrektiv zur Betriebsamkeit des Alltags. Am Tage sind wir durchgetaktet, aber eben häufig auch betriebsblind. Nachts sind die Verhältnisse umgekehrt, die Motorik ist stillgelegt, und dadurch öffnet sich so eine ästhetische Narrenfreiheit. Der Traum rückt in den Blick, welche Sehnsüchte existieren und welche Probleme unbearbeitet geblieben sind. Über unsere Träume kriegen wir wieder mit, was in unserem Leben auch noch wichtig sein kann. Sie können dazu führen, aus der Einseitigkeit auszusteigen.

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