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Taunus-Krimi von Nele Neuhaus : Der Mörder steht noch im Zen-Garten

Sandkastenspiele: Nele Neuhaus nutzt ein japanisches Zen-Gärtlein für ihr Figurentableau. Bild: Frank Röth

Während ihr Liebesroman „Zeiten des Sturms“ seit mehr als sieben Wochen auf Platz eins der Bestsellerliste steht, tüftelt Nele Neuhaus in Bad Soden am nächsten Taunus-Krimi – die Vorgeburtsstunde beginnt mit einem kreativen Scherenschnitt.

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          Deutschlands erfolgreichste Krimiautorin Nele Neuhaus lässt sich in die Karten schauen – aber nur ein bisschen. „Bitte nur von der blanken Seite fotografieren“, gibt sie dem Fotografen Anweisungen. Ihre mit der Schere feinsäuberlich ausgeschnittenen Papierfiguren, die sie in ihrem idyllischen Zen-Garten am Rande ihres Schreibtischs plaziert hat, tragen Namen, und auf einer Seite sind Opfer und Mörder schon markiert – das soll geheim bleiben. Dass die Dreiundfünfzigjährige akribisch recherchiert, sich nicht scheut, bei Rechtsmedizinern sogar den wenig appetitlichen Grundlagen der Fettfaulleichen-Obduktion auf den Grund zu gehen, ist seit „Muttertag“ den treuen Fans bekannt – nicht aber jene unorthodoxe, harmlose Vorgehensweise, sich in ihrer Ideenschmiede einem neuen Buchprojekt zu nähern. „Ich muss die Figuren visualisieren“, erläutert sie ihr Geheimrezept.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Während sich der Liebesroman mit dem Titel „Zeiten des Sturms“ gerade in der achten Woche hartnäckig auf dem ersten Platz der Spiegel-Bestsellerliste hält und dieser letzte Band der Trilogie um ihre Lieblingsfigur Sheridan Grant schon mehr als 100 000 Leser fand, konzentriert sich Neuhaus mit Blick auf Rasen, Hund und Papiermännchen auf ihr blutiges Kerngeschäft.

          „Wer Krimis schreibt, muss alles wissen, darf aber nichts verraten“, sagt sie. Das sei kniffelig. So wie gerade jetzt sehe „die Vorgeburtsstunde“ aus: Es gebe ein paar gute Namen, zu denen sie sich nun die Biographien ausdenken werde. Der Plot, als Gerippe mit kleinen Versatzstücken der späteren Geschichte, müsse konzipiert werden. Strukturiertes statt freihändiges Schreiben nennt sie das. Diese etwas technischere Herangehensweise bezeichnet Neuhaus als ihren persönlichen Reifungsprozess. Zwar habe sie für „Zeiten des Sturms“ wieder 15 Einstiege verfasst, bevor sie sich für einen entschied, aber sie sei gut vorangekommen, habe manchmal bis zu 20 Seiten täglich schreiben können und nachts von den Figuren geträumt, was immer ein besonders gutes Zeichen sei.

          „Kill your friends“

          Und wenn der Schreibfluss doch einmal ins Stocken gerät, kann sie immer auf die Familie bauen: Ehemann Matthias Knöß, der parallel selbst ein Fußballbuch für Jungs zusammen mit dem FSV Mainz 05 als Projekt der Nele-Neuhaus-Stiftung herausgegeben hat, ist stets erster Ansprechpartner. Im Fall akuter Selbstzweifel steht zudem Vater Bernward Löwenberg, früherer CDU-Landrat im Main-Taunus-Kreis, mit aufmunternden Worten parat: „Kind, das ist so spannend, ich kann gar nicht aufhören zu lesen“, lobte er Passagen von „Zeiten des Sturms“. Und dann gibt es schließlich Schwester Claudia.

          Zeiten des Sturms: Roman (Sheridan-Grant-Serie, Band 3) von Nele Neuhaus, Verlag: Ullstein Paperback
          Zeiten des Sturms: Roman (Sheridan-Grant-Serie, Band 3) von Nele Neuhaus, Verlag: Ullstein Paperback : Bild: Ullstein Paperback

          Ihr erzählte Neuhaus beim Spaziergang die gesamte Geschichte von Sheridan, und sie fragte nur an einer Stelle: „Warum tut sie das?“ Da die Autorin partout keine sinnvolle Erwiderung fand, griff die Krimilady – Liebesroman hin oder her – zu einem rabiaten Mittel nach der Methode „Kill your friends“. Was ein gewisser Graham O’Sullivan samt liebevoll ausgefeilter Biographie bewirken sollte, wird der Leser nie erfahren. Er starb den Tod der überflüssigen Nebendarsteller.

          Die Überarbeitung lohnte sich: Schließlich eroberte Sheridan nicht nur den Spitzenplatz der Bestsellerliste, auch die vom Ullstein-Verlag neu aufgelegten beiden ersten Bände ziehen beim aktuellen Verkauf wieder an. Der Erfolg, nun auch an der Spitze der Unterhaltungsroman-Autoren zu stehen, steigt Neuhaus keinesfalls zu Kopf. Der Erscheinungstermin im Sommer sei günstig gewesen. Schließlich handele es sich bei dem Roman um die perfekte Urlaubslektüre.

          Ein Tatort im Taunus

          Ob Sheridan wirklich auserzählt sei, nachdem alle Stränge ein Happy End fanden, steht aber offenbar noch gar nicht fest: Die Reihe sei ihr eine echte Herzensangelegenheit. Auch bestürmten sie die Fans, auf jeden Fall die Geschichte der jungen Romanheldin weiterzuerzählen, die zunächst in den Zeiten der New Yorker Tragödie von 9/11 spielt. Jetzt aber befasst sich Neuhaus, die nach eigenem Bekunden kaum noch Krimis und Thriller liest oder sich anschaut, „ganz mit meinem Broterwerb“.

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          Da sei sie noch „ganz am Anfang“, hoffe auf gute Ideen, wenn die Äpfel in den Streuobstwiesen liegen und es draußen nieselt. Dann folgten aufwendige Recherchen bei Experten, für die sie noch ganz konkrete Fragen sammele. Und natürlich müsse sie sich die Schauplätze überlegen.

          Welcher Ort wohl diesmal als Tatort zum Zuge kommt? „Einer im Taunus“, bleibt sie geheimnisvoll. Sie werde aber diesmal auf Exkursionen ihrer Figuren ins Ausland verzichten, auch wenn sich der Plot definitiv in der Zeit vor Corona abspielen werde. So ganz neu sind die Ideen zum nächsten Schmöker aber offenbar nicht – denn Neuhaus verrät, dass sie schon vor 20 Jahren 15 Seiten zu dem geplanten Thema schrieb, das sie dann aber wieder verwarf. „Aha – um was geht es denn so?“ Bedeutsames Schweigen.

          Der Kollege Fotograf amüsiert sich köstlich. Es sei doch ganz herrlich, dieses Katz- und Maus-Spiel der beiden Gesprächspartnerinnen zu beobachten, findet er. Ihre Zurückhaltung müsse man verstehen, entschuldigt sich die Schriftstellerin. Wenn sie jetzt verrate, worüber sie im nächsten Taunus-Krimi schreibe, sei sie festgelegt und nicht mehr frei in ihrer Entscheidung. Am Ende der Figurenschieberei im Zen-Garten könne es ja vielleicht auch ganz anders kommen. Möglicherweise erzählten ihr die Papiergestalten eine andere Geschichte.

          Na immerhin gibt Nele Neuhaus preis, dass der Mörder kein Serienkiller sein werde und einen ganz harmlosen Namen trage. Also, Krimifans aufgepasst: Verdächtige, die vielleicht Hieronymus Fürchtegott oder Laban de Grote heißen könnten, sind fürderhin aus dem Kreis der potentiellen Täter auszuschließen.

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