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Gülen-Schule in Köln : Abmeldungen und Anfeindungen nach dem Putsch

Das Treppenhaus der Privatschule Dialog (Archivbild). Weil die Schule der Gülen-Bewegung nahesteht, wird ihr Geschäftsführer bedroht. Bild: Kai Nedden

Der Geschäftsführer einer Kölner Schule, die der Gülen-Bewegung nahesteht, wird bedroht. Für seine Nachbarn ist Gülen ein Terrorist. Zu Besuch in einem gespaltenen Viertel.

          Zehn Abmeldungen von seiner Schule zählt Osman Esen seit dem Putschversuch in der Türkei vor einem knappen Monat – die Drohungen zählt er nicht mehr. Er leitet sie einfach direkt an die Polizei weiter. Der glatt rasierte und elegant gekleidete 37 Jahre alte Jurist ist Geschäftsführer der Schule Dialog im Kölner Bezirk Mülheim. Und er ist Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen, dessen Bewegung der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan als Drahtzieher des gescheiterten Putsch vom 15. Juli betrachtet. Zusammen mit Hanife Tosun, 38, rosafarbenes Kopftuch, Angestellte im öffentlichen Dienst und ehrenamtliche Geschäftsführerin des Gülen nahestehenden interkulturellen Dialogvereins Ikult, lädt er in den Sommerferien in sein Büro.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Gülen-Anhängern wird oft Intransparenz vorgeworfen. Jetzt wollen sie, dass die Öffentlichkeit erfährt: Viele von ihnen fühlen sich seit dem gescheiterten Putsch auch in Deutschland nicht mehr sicher. Sie werden bedroht, denunziert, beleidigt. Für oder gegen Gülen: Das ist unter Deutschtürken dieser Tage die entscheidende Frage. Im Bezirk Mülheim, in dem 70 Prozent der Neugeborenen einen Migrationshintergrund haben, ist das nicht anders. Und das Meinungsbild in der Nachbarschaft der Schule ist eindeutig: Die Inhaber und Mitarbeiter der dortigen Bäckereien, Dönerläden und Spielhallen, – allesamt Deutschtürken – sind sich sicher, dass die Gülen-Bewegung hinter dem Putsch steckt. Die Gülen-Schule beäugen sie misstrauisch.

          Osman Esen zeigt E-Mails mit wüsten Beschimpfungen und ein Video, auf dem zu sehen ist, wie Erdogan-Anhänger in Gelsenkirchen einen Gülen-Jugendclub zertrümmern. Eine unangemeldete Demonstration vor der Dialog-Schule, zu der Erdogan-Anhänger über soziale Netzwerke aufgerufen hatten, konnte die Polizei mit vielen Beamten verhindern. Erst am Vortag waren wieder zwei Eltern bei ihm, die ihre Kinder auf seiner Schule angemeldet hatten und jetzt überlegen, sie wieder abzumelden: „Die Nachbarn mobben uns schon.“

          „Keine Gülen-Vaterlandsverräter erwünscht“

          Hanife Tosun hat in diesem Sommer die Türkeiflüge ihrer Kinder storniert. Sie selbst fliegt schon seit 2013 nicht mehr zu ihren Eltern. In jenem Jahr brach Erdogan mit Gülen, das Klima für Anhänger des Predigers wurde rauher. Doch so schlimm wie jetzt war es noch nie, beteuert Tosun: Sie bekommt böse SMS von Verwandten, Mitglieder ihres Kulturvereins werden auf dem Markt beleidigt, trauen sich nicht mehr zum Freitagsgebet in die Moschee, drehen um vor Geschäften, auf denen „keine Gülen-Vaterlandsverräter erwünscht“ steht.

          Auch bei ihr hat sich neulich eine Mitarbeiterin abgemeldet: Ihr Mann mache sich zu große Sorgen um sie und die Verwandten in der Türkei seien auch gegen ihr Engagement. Sie selbst sorgt sich, dass sie vielleicht bei der Denunziations-Hotline verraten wurde, an die Türken in Deutschland seit dem Putschversuch Gülen-Anhänger melden können. Selbst wenn ihre Eltern schwer krank würden, wüsste sie derzeit nicht, ob sie eine Reise in die Türkei riskieren würde. Osman Esen hingegen ist sich sicher: Er wird so bald nicht in die Heimat seiner Eltern fliegen.

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