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Tschadsee : Ein hydrologisches Wunder

  • -Aktualisiert am

Ein Fischer und sein Sohn staken auf dem Tschadsee mit einer Pirogge. Bild: dpa

Tschad verhandelt mit Ölfirmen um Gebiete rund um den Tschadsee. Die Ausbeutung gefährdet seine Aufnahme ins Weltkulturerbe.

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          Seit Jahren steht der Tschadsee, ein Binnenmeer im Innersten Afrikas, für negative Schlagzeilen. Zehntausende Menschen wurden in den vergangenen Jahren an seinen Ufern ermordet, Millionen vertrieben – die meisten von der islamistischen Terrorbande Boko Haram, andere von marodierenden Soldaten. Zehn Millionen Menschen, schätzen Hilfsorganisationen, sind auf Unterstützung angewiesen. Die Maßnahmen, die viele Regierungen aus Angst vor dem Coronavirus verhängt haben, verschlimmern die Lage zusätzlich.

          Dabei wollte die Regierung von Tschad, dem Staat, der nach dem See benannt ist, die Wahrnehmung des Gewässers verändern. Jahrelang hatte die Regierung in der Hauptstadt N’Djamena mit der Unterstützung von Anrainern aus dem Tschadsee-Becken wie Kamerun, Nigeria und Niger an einer Bewerbung gefeilt, um ihm die Aufnahme in die Welterbe-Liste der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) zu verschaffen – und zwar sowohl als Weltnatur- wie auch als Weltkulturerbe. Aus guten Gründen, befand der „Guardian“, immerhin sei der See „ein hydrologisches Wunder: ein lebensspendender Frischwassersee in der Sahara-Wüste“. Rund 45 Millionen Menschen leben vom See, bevölkern seine Ufer und 942 Inseln.

          Ein abschreckendes Beispiel für den Klimawandel

          Nun hat die britische Zeitung herausgefunden, dass es mit der erhofften Image-Offensive wohl so bald nichts wird. In einem Brief, aus dem die Zeitung zitiert, bittet Tschads Tourismus- und Kulturminister die Unesco darum, die Aufnahme des Sees in die begehrte Liste aufzuschieben. Man habe mit „gewissen Ölfirmen“ Abkommen bezüglich der Erschließung des Gebiets unterzeichnet, und die verteilten Blocks lägen in jener Region, die als Welterbe in Betracht komme. Man bitte die Kulturwächter in Paris um etwas Geduld, damit man „neu planen“ und andere Gebiete auf der mitgelieferten Karte einzeichnen könne. Schließlich solle „es in Zukunft zu keiner Störung kommen“.

          Bei der Unesco zeigte man sich wenig begeistert von den wirtschaftlichen Aktivitäten des bitterarmen Landes. Ein Eintrag in die Welterbe-Liste der Organisation solle „den Schutz des außergewöhnlichen universellen Werts“ des betreffenden Objekts „für zukünftige Generationen sicherstellen“, erklärte ein Unesco-Sprecher. Ein Aufschub des gesamten Vorgangs sei in den Statuten nicht vorgesehen. Wenn der Tschad die Ölförderung in der Region fortsetze, müsse die Bewerbung ohnehin aufgegeben werden.

          Eine gute Nachricht gibt es dennoch. Seit Jahren gilt der Tschadsee als abschreckendes Beispiel dafür, wie Erderwärmung und Klimawandel die Erde verdorren lassen. Allein seit 1960 sei die Fläche des Sees um 90 Prozent geschrumpft, heißt es, bald sei er ausgetrocknet. Es wurde sogar der Plan erwogen, mit Hilfe eines 2400 Kilometer langen Kanals Wasser aus dem Ubangi im Kongobecken durch die Zentralafrikanische Republik in die darbende Region umzuleiten. Geschätzte Kosten eines solchen Projekts: rund 50 Milliarden Dollar. Eine Machbarkeitsstudie ist in Arbeit. Die nigerianische Regierung und die Afrikanische Entwicklungsbank sind bereits auf der Suche nach Finanziers.

          Nun haben Wissenschaftler in einer umfassenden Studie herausgefunden, dass der Tschadsee seit geraumer Zeit eher wächst. „Unsere zwei Jahre lang geführte Forschung zu Klimawandel und Sicherheitsrisiken in der Tschadsee-Region bescheinigt dem See hydrologische Gesundheit in den vergangenen 30 Jahren“, schreiben die Studienautoren Janani Vivekananda vom Beratungsinstitut Adelphi und Oli Brown des Londoner Thinktanks Chatham House: „Der See schrumpft derzeit nicht.“ Wissenschaftler vermuten unterhalb des Sees Grundwasserreservoirs. Vivekananda und Brown schreiben dazu: „Nach bestimmten Messkriterien ist der See sogar gewachsen.“

          Der Tschadsee war einmal weitaus größer als heute. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts berichtete der deutsche Forschungsreisende Heinrich Barth von einer „großen binnenländischen Lagune, dem Tschad, der in alten Zeiten eine weit größere Ausdehnung gehabt haben muss“. Tatsächlich soll der Tschadsee vor rund 50000 Jahren eine Ausdehnung von fast zwei Millionen Quadratkilometern gehabt haben, vor 22000 Jahren trocknete er schon einmal komplett aus, heute wird seine Größe mit 1350 Quadratkilometern angegeben. Im Moment liegen nur noch die Länder Kamerun und Tschad an seinem Ufer. Einst soll der Tschadsee 38 Meter tief gewesen sein, heute wird gerade einmal eine Wassertiefe von zwei Metern gemessen.

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