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Diane Keaton : Frau Hall und ihr Faible für verrückte Männer

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Stadtneurotikerin am Pazifik: Diane Keaton heute... Bild: dapd

Aus der Blödmann-Abteilung in die hohe Neurotiker-Schule: In ihrer Autobiographie erinnert sich Diane Keaton an Einsamkeit und Essstörungen.

          Als die Moderatorin ihren Gast Diane Keaton vor einigen Tagen als „zweitberühmtesten Neurotiker der Welt“ begrüßte, war das Attribut keineswegs beleidigend gemeint. „Ich bin so sensibel, dass ich schon wieder unsensibel werde“, analysierte sich die Schauspielerin in Woody-Allen-Manier vielmehr selbst und versicherte, mit ihren dezenten psychischen Auffälligkeiten durchaus im Reinen zu sein.

          „Ich hatte bereits als Teenager den neurotischen Traum, von Tausenden Menschen geliebt zu werden“, gestand Keaton. Der Drang nach Anerkennung trieb sie in den Kirchenchor, zu Talentwettbewerben und auf die Theaterbühne der Willard Junior High School im kalifornischen Santa Ana, bevor sie Anfang April 1978 nach Auftritten am New Yorker Broadhurst Theatre und ersten Filmrollen die Treppe zur Bühne des Dorothy Chandler Pavilions in Los Angeles erklomm. „Merci. Nun gut, das ist klasse. Es ist einfach klasse“, stammelte die damals Zweiunddreißigjährige in typischem Stakkato, als Janet Gaynor und Walter Matthau ihr einen Oscar für die Rolle der Annie Hall in Allens „Der Stadtneurotiker“ überreichten.

          „Die Blödmann-Abteilung“

          Wie Keaton, heute fünfundsechzig Jahre alt, in ihren diese Woche auf Deutsch erscheinenden Memoiren „Damals Heute“ (btb Verlag/Random House) beschreibt, war die größte Überraschung aber nicht die goldene Trophäe selbst. „Ich wusste, dass ich mit einem Academy Award ausgezeichnet wurde, weil ich eine leutselige Version meines eigenen Charakters gespielt hatte“, erinnert sich die Schauspielerin mehr als drei Jahrzehnte später. Tatsächlich hatte „Woody“ sich bei der Liebeskomödie um ein in endlosen Reflexionen verstricktes Paar durch Keaton und ihre Familie inspirieren lassen. Selbst der amerikanische Filmtitel „Annie Hall“ diente als autobiographisch verbrämter Wink, da die angehende Schauspielerin Diane Hall erst zu Diane Keaton mutiert war, als sie in New York einer Kollegin gleichen Namens begegnete.

          Dabei hatte die Kalifornierin ihre Kindheit meist als Außenseiterin verbracht. In der Grundschule schrieb das älteste von vier Kindern so schlechte Noten, dass es in einer Förderklasse mit des Englischen kaum mächtigen Mitschülern aus Mexiko unterrichtet wurde. „Man nannte das Ganze auch die Blödmann-Abteilung“, fasst Keaton ihre akademische Folter zusammen. Die Gesangsstunden gestalteten sich ähnlich frustrierend. „Es ist nicht fair, dass er mich nie ein Solo singen lässt. Ich bin einfach nichts wert“, vertraute die Vierzehnjährige ihrem Tagebuch an. Da auch die Jungen an ihrer Schule wenig Interesse an ihr zeigten („Ich habe keine Brüste“), verbrachte Keaton die Nachmittage bei Mutter Dorothy zu Hause.

          ...und 1973 mit Woody Allen.

          Nach trostlosen Jahren im „muffigen“ Santa Ana zog sie mit neunzehn nach New York, um dort die Schauspielschule zu besuchen. Als auch dort kein Agent sich für sie erwärmte, sprach sie für das Rockmusical „Hair“ vor. „Ein echter Job und auch noch am Broadway!“, berichtete Keaton ihren Eltern stolz. Obwohl an jedem Abend Stars wie Liza Minelli, Julie Christie und der seit „Fieber im Blut“ von Keaton schüchtern vergötterte Warren Beatty im Publikum saßen, flauten ihre Selbstzweifel nicht ab. „Werde ich mich jemals ändern? Ich bin immer noch der dümmste Mensch der Welt“, schrieb sie, während sie sich - fast 4000 Kilometer von den Thunfischaufläufen ihrer Mutter entfernt - täglich mehrmals den Finger in den Rachen steckte.

          „In einer Welt mit Struktur funktioniere ich sehr gut, aber während ,Hair‘ habe ich mich verloren. Ich passte nicht dazu und hatte keine Freunde“, gab Keaton jetzt in einem Interview mit der BBC zu. Während das Ensemble sich im Geist der Sechziger fast ausnahmslos beim Haschrauchen entspannte, spülte Keaton in „Tad’s Steakhouse“ oder dem Restaurant Grossinger in Butter gebratene Fleischlappen, Maisbrot und Apfelkuchen mit literweise Kakao hinunter. „Ich lernte, so schnell zu erbrechen, dass nichts hängenblieb. Ich hatte die Kontrolle“, erinnert sich die Schauspielerin in ihrer Autobiographie an den fünfjährigen Kampf gegen die Bulimie.

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