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Interview mit Dialektforscher : „Am Hochofen funktionierten Dialekte nicht mehr“

Ohne Klöpse: Georg Cornelissen mit seinem Buch über die Sprachgeschichte Nordrhein-Westfalens Bild: dpa

Nordrhein-Westfalen ist ein verwirrend vielfältiges Bundesland, vor allem auch sprachgeschichtlich. Der Dialektforscher Georg Cornelissen hat sich trotzdem getraut, das dortige Sprachwirrwarr zu untersuchen. Ein Gespräch über Sprache.

          4 Min.

          Herr Cornelissen, zwei Kabarettisten haben das Leben im Bindestrich-Land Nordrhein-Westfalen einmal so beschrieben: „Es ist furchtbar, aber es geht.“ Sie haben sich nun an eine Sprachgeschichte dieses verwirrend vielfältigen Bundeslandes gewagt. Wie furchtbar war es?

          Reiner Burger
          (reb.), Politik

          Mein Fazit ist entgegengesetzt. Es ist überhaupt nicht furchtbar, aber es geht leider noch nicht. Die an Geschichte und Landeskunde Interessierten haben die rheinisch-westfälische Binnengrenze noch lange nicht überwunden. Das Forschen wird bis heute von der politischen Ordnung definiert, die die Preußen nach 1815 geschaffen haben: In Münster wird strikt westfälisch geforscht, in Bonn strikt rheinisch. Andere Perspektiven kommen so gut wie nicht vor.

          Kann man die Auswirkungen des Wiener Kongresses nicht auch positiv sehen? Das Rheinland und Westfalen sind - anders als die Teilregionen anderer Bindestrich-Bundesländer - schon vor 200 Jahren als Bestandteile des preußischen Staats zusammengekommen. Welche Spuren hat das sprachlich hinterlassen?

          Aus der Perspektive der Dialektforschung waren es negative Spuren. Ein Beispiel: Als die Preußen kamen, gab es im Westen der Rheinprovinz und im Westen der Provinz Westfalen noch Regionen und Orte, in denen man in der Schule Niederländisch lernte. In der Kirche wurde niederländisch gepredigt. Dem hat Preußen ein Ende bereitet. Preußen hat es also erstens geschafft, dass beide Provinzen innerhalb weniger Jahrzehnte rein deutschsprachig waren. Eine Ausnahme war der Raum Malmedy, der damals zur Rheinprovinz gehörte, aber französischsprachig war und blieb. Zweitens galt in Preußen die Schulpflicht. Ende des 19. Jahrhunderts hatten wahrscheinlich alle Leute die Standardsprache kennengelernt - zuerst einmal als Schriftsprache, aber in Ansätzen auch als gesprochenes Hochdeutsch. Und damit stellte sich für die Westfalen wie für die Rheinländer die Frage: Mit wem spreche ich Dialekt, und mit wem spreche ich Hochdeutsch?

          Begann vor 200 Jahren dank der Preußen, sprachwissenschaftlich gesehen, das Ende des Mittelalters?

          Ich sehe das so. Vom frühen Mittelalter an wurde im Rheinland, in Westfalen, im Siegerland der örtliche Dialekt von Ort zu Ort ohne jeden Bruch weitergegeben. Immer von den Eltern an die Kinder, bei Hinzuziehenden von Kind zu Kind. Das funktionierte problem- und reibungslos bis ins 19. Jahrhundert. Zugleich waren die sprachlichen Grenzen immer durchlässig und löchrig. Die Dialektlandschaft zwischen Rhein und Weser taugt deshalb nicht dazu, eine Perspektive „Nordrhein versus Westfalen“ zu pflegen.

          In der preußischen Zeit wurde Hochdeutsch zwar als Amtssprache etabliert, doch im Rheinland und in Westfalen blieben die regionalen Dialekte als Alltagssprache bestehen. Wann begann der nächste sprachliche Epochenwechsel, die große Dialekterosion?

          Der Prozess begann mit den neuen Medien. Zunächst hatte das Radio einen immer größeren Einfluss auf den Sprachgebrauch, dann auch das Fernsehen. Zudem kamen nach Ende des Zweiten Weltkriegs gerade in das von den Briten neu gebildete Nordrhein-Westfalen viele Flüchtlinge. Die örtlichen Sprachgemeinschaften und die Fremden mussten sich entscheiden, wie sie miteinander sprechen. Man hat sich dann pragmatisch auf eine neue Sprache geeinigt. Das ist der Regiolekt, er verdrängt die Dialekte.

          In Nordrhein-Westfalen gab es 1945 also eine ähnliche Entwicklung wie schon seit Ende des 19. Jahrhunderts im Ruhrgebiet?

          Ja, die alten Dialekte zwischen Moers und Dortmund funktionierten nicht mehr bei der Maloche unter Tage oder am Hochofen. Die Einheimischen und die Migranten einigten sich also auf eine Sprachform, der das Hochdeutsche zugrunde liegt, die aber stark von den Dialekten der Region geprägt ist.

          „Ruhrdeutsch“ oder „Pöttisch“ ist also gar kein Dialekt?

          Sprachstrukturell ist es kein Dialekt. Aber es ist das Gegenstück zum Hochdeutschen. Das wirkt identitätsstiftend, auch wenn die Leute im Ruhrgebiet ihre Art, zu sprechen, nicht so stolz zelebrieren wie die Kölner.

          Vielleicht liegt das daran, dass in Deutschland kein anderer Dialekt aus Nordrhein-Westfalen so erfolgreich ist wie „Kölsch“. Es ist sogar in der Pop- und Rockmusik überregional akzeptiert.

          Ja. Keine andere Stadt zwischen Rhein und Weser hat im Laufe der Jahrhunderte die regionale Sprachlandschaft so sehr geprägt wie diese Metropole. Außerhalb Kölns setzt man den Kölner Dialekt mit „Rheinländisch“ gleich. Und in Köln lässt sich die Liebe zur Heimatstadt gerade mit Hilfe der „kölschen Sproch“ ausdrücken. Auch für Zugezogene ist das attraktiv. „Kölsch“ ist ein Mittel der Integration. Aber zur Wahrheit gehört auch: „Kölsch“ wird heute viel stärker konsumiert als gesprochen. Im Kölner Alltag spielt Dialekt immer weniger eine Rolle. Doch es gibt eben noch immer eine stolze Grundhaltung, nicht sofort in die Hochsprache umzuschalten, wenn ein Kölner mit einem Auswärtigen spricht. Dazu kann man die Kölner nur beglückwünschen. Die eigene Sprache mit lokaler Identitätsstiftung aufzuladen ist etwas Wunderbares.

          In Ihrer „Kleinen Sprachgeschichte von Nordrhein-Westfalen“, die gerade herausgekommen ist, beschreiben Sie auch eine Dialektinsel am unteren Niederrhein. Was hat es mit ihr auf sich?

          Im Jahr 1741 strandeten dort Aussiedler aus dem Hunsrück, die eigentlich nach Amerika wollten. Sie gründeten den Ort Pfalzdorf. An ihrem alten Dialekt hielten sie fest. Das war wegen des konfessionellen Gegensatzes zwischen Einheimischen und Gestrandeten möglich. Man heiratete nicht außerhalb des Dorfes, blieb unter sich. Bis heute spricht man in Pfalzdorf und den später gegründeten Nachbarorten Louisendorf und Neulouisendorf den „Pfälzer“ Dialekt.

          Nordrhein-Westfalen konnte bis heute keine Landesidentität entwickeln. Könnte die Sprache identitätsstiftend wirken?

          Bücher und Buchtitel lenken unser Bewusstsein. Stellen wir uns einmal vor, es gäbe ein Wörterbuch der Sprache in Nordrhein-Westfalen, also ein Wörterbuch der sprachlichen Regionalismen. Die Leute überall im Land würden staunen, wie viele Wörter, die ihnen selbst vertraut sind, auch in den anderen Teilen des Bundeslandes beheimatet sind und dort zum alltäglichen Sprachgebrauch gehören.

          Das heißt aber, eine Perspektive für einen Dialekt namens Nordrhein-Westfälisch gibt es nicht?

          Nein. Nur für einen Sprachraum. Es gibt sehr viele regionale sprachliche Übereinstimmungen, die aber kaum im Bewusstsein verankert sind. Zum gemeinsamen nordrhein-westfälischen Sprachraum kann man also feststellen: Es geht, und es ist auch nicht furchtbar. Die institutionellen Forschungsgrenzen zwischen dem Rheinland und Westfalen kann man auch überwinden, wenn man nur will. Der Landschaftsverband Rheinland und der Landschaftsverband Westfalen-Lippe arbeiten eng zusammen. Mein Münsteraner Kollege Markus Denkler hat mein Buch gegengelesen, damit mir in den westfälischen Fragen keine Klöpse unterlaufen. Und im kommenden Jahr werden wir in rheinisch-westfälischer Eintracht eine CD mit allen Dialekten Nordrhein-Westfalens herausbringen.

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