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Deutschlands kleinste Schule : Kaya weiß schon, wo die Praxis hinkommt

Alle Wichtel nur für Kayas Jacke: Platzmangel gibt es in der Inselschule nicht Bild: Andreas Nefzger

Neuwerks Schule ist 100 Jahre alt geworden und hat nur noch eine Schülerin. Das nächste Kind auf der Nordseeinsel wird erst in zwei Jahren eingeschult. Wie die Schule so lang genutzt wird, weiß niemand.

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          Auf die Sonne ist also auch Verlass, wenn sie hinter einem dicken Wolkenschleier verborgen liegt. Kaya steht mit Hausschuhen im feuchten Rasen vor dem Schulgebäude, ihre blonden Zöpfe wehen im Wind, der über den Deich bläst. Es regnet. Aber Kaya lässt sich davon nicht ablenken. Lächelnd blickt sie auf die Apparatur in ihren Händen, die ein Geräusch wie das einer Alarmanlage von sich gibt, und ruft: „Es funktioniert noch.“ „Versuch mal, ob es im Dunkeln geht“, sagt ihre Lehrerin, Meike Müller-Toledo, die unter dem Vordach stehen geblieben ist. Kaya springt ins Klassenzimmer zurück und schaltet einen Teil der Deckenbeleuchtung aus - „Es wird leiser.“

          Andreas Nefzger

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Sie flitzt zum nächsten Schalter und löscht das Licht ganz - „Jetzt ist es aus.“ Einige Minuten zuvor kostet es Kaya und ihre Lehrerin einige Mühe, die Apparatur zusammenzubauen: eine Solarzelle, die über zwei Kabel mit einem Klotz aus Holz und Metall verbunden ist, der das Geräusch von sich gibt. Einzelteile fallen herunter, und Kaya flitzt ihnen durchs halbe Klassenzimmer hinterher, die Technik streikt, eine Schraube klemmt und lässt sich erst mit der Zange lösen. „Mit 30 Mann ginge das nicht“, sagt Meike Müller-Toledo.

          Aber in der Schule der Nordseeinsel Neuwerk sind keine 30 Mann. In diesem Schuljahr ist die neun Jahre alte Kaya die einzige Schülerin in dem alten Klinkerbau, der direkt am Deich steht. Das ist selbst für Neuwerk ungewöhnlich, die kleine Insel rund 20 Kilometer vor der Küste Cuxhavens. Nicht einmal die Deutschlandkarte an der Wand im Klassenzimmer kennt Neuwerk. Es ist ein detaillierte Karte, die Ostfriesischen Inseln sind alle mit Namen abgedruckt: Langeoog, Spiekeroog, Wangerooge. Aber den Namen des weiter östlich gelegenen Neuwerk musste Meike Müller-Toledo erst mit schwarzem Filzstift nachtragen.

          Eineinhalb Stunden mit dem Schiff ins Kino

          Etwa 40 Menschen wohnen auf dem Eiland, das zu Hamburg gehört, Autos gibt es nicht. Wer ins Kino will, muss eineinhalb Stunden mit dem Schiff nach Cuxhaven fahren. Oder mit dem Traktor über das Watt holpern. Die Touristen, die zwischen April und Oktober auf die Insel strömen, lassen sich gerne mit der Kutsche vom Festland abholen. Von November an fährt dann weder Schiff noch Kutsche - und die Insulaner bleiben für einige Monate unter sich. „Das muss man können“, sagt Meike Müller-Toledo über das Inselleben. Sie kam erst vor vier Jahren nach Neuwerk, um die vakante Stelle der Insellehrerin zu besetzen.

          Eigentlich ist sie ein Stadtmensch, aufgewachsen in Hamburg-Mitte: „Ich wollte das Abenteuer“, sagt sie. Beim ersten Anlauf verließ sie kurz vor dem Ziel der Mut: „Ich dachte, ins soziale Abseits kann ich mich doch nicht setzen, das ist zu weit weg vom Schuss.“ Als sich die Möglichkeit dann ein zweites Mal bot, weil die Lehrkraft vor ihr bald hingeworfen hatte, griff Meike Müller-Toledo doch noch zu. Und als dann zum ersten Mal der November kam und das letzte Schiff fuhr, als die Kühe wieder aufs Festland und die Schweine zum Schlachter gefahren wurden, als sogar die Bänke für die Besucher abmontiert wurden, zweifelte sich noch einmal kurz an ihrem Entschluss. Schnell hat sie Neuwerk dann auch im Winter zu schätzen gelernt. „Ich mag das besondere Tempo hier.“

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