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Namibia und Deutschland : Kommt es wieder zum Eklat?

PAramount-Chief Vekuii Rukoro und andere örtliche Stammesältere bei einem Gedenken auf dem Hügel, der laut Historikern den Beginn des Völkermordes an den Herero bedeutete. Bild: Picture-Alliance

Zum dritten Mal gibt die Regierung, diesmal vertreten durch Staatsministerin Müntefering, menschliche Gebeine an Namibia zurück. Die gemeinsame Geschichte gleichermaßen aufarbeiten wollen aber nicht alle Menschen in Namibia.

          5 Min.

          Vekuii Rukoro ist ein einflussreicher Mann in Namibia. Vor kurzem warnte er seine Regierung davor, sich „von fremden imperialistischen Interessen im Namen von Diplomatie, Versöhnung und sogenannter Entwicklungshilfe“ einnehmen zu lassen. Er meinte damit Deutschland.

          Tobias Schrörs

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Die markigen Worte stammen aus einer Rede, die Rukoro am 11. August unweit des Waterbergs beim 114. Gedenktag der Schlacht von Ohamakari hielt. Die Schlacht gilt als Beginn von Greueltaten der deutschen Kolonialmacht, über die seit 2015 auch das Auswärtige Amt sagt, sie seien „etwas, was heute als Völkermord bezeichnet würde“. In Deutsch-Südwestafrika schlugen deutsche Truppen zwischen 1904 und 1908 Aufstände der Herero und Nama grausam nieder. Zehntausende wurden getötet.

          Menschliche Gebeine zur „Rassenforschung“ in Deutschland

          Deutschland und Namibia führen seit 2015 Regierungsgespräche, um die gemeinsame Geschichte aufzuarbeiten. Als Versöhnungsgeste sollen in der kommenden Woche in Berlin zum dritten Mal menschliche Gebeine an die Republik Namibia übergeben werden, die einst für pseudowissenschaftliche „Rassenforschung“ ins Kaiserreich gebracht worden waren. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und der Council of Churches in Namibia feiern einen gemeinsamen Gottesdienst. Die Kirche trage eine Mitverantwortung, sagt die Auslands-Bischöfin Petra Bosse-Huber, weil Missionare „weitgehend kritiklos die rassistischen und kolonialistischen Sichtweisen ihrer Zeit“ geteilt hätten. Der Rat der EKD hat sich darum 2017 in einer Erklärung zu der Mitverantwortung bekannt und um Vergebung gebeten.

          Die Gespräche zwischen den Regierungen aber stocken. Die namibische Regierung hat nach Angaben des Auswärtigen Amts ihrem Verhandlungsführer Zedekia Ngavirue beratende Gremien zur Seite gestellt, um die besonders betroffenen Gemeinschaften einzubinden. Dennoch sind nicht alle vertreten. Die namibische Botschaft will nicht kommentieren, wie es zu der Auswahl kam. Ein Grund dürfte sein, dass in Namibia sowohl die traditionellen Königshäuser einen Vertretungsanspruch für die Herero erheben als auch der gewählte Paramount-Chief Vekuii Rukoro. Er sitzt allerdings nicht mit am Verhandlungstisch.

          Die Saat für diesen Konflikt wurde schon in der Kolonialzeit gelegt. Damals wurde die Funktion des sogenannten Paramount-Chief, also eines „Oberhäuptlings“ der Herero, erst geschaffen. Der erste Paramount-Chief war Samuel Maharero (1856 bis 1923), als solcher wurde er auch nach Ansicht des Soziologen Reinhart Kößler vom deutschen Gouverneur Curt von François Anfang der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts anerkannt. Beim Aufstand 1904 sei Maharero dann die Führungsrolle zugefallen. Nach seinem Tod wurde dann eine Nachfolge-Tradition begründet, die bis heute andauert. Während sich die Königshäuser auf Genealogie beriefen, sei Paramount-Chief Rukoro auf Lebenszeit gewählt. Dennoch findet er nicht bei allen Herero Rückhalt.

          Sammelklage gegen Deutschland

          „Wir sprechen nicht mit einer Stimme“, sagt denn auch Ueriuka Festus Tjikuua. Er ist Generalsekretär des Opferverbands „Ovaherero/Ovambanderu and Nama Council for the Dialogue on the 1904–1908 Genocide“ (ONCD). Sein Verband unterstützt die Verhandlungslinie der Regierung und vertritt unter anderem die Königshäuser der Herero. 16 Mitglieder der Delegation, die an den Feierlichkeiten in Berlin teilnehmen wird, gehören dem ONCD an. Gemeinsam mit Bildungsministerin Katrina Himarwa-Hanse reisen nach Angaben der namibischen Botschaft 66 Delegierte an. Auch Rukoro. Bis vor kurzem war seine Teilnahme noch unklar.

          Dass Rukoro trotz innenpolitischer Differenzen Teil der Delegation ist, begründet die namibische Botschaft damit, dass es im Moment der Trauer darauf ankomme, zusammenzustehen. Die Übergabezeremonie sei von den Regierungsverhandlungen, aber auch von der Klage, die Anfang vergangenes Jahr eingereicht wurde, zu unterscheiden. Als Hauptkläger treten Rukoro und ein Nama-Vertreter auf, sie wandten sich an ein New Yorker Bezirksgericht mit einer Sammelklage gegen Deutschland.

          Rukoro fordert Reparationsleistungen und möchte als dritte Partei an den Regierungsgesprächen teilnehmen. Im Zusammenhang mit Reparationsforderungen kursierte in der Vergangenheit die Summe von 30 Milliarden Dollar.

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