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Deutschkurse für Flüchtlinge : Die Klasse

„Berlin ist cool“: Valeria, 14, auf dem Bett in einem Berliner Hotel, das zum Flüchtlingsheim umfunktioniert wurde. Bild: Jens Gyarmaty

Fünf Tage die Woche Deutsch: Seit Schulbeginn hat unsere Autorin einen Intensivkurs für Flüchtlingskinder begleitet. Geschichten zwischen Aufbruch und Verzweiflung.

          22 Min.

          31. August.

          Die Eintrittskarte in die deutsche Gesellschaft ist ein einseitiges Fax vom Berliner Bezirksschulamt: Wurde bereits eine Schule besucht? Wenn ja, wo und wie lange? Hinter der Staatsangehörigkeit finden sich knappe Angaben zum Aufenthaltsstatus: Asylbewerber. Vielleicht Duldung. Manchmal, etwa bei EU-Bürgern, ist das Feld leer.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Vorgeschichte der Schüler spielt an der Paul-Schmidt-Schule im Stadtteil Lichtenberg keine Rolle. „Es ist nicht wichtig für die Arbeit“, sagt Frau Demke, die Deutschlehrerin, am ersten Schultag nach den Sommerferien. „Sie müssen lernen, mit ihrem Elend abzuschließen und sich nach vorne zu orientieren.“ Die Mathelehrerin sagt: „Natürlich kann ich mit jedem Kind mitleiden. Aber darum geht’s nicht in der Schule. Wir sind eine Leistungsgesellschaft. Was nützt es, wenn wir jeden Tag die Hand auflegen?“ Die Schüler müssten trotzdem pünktlich sein. Und lernen, lernen, lernen.

          8. September

          „Ich heiße Frau Demke. Ich bin 53 Jahre alt. Ich komme aus Deutschland. Ich wohne in Berlin.“ Frau Demke schreibt die Satzanfänge an die Tafel und unterstreicht das „e“ am Ende der Verben. Dann sind die Schüler dran: Tomek, 14, kommt aus Polen. Ali, 15, Irak. Valeria, 14, Moldau. Eleni, 13, Griechenland. Thuong, 15, Vietnam. Ahmad, 15, Syrien. Deniz, 15, Bulgarien. Ein Dutzend Kinder, in den nächsten Monaten werden weitere hinzukommen, andere gehen.

          Guten Morgen. Guten Tag. Guten Abend. Gute Nacht. Eins, zwei, drei, vier. Das Wochenende sind Samstag und Sonntag. Das Alphabet, A bis Z, dann die Umlaute, jetzt noch einmal von vorne, schneller bitte. Frau Demke spricht vor, die Schüler antworten im Chor. Deutsch, ein Rhythmus.

          Elf Monate Crashkurs, anschließend sollen die Neuankömmlinge in der deutschen Regelschule mithalten. „Willkommensklassen“ werden diese Vorbereitungsgruppen in Berlin genannt. Frau Demke findet den Begriff scheinheilig. Selbstverständliches müsse man nicht betonen. Kinder von Asylbewerbern unterliegen der Schulpflicht. Das Recht auf Bildung gilt für alle. Aber Bildungsdeutsch ist anspruchsvoll. Deshalb setzt das Team der Paul-Schmidt-Schule auf klare Strukturen. Ehrgeizige Ziele statt Kuschelpädagogik, Lehrerinnen ohne Vornamen, streng, aber mit Herz. Handys werden vor dem Unterricht eingesammelt.

          Auf dem ungemähten Gras hinter dem Containerbau. Die Jungs kicken sich einen Ball zu, die Mädchen sitzen stumm auf einer Bank. Valeria sagt auf Englisch, es sei merkwürdig, mit niemandem reden zu können. Ahmad ist seit sechs Tagen in Berlin, er lebt in einem Wohnprojekt der Jugendhilfe. Schule? Eine willkommene Abwechslung, sagt er.

          Valeria

          Wenn Valeria Internetzugang hat, postet sie Selbstporträts auf Facebook: Angeschnittene Bilder in Schwarzweiß, die dunklen Locken halb vorm Gesicht. Mal sieht sie wie eine Elfe aus, mal wie ein Rockstar, weniger stupsnasig als in echt. Oder sie fotografiert ihre Hand, die sie mit einem Filzstiftmuster überzogen hat, als trüge sie einen Spitzenhandschuh. Am liebsten würde sie Fotografie studieren oder visuellen Journalismus.

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