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Beistand vor Todesstrafe : E-Mails an einen Mörder

  • -Aktualisiert am

Jeden Monat schreiben sich Jacqueline Wagner und Blaine Milam Briefe wie diese. Bild: Astrid Ludwig

Jacqueline Wagner schreibt Briefe an einen Mann, der ein Kind getötet hat. Sie nennt ihn derweil Bruder. Gemeinsam warten sie auf seine Hinrichtung.

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          Seit vier Jahren sendet Jacqueline Wagner jeden Monat eine E-Mail an ihren Brieffreund in Texas, und jeden Monat schreibt Blaine ihr lange Briefe zurück. Es geht um Musik, Bücher oder das Lieblingsessen, normale Themen. Doch an dieser Brieffreundschaft ist nichts „normal“: Blaine Milam sitzt wegen Mordes in der Todeszelle.

          Wagner kann sich noch genau an den ersten Brief erinnern, der sie damals daheim bei den Eltern in Ettlingen erreichte. Sie war so aufgeregt, dass sie den länglichen Umschlag fast zerriss und auch den Aufdruck in der Innenseite. „General Offender Correspondence, Texas Department of Criminal Justice, Institutional Division“ stand dort. Der gestempelte Hinweis der texanischen Strafvollzugsbehörde, dass die Post gelesen wurde, bevor sie die Empfängerin erreicht. „Damit hatte ich gerechnet“, erzählt sie, nicht aber mit der Briefmarke. „Freedom Forever“, Freiheit für immer, stand unter dem Sternenbanner der Vereinigten Staaten. „Das fand ich unglaublich zynisch“, sagt die 19-Jährige.

          „Ich wusste, dass ihm niemand sonst schreiben würde“

          Wagner ist eine zarte, junge Frau. Sie trägt die Haare kurz und ist dezent geschminkt. Gerade hat sie ihre erste kleine Wohnung bezogen. Sie studiert Wirtschaftsmathematik in Heidelberg. An ihrer Schule hat sie mit einer Eins plus das beste Mathe-Abi hingelegt und dafür den Preis der Deutschen Mathematiker-Vereinigung eingeheimst. Ein hart erarbeiteter Lohn, denn bis zur 10. Klasse war sie eher mies in Mathe, im Zeugnis stand nur eine Vier. „Doch dann habe ich mich echt reingekniet“, sagt Jacqueline, als gäbe es nichts Leichteres als das.

          Eine Brieffreundin mit missionarischer Ader: Jacqueline Wagner

          Wochenlang ist sie nach dem Abi allein durch China, die Mongolei und Indien gereist, und wenn man sie fragt, ob sie nicht manchmal ängstlich war, lächelt sie sanft und sagt, es gehe doch darum, die eigenen Grenzen kennenzulernen. In Heidelberg muss sie sich nun wieder reinknien. Sie zählt zu den wenigen Frauen unter den Mathematik-Studierenden, will einen Bachelor in Mathe und Informatik machen und später noch Maschinenbau draufsatteln. „Ich interessiere mich für Flugzeugbau“, erzählt sie.

          Wieso schreibt eine kluge, lebenslustige 19-Jährige Briefe an einen Mörder in der Todeszelle? Sie lächelt ihr Mona-Lisa-Lächeln. Schuld, erzählt sie, sei Susan Sarandon. Die amerikanische Schauspielerin spielte die Nonne, die den Todeskandidaten in „Dead Man Walking“ bis zum Ende begleitete. Den Hollywood-Film sah Jacqueline, als sie 15 Jahre alt war. Da war sie ein Teenager wie viele andere auch, der die Welt verbessern will und an das Gute im Menschen glaubt. Im Internet stieß sie auf die Seite „Write a Prisoner“ und auf Milam, mit 20 Jahren damals in den Vereinigten Staaten der jüngste Kandidat in der Todeszelle. „Ich wählte ihn, weil er so jung war wie ich und weil ich wusste, dass ihm, nachdem was er getan hatte, sicherlich niemand sonst schreiben würde.“

          5,6 Quadratmeter und die Aussicht auf den Tod

          Milam ist heute 24, ein etwas dicklicher junger Mann mit kahl geschorenem Kopf und dem Blick eines verunsicherten Kindes. „DR“ für „Death Row“, den Trakt mit den zum Tode Verurteilten, steht auf seiner weißen Gefängniskleidung. Seit seiner Verurteilung 2010 besteht seine Welt aus einer 5,6 Quadratmeter kleinen Einzelzelle mit Fenster und der Aussicht auf den Tod durch die Giftspritze. Er sitzt mit rund 300 anderen zum Tode verurteilten Häftlingen in der „Polunsky Unit“ des Hochsicherheitsgefängnisses im texanischen Livingston.

          Texas zählt zu den amerikanischen Bundesstaaten mit den schärfsten Gesetzen und die „Polunsky Unit“ zu den Orten mit den härtesten Bedingungen für Straftäter. Die Kandidaten im Todestrakt dürfen ihre Zellen nicht verlassen, sie dürfen innerhalb der Anstalt nicht arbeiten, es gibt keine Ablenkung durch Fernsehen, nur Radio, Zeitungen, ein Besuch alle paar Wochen und Briefe, wenn es denn jemanden gibt, der ihnen schreibt.

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