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Deutsche Kolonialgeschichte : Der Gürtel des Kahimemua

  • -Aktualisiert am

1896 in Okahandja, damals Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“: Soldaten der deutschen Schutztruppe posieren mit ihren Gefangenen, den Stammesführern Kahimemua zusammen Nguvauva (3. von links) und Nikodemus Kavikunua. Beide wurden kurz danach hingerichtet. Bild: Basler Afrika Bibliographien

Ein von Deutschen getöteter Stammesführer, ein geraubtes Heiligtum, eine Spurensuche: Unsere Autorin über ein Stück Kolonialgeschichte, das jetzt ein Ende finden könnte.

          7 Min.

          Alles begann vor etwa zweieinhalb Jahren in einer Berliner Kneipe. Als Journalistin berichtete ich über den Fortgang der Verhandlungen zwischen der Bundesregierung und der Regierung Namibias über den Völkermord, den die Deutschen zwischen 1904 und 1908 in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika an Zehntausenden Menschen der Herero und Nama verübt hatten. Zu der Delegation von Herero-Vertretern, Teilnehmer der Verhandlungen, zählte Freddy U. Nguvauva. Wir sprachen über Entschädigungsforderungen und über die Rückgabe von Kulturgütern, als er mir eine erstaunliche Geschichte erzählte.

          Seine Familie und sein Volk, die Ovambanderu – eine Untergruppe der Herero –, suche noch immer nach dem Gürtel seines Ururgroßvaters. „Es war ein sehr heiliger und historischer Gürtel, der jeweils vom Vater an den Sohn weitergegeben wurde“, sagte er. „Mein Ururgroßvater Kahimemua Nguvauva trug diesen Gürtel. Er wurde 1896 von den Deutschen hingerichtet. Und wir wissen: Sie haben den Gürtel mitgenommen. Wir fordern ihn zurück.“

          Wo soll dieser Gürtel sein, fragte ich. In einem Museum? Und wie hat er ausgesehen? Das alles wisse er leider nicht, antwortete Nguvauva. Doch er habe sehr große Bedeutung für seine Community.

          Aufstand gegen deutsche Schutztruppen

          Zu Hause googelte ich und stellte fest: Freddy Nguvauvas Ururgroßvater war nicht irgendwer. In Namibia ist er eine legendäre historische Figur. Er bescherte den Deutschen ihren ersten Kolonialkrieg, noch acht Jahre vor dem Völkermord. Bedrängt durch die aggressive Landnahme der Deutschen, hatte sich Kahimemua Nguvauva mit dem Herero-Führer Nikodemus Kavikunua gegen die sogenannten Schutztruppen erhoben. Nach erbittertem Gefecht wurde er in der Schlacht von Otjunda (zu Deutsch: Sturmfeld) geschlagen. Beide Stammesführer wurden durch ein deutsches Kriegsgericht zum Tode verurteilt und am 12. Juni 1896 auf Befehl des Oberkommandierenden der deutschen Schutztruppen, Major Theodor Leutwein, standrechtlich erschossen.

          Die Brutalität dieser Szene auf einem steinigen Hügel im afrikanischen Buschland berührte mich. Sollte der magische Gürtel des Kahimemua tatsächlich noch irgendwo in Deutschland zu finden sein? Im Depot eines Museums oder als Erinnerungsstück eines deutschen Soldaten auf irgendeinem Dachboden? Und wenn ja – wie findet man ein Objekt, das nur noch als vage Erinnerung an einen schmerzlichen Verlust existiert, über fünf Generationen bewahrt? Ich wandte mich an Dag Henrichsen von den „Basler Afrika Bibliographien“, einem Dokumentations- und Kompetenzzentrum zum südlichen Afrika. Henrichsen, so hieß es, wisse alles über die deutsch-namibische Geschichte und kenne sich aus mit den traditionellen afrikanischen Kulturen und der „Praise Poetry“ der Herero.

          Praise Poetry, erklärte er mir kurze Zeit später in seinem Basler Büro, seien mündlich überlieferte, poetische Textbausteine zu Personen, zu deren Ahnen, Geburtsorten, Landschaften, Rindern und historischen Ereignissen, die in Erzählungen eingeflochten oder bei Feiern gesungen oder getanzt würden. Und gibt es Praise Poetry der Ovambanderu zu Kahimemua?, fragte ich. „Natürlich“, antwortete er. „Auch eine zu Leutwein. Sie ist sehr kurz, sie lautet ,Majora uo mbindu‘: Der Major mit den blutigen Händen.“

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