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Schwarzwald in den Tropen

Von TJERK BRÜHWILLER, Fotos von OSCAR B. CASTILLO

09.05.2018 · Armut trieb vor 175 Jahren deutsche Auswanderer nach Venezuela. Nun werden ihre Nachfahren in der Colonia Tovar von der Misere eingeholt.

C olonia Tovar, im Mai. Es ist elf Uhr dreißig. Unten im Dorf läuten die Kirchenglocken, so wie jeden Sonntag. Die Leute strömen aus der Kirche über den Markt. Einige bleiben noch auf dem Dorfplatz stehen und reden, andere treffen sich im Restaurant „Rumbach“ oder in einer anderen Gaststube zu einer deftigen Platte Eisbein mit Sauerkraut oder genießen den lauen Sonntag auf einer Terrasse, wo sie sich unter die Tagestouristen mischen. An den Sonntagen ist etwas los im Dorf. Dann lässt sich der Alltag vergessen, der immer mühseliger wird und vielen Dorfbewohnern Sorge bereitet.

Die Szenen stammen nicht aus einem Bauerndorf in Oberbayern, sondern aus der Colonia Tovar, einer Gemeinde siebzig Kilometer westlich der venezolanischen Hauptstadt Caracas. Im kühlen Bergland nahe der Küste auf 1800 Metern über dem Meer haben sich vor 175 Jahren deutsche Siedler niedergelassen. Sie waren dem Versprechen der damaligen venezolanischen Regierung gefolgt, die ihnen Ackerland und Häuser versprochen hatte. Das junge Land an der Nordspitze Südamerikas suchte damals tüchtige Fachkräfte aus Europa, um der Wirtschaft nach dem Befreiungskrieg auf die Beine zu helfen. Doch was die 375 deutschen Siedler – die meisten kamen aus dem südbadischen Endingen – nach ihrer beschwerlichen Reise antrafen, waren keine Häuser, sondern dichter Urwald. Das Verhältnis zwischen der venezolanischen Obrigkeit und den Dorfbewohnern der Colonia Tovar war vom ersten Tag an von Misstrauen geprägt. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Nachfahren der deutschen Einwanderer 1935 auf der Hauptstraße: Im kühlen Bergland nahe der Küste haben sich vor 175 Jahren deutsche Siedler niedergelassen.
Josepha Rudmann (unten in der Mitte) wurde 1833 in Wasenweiler geboren, 1833 kam sie in Venezuela an. Das Bild wurde etwa 1920 aufgenommen.

Auf einer Anhöhe befindet sich der Hof von Alfredo Breidenbach. Der 76 Jahre alte Bäckermeister steht in seiner Backstube und schaut nachdenklich auf seine Maschinen. Die meisten davon sind aus Deutschland importiert. „Die Öfen sind 40 Jahre alt, aber sie funktionieren wie neu“, sagt er. Gebacken wird darin trotzdem nur noch wenig: hundert bis zweihundert Brote pro Tag, an manchen Tagen auch gar nichts. „Wir backen, wenn es Mehl gibt“, sagt Breidenbach. Früher habe er eine halbe Tonne Mehl pro Tag verwertet, doch heute sei es immer schwieriger zu bekommen. Butterkekse stellt die Bäckerei gar keine mehr her, denn Breidenbach findet keine Butter und nicht ausreichend Zucker. Zweitausend Pack Kekse waren es noch vor einigen Jahren. „Nun geht alles den Bach runter“, sagt er. Von seinen einst siebzehn Angestellten, sind noch zwei übrig. Sie kommen, wenn es Mehl gibt.

Bäcker Alfredo Breidenbach: „Die Öfen sind 40 Jahre alt, aber sie funktionieren wie neu.“
Butterkekse stellt die Bäckerei gar keine mehr her, denn Breidenbach findet keine Butter und nicht ausreichend Zucker.

Der Bäcker leidet unter der katastrophalen Versorgungslage in Venezuela. Die sozialistische Regierung hat das Land abhängig vom Erdöl gemacht, während sie die restlichen Wirtschaftszweige verrotten ließ. Fast alles muss heute nach Venezuela importiert werden. Doch wegen des Einbruchs des Ölpreises fehlen dem Land die Devisen. Und was es doch noch gibt, frisst der unersättliche und korrupte Staatsapparat auf. Der Mangel hat das Land und seine Bevölkerung im Würgegriff.

Alfredo Breidenbach ist nicht der Einzige in der Colonia Tovar, der darunter leidet. Die Metzger, die hier Wurstspezialitäten herstellen, finden nicht mehr alle Zutaten, die Bäcker kein Mehl und die Brauer keinen Hopfen. Zwei der drei Kleinbrauereien in der Colonia Tovar mussten ihren Betrieb in den vergangenen Monaten einstellen. Dabei wurde hier einst das erste Bier in Venezuela von den deutschen Einwanderern produziert. Viele haben ihre Arbeit verloren. Einzig die Bauern, die an den Hängen des Tals Früchte und Gemüse anbauen, spüren die Versorgungskrise nicht so stark – abgesehen vom Dünger, der kaum noch zu finden ist.

Hotels gibt es genug, aber wenige Touristen bleiben über Nacht.
Souvenirs: Die Nachfrage ist kleiner geworden.

Doch auch die Nachfrage nach ihren Produkten ist kleiner geworden. Das Geld ist knapp in Venezuela. Die Inflation hat die Einkommen wertlos gemacht. Die Touristen, die am Wochenende aus Caracas in die Colonia Tovar kommen, sind privilegiert. Aber auch sie geben weniger aus. Wenige bleiben über Nacht. An Sonntagen war hier früher kein Durchkommen mehr. Die Straßen zwischen den Fachwerkhäusern waren verstopft. Die Besucher deckten sich mit den Produkten ein, die an den Ständen im ganzen Dorf angeboten werden. Und in den Gasthäusern, die so klangvolle Namen tragen wie „Zur Mühle“ oder „Kaiserstuhl“, war jeder Tisch belegt. Heute kommen zwar nach wie vor einige Besucher am Wochenende. Doch von Montag bis Freitag gleicht die Colonia Tovar einer Geisterstadt aus der Vergangenheit.

Von Montag bis Freitag gleicht die Colonia Tovar einer Geisterstadt aus der Vergangenheit.

Alles, was die Colonia Tovar heute ist, hat sie sich selbst zu verdanken. Aus dem Nichts arbeitete sich das Dorf empor, baute Landwirtschaft und Gewerbe auf und schuf sich den Traum, um den es vor 175 Jahren betrogen worden war. Lange lebte die Gemeinde fast isoliert von der Außenwelt. Aus Misstrauen gegenüber den Venezolanern war es den Bewohnern der Colonia Tovar während hundert Jahren sogar untersagt, sich mit den Einheimischen zu vermischen. Heute sprechen allerdings nur noch die wenigsten den eigenartigen Dialekt, das „Alemán Coloniero“. Doch den Geist des aufmüpfigen Gallierdorfes hat die Gemeinde bewahrt. Als vor einem Jahr die Proteste gegen das Regime von Nicolás Maduro ausbrachen, kam es in der kleinen Berggemeinde zu Unruhen und Straßenblockaden. Die jungen Dorfbewohner lehnten sich auf, Reifen und Autos brannten. Schließlich entsandte die Regierung das Militär, das die Colonia Tovar unter dem Einsatz von Gummischrot und Tränengas besetzte.

Freunde hat Maduro in der Colonia Tovar wenige. „Wir haben seit 18 Jahren Hoffnung auf Besserung“, sagt Alfredo Breidenbach. Nun habe sich die von den Chavisten versprochene Gleichheit eingestellt, denn heute gehe es allen schlecht. Es sei wie eine Ironie des Schicksals, sagt der Bäcker: „Unsere Vorfahren flohen vor der Misere in Europa nach Venezuela. Heute fliehen unsere Kinder aus der Colonia Tovar.“

Viele Bewohner haben die Gemeinde in den vergangenen Jahren verlassen, weil sie keine Perspektiven mehr sahen. Auch Breidenbach hat schon mit dem Gedanken gespielt, wegzuziehen – nach Deutschland am liebsten. Doch einerseits fehlt ihm dafür das Geld für das schier unbezahlbare Flugticket. Und andererseits ist er irgendwo tief im Inneren eben doch mehr Venezolaner als Deutscher und zu sehr seiner Heimat verbunden – der Colonia Tovar, seinem kleinen Stück Schwarzwald in den Tropen.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 07.05.2018 11:02 Uhr