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Deutsche in Hollywood : Den Traum leben, ohne Nachhilfe

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Deutschlands schönstes Gesicht in Hollywood: Diane Kruger Bild: dpa

Ein paar Deutsche haben es nach Hollywood geschafft. Eine echte Community in der Metropole des Kinos aber bilden sie nicht. Viele verstehen sich wie Regisseur Wolfgang Petersen als Einzelkämpfer.

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          Mit Schicksalsgemeinschaften kennt Wolfgang Petersen sich aus. Auf der Leinwand hat der Starregisseur aus dem ostfriesischen Emden immer wieder große Gefühle von Solidarität, Kameradschaft und Loyalität beschrieben, die Millionen Kinobesuchern die Tränen in die Augen trieben. Dass hehre Motive in der Realität der kalifornischen Filmmetropole dagegen auch unter Beinahelandsleuten kaum eine Rolle spielen, erfuhr Petersen schon unmittelbar nach seiner Ankunft in Hollywood vor fast einem Vierteljahrhundert. Ein Bekannter erwähnte, Arnold Schwarzeneggers Haus in Santa Monica stehe nach der Heirat des Österreichers mit Maria Shriver leer, und bot an, sich als Vermittler zu verdingen.

          Kurz darauf übergab er dem erleichterten Petersen und seiner Frau Maria die Schlüssel zu dem idyllischen Anwesen im spanischen Kolonialstil. „Als wir die Tür öffneten, traf uns der Schlag“, erinnert sich der Regisseur. „Es gab dort kein einziges Möbelstück mehr, nicht mal einen Stuhl, und wir mussten uns fast über Nacht für viel Geld eine Einrichtung leihen.“ Einen weiteren Stoß versetzte dem Paar Schwarzeneggers unerwartete Bitte, Miete für die Villa zu zahlen. „Da das Haus leer stand, waren wir davon ausgegangen, umsonst dort wohnen zu können. Als Arnold dann plötzlich 6000 Dollar im Monat plus 800 Dollar für den Pool wollte, waren wir natürlich überrascht. Ich dachte, er würde uns einladen.“

          Bis heute hat sich nach dem spröden Willkommen „in der großen, weiten Welt mit dem ganzen Glanz und Glitterkram“ zwischen Petersen und anderen deutschen Filmschaffenden in Los Angeles kein allzu tiefes Wir-Gefühl eingestellt. „Als Regisseur bleibt man fast immer Einzelkämpfer“, meint der Siebzigjährige, der nach Blockbustern wie „Der Sturm“, „Outbreak – Lautlose Killer“ und dem Historienepos „Troja“ zu den Erfolgreichsten der amerikanischen Filmbranche gehört.

          Wolfgang Petersen

          Enge Freundschaft mit Thomas Gottschalk

          Eine gewisse Vorsicht hatte Petersen sich schon nach den Erfahrungen mit „Das Boot“ von 1981 angewöhnt, das von deutschen Kritikern als kriegsverherrlichend verrissen wurde. „Es war so brutal, dass wir uns entschlossen haben, Deutschland den Rücken zu kehren“, erinnert sich Petersen. Als der Film für sechs Oscars nominiert wurde, sah sich Petersen am Ziel eines Traums, der mit einer Acht-Millimeter-Kamera in seiner Schulzeit begonnen hatte. Heute liegt Petersens Stück Hollywood in einem Büro an der noblen Montana Avenue in Santa Monica oberhalb des Pazifischen Ozeans.

          Während seine Beziehungen zu der amerikanischen Filmgemeinde so eng sind, dass auch Stars wie „Brad“ Pitt, „Dustin“ Hoffman und „Clint“ Eastwood gelegentlich vorbeischauen, verbinden ihn mit Hollywoods Filmschaffenden aus der alten Heimat eher lockere Kontakte. Die Regisseurkollegen Roland Emmerich und Florian Henckel von Donnersmarck („Der hat im Moment an ,The Tourist‘ zu knabbern“) trifft Petersen zu Partys oder Abendessen, bei denen auch Uli Edel „ab und zu“ dabei ist. Mit Thomas Gottschalk und seiner Frau Thea verbindet das Ehepaar Petersen dagegen seit 25 Jahren eine enge Freundschaft.

          Auch mit dem im Januar plötzlich verstorbenen Produzenten Bernd Eichinger, der in seinen letzten Lebensjahren zwischen München und Los Angeles pendelte, teilte Petersen neben gemeinsamen Projekten („Die Konsequenz“, „Die unendliche Geschichte“) jahrzehntelang Privates. „Im Leben hat man vielleicht drei oder vier enge Freunde. Bernd war einer davon“, meint Petersen.

          Networking mit deutschen Landsleuten scheint nicht jedem zu liegen

          Da Eichinger aber kaum in Hollywood drehte, scheint die Lücke, die er in den Vereinigten Staaten hinterlässt, kleiner als in Deutschland. Vermutlich fand sich sein Name daher auch nicht auf der In-memoriam-Liste, mit der die Academy of Motion Picture Arts & Sciences während der Oscar-Zeremonie jedes Jahr die Verstorbenen der Filmbranche ehrt. „Er genoss hier das beste Image, zählte aber nicht zu den bekannteren Persönlichkeiten“, weiß Petersen.

          Bei der jährlichen Oscar-Party des Filmvermarkters German Films in der Villa Aurora auf den Hügeln von Pacific Palisades, wo einst Lion Feuchtwanger lebte, gehörte Eichinger dagegen zu den prominentesten und vor allem unterhaltsamsten Gästen. Sobald der Produzent mit seiner Frau Katja das imposante Anwesen betrat, um bei Roederer-Champagner und Bratwursthäppchen die deutschsprachigen Oscar-Nominierungen zu feiern, keimte unter den anwesenden Filmschaffenden aus der alten Welt zumindest ein leises Gefühl der Verbundenheit auf.

          Das Networking mit deutschen Landsleuten scheint aber nicht jedem zu liegen. In den vergangenen Jahren haben vor allem Schauspieler wie der Dessauer Thomas Kretschmann („U-571“, „Blade II“, „Der Pianist“, „King Kong“), der seit mehr als zehn Jahren in Los Angeles lebt, oder seine niedersächsische Kollegin Diane Kruger, früher Heidkrüger, die in Petersens „Troja“ dank akzentfreiem Englisch als Helena auftrat und mit Quentin Tarantino „Inglourious Basterds“ drehte, einen Bogen um das einstige „Weimar am Pazifik“ gemacht. Auch Armin Mueller-Stahl, der nur ein paar Hügel von der Villa Aurora entfernt wohnt, pflegt kaum Kontakte zu der deutschen „film community“. Über den Film „Das Geisterhaus“, den er mit Eichinger und Emmerich als Produzenten drehte, und sehr sporadischen Abendessen mit Petersen soll die Zusammenarbeit in zwei Jahrzehnten nicht hinausgekommen sein.

          „Stammtischmentalitäten liegen mir nicht so“

          Auch „Hollywood’s next German generation“ hat wenig Bedürfnis nach Verbindungen zu anderen deutschstämmigen Filmschaffenden. Der Berliner Jochen Alexander Freydank, der vor zwei Jahren mit einem Academy Award für den Kurzfilm „Spielzeugland“ ausgezeichnet wurde, hat während eines dreimonatigen Stipendiums in der Villa Aurora im vergangenen Jahr bewusst ein wenig Abstand gehalten. „Stammtischmentalitäten liegen mir nicht so“, meinte der Filmemacher, der Deutschland trotz Verhandlungen mit amerikanischen Produktionsfirmen weiterhin treu bleiben will. Während sich frühere Besucher der Feuchtwangerschen Villa wie Thomas und Heinrich Mann sowie Bertolt Brecht, die als Flüchtlinge oder Vertriebene aus Hitler-Deutschland nach Kalifornien gekommen waren, regelmäßig in Pacific Palisades trafen, scheint sich der kreative Austausch der „German community“ heute überholt zu haben.

          Vielmehr als „Einzeltäter mit unternehmerischem Gespür“ versteht sich beispielsweise auch der Filmkomponist Patrick Kirst. Der Sechsunddreißigjährige, der nach dem Besuch des Musikkonservatoriums in Karlsruhe durch ein Stipendium des Rotary Clubs erst an die amerikanische Ostküste und von dort vor acht Jahren nach Hollywood kam, hat für Filme wie „The Proposal – Selbst ist die Braut“ und „Sex and the City – Der Film“ geschrieben, ohne alteingesessene Meister seines Fachs wie den Frankfurter Oscar-Preisträger Hans Zimmer („König der Löwen“) jemals gesehen zu haben. „Die meisten professionellen Verbindungen stammen aus meinem Studium an der University of Southern California in Los Angeles und sind international“, erklärt Kirst.

          Eine „German film community“ hat der Beethoven-Fan bis heute nicht kennengelernt. Um an die ersten Aufträge für eigene Kompositionen zu kommen, musste sich der Musiker daher auch einiges einfallen lassen. Während er als Korrektor für den Hollywood-Komponisten Aaron Zigman arbeitete, legte er dem Musiker eines Abends anonym eine CD mit eigenen Stücken vor die Haustür. Am nächsten Tag meldete sich Zigman, wollte wissen, ob Kirst die Titel komponiert habe – und legte den Telefonhörer kommentarlos wieder auf. Vier Monate später rief Zigman den deutschen Kollegen ein weiteres Mal an und bot dem Überraschten einen Job als Orchestrator an. Seitdem hat der Kehler, der heute im Künstlerviertel Venice bei Los Angeles lebt, die Schauspielerin Katherine Heigl in „The Ugly Truth – Die nackte Wahrheit“ musikalisch bei der Partnersuche begleitet, Arrangements für die Eisbären, Elefanten und Wale der Disney-Dokumentation „Earth“ geschrieben sowie für ein paar Dutzend weitere Filme Musik mit oft klassischen Untertönen und exotischen Instrumenten komponiert.

          Dramatische Wasserszenarien

          Mehr einem Mix aus Fleiß und Zufall denn einem deutschen Pass hat auch Stephan Trojansky seinen ersten Großauftrag in Hollywood zu verdanken. Der Special-Effects-Filmer aus München war mit seiner amerikanischen Frau Danielle gerade nach Los Angeles gezogen, als ihn Emmerichs Ko-Produzent Volker Engel ansprach. Der „Roland“ drehe gerade einen Katastrophenfilm und brauche ein paar Riesenwellen. Trojansky bastelte am Computer tagelang Flutszenen, ließ Wassermassen über Städte hereinbrechen und ganze Landstriche in den Wellen versinken, bevor er Engel die Testaufnahmen schickte. Umgehend bekam er den Auftrag, für Emmerichs Weltuntergangsdrama „2012“ dramatische Wasserszenarien zu entwickeln. Ein Jahr später spielte der Film innerhalb von vier Tagen mehr als 200 Millionen Dollar ein.

          Für die Simulation von Flüssigkeiten wurde der Münchner schon vor drei Jahren mit einem Technik-Oscar geehrt. Bei der Verleihung des renommierten amerikanischen Filmpreises vor drei Wochen konnte Trojanskys Special-Effects-Schmiede „Scanline VFX“ für Eastwoods „Hereafter – Das Leben danach“ fast einen zweiten Goldritter mit in die Studios nach Marina del Rey nehmen, wo der Münchner heute fast 60 Mitarbeiter beschäftigt. „Auch wenn es sich abgedroschen anhört: Wir leben den amerikanischen Traum“, sagt der Vierunddreißigjährige. „Und das ganz aus eigenen Stücken und ohne deutsche Nachhilfe.“

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