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Deutsche Astronomin : Der Beat der Sternennächte

Fröhliche Wissenschaft: Bei Anna Frebels Blick in den Himmel darf tagsüber auch mal eine Sternchen-Sonnenbrille zum Einsatz kommen. Bild: Julia Zimmermann

Jung, weiblich und ein Star ihrer Zunft: Die deutsche Astronomin Anna Frebel hat einige der ältesten Sterne des Universums entdeckt. In einem Buch zeigt sie nun, wie Wissenschaft heute funktioniert.

          7 Min.

          Es gibt eine Stelle in ihrem Buch, da beschreibt Anna Frebel einen Sonnenuntergang. Einen Sonnenuntergang, wie sie ihn in Chile erlebt hat, am Observatorium Las Campanas, nicht einmal nur, sondern immer wieder. Dann treffen sich die Astronomen, die sonst in den Teleskopgebäuden arbeiten, unter freiem Himmel und verfolgen gemeinsam, wie „sich die ganze Welt langsam, aber sicher erst in gelbes, dann orangefarbenes und schließlich rotes Licht einfärbt“, schreibt Frebel; in diesem Moment, einem kurzen Moment nur, „ist jeder von uns ein echter Beobachter“. Da klingt ein wenig Wehmut durch.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Denn die Muße, seine Umwelt entspannt zu betrachten, haben im hektischen Alltag nur wenige; und so gern Frebel, wie sie sagt, ihre Umgebung beobachtet - den Himmel, die Natur, die Menschen -, so häufig kommt doch etwas dazwischen. Als Physikprofessorin am Massachusetts Institute of Technology macht Frebel vieles gleichzeitig: Vorlesungen geben, Papiere erstellen, Studenten betreuen; für Kontemplation bleibt wenig Luft. Dass der Satz noch eine zweite Ebene hat, das ahnt, wer Anna Frebels Buch liest. So spürbar leidenschaftlich der laut Verlagsjargon „junge Shooting-Star der Astrophysik“ darin seine Arbeit beschreibt, so ernüchternd ist eine Erkenntnis: Selbst die professionellen Erforscher der Sterne sind ganz selten nur noch das, was sich der Laie in seiner wildromantischen Phantasie unter ihnen vorstellen mag - echte Beobachter nämlich.

          Weit wichtiger als der Blick gen Himmel ist längst der auf den Computerbildschirm: Hier untersucht Frebel die hochaufgelösten Spektren weit entfernter Sterne und errechnet, in welchen Mengen dort bestimmte chemische Elemente auftauchen. Frebels Arbeitsfelder, die Spektroskopie und die Elementhäufigkeitsanalyse, tragen nicht die prickelndsten Namen, doch sie haben ihr das ermöglicht, wofür sie in ihren Kreisen - und dank ihres Buchs jetzt auch darüber hinaus - bekannt geworden ist: einige der ältesten Sterne im Kosmos entdeckt zu haben. Stellare Archäologin nennt Frebel sich selbst, und das klingt dann wieder ziemlich aufregend.

          Ohne Sonnenbrille geht´s aber auch.

          Um ihr Buch vorzustellen, ist Frebel zurück in ihre Geburtsstadt Berlin gereist; am Abend wird sie einen Vortrag im Naturkundemuseum halten, zuvor empfängt sie den Journalisten im Garten eines noblen Berliner Hotels. Ein wenig nagt der Jetlag an ihr, hungrig aber sei sie nicht, versichert sie der besorgten Frau vom Verlag, und von der Speisekarte des Hotels sage ihr auch gar nichts zu; vielleicht lasse sie sich später hierher eine Pizza liefern, das sollte doch möglich sein?

          Konventionen kümmern sie offensichtlich wenig, abgehoben wirkt sie auch nicht; dem Vorschlag der Fotografin, fürs Porträt eine Sternen-Sonnenbrille aufzusetzen, folgt sie begeistert. Fürs Interview setzt sie wieder ihre randlose Brille auf; sie sieht noch jünger aus, als sie es mit ihren 32 Jahren ohnehin ist. Im Gespräch lacht sie viel.

          Weiße Zwerge und Rote Riesen bevölkern das Universum

          Als fröhliche Wissenschaft begegnet uns auch die Astronomie, wenn Frebel auf den ersten Seiten ihres Buchs das Bildchen einer „Urknall-Limonade“ präsentiert, „mit 100 % stellarem H, C und O“, wenn das frühe Universum als Suppentopf dargestellt wird und wenn im Weltraum Weiße Zwerge und Rote Riesen auftauchen. Da sieht es so aus, als könne Frebels Plan gelingen, auch Leser ohne astronomische Vorbildung mit auf die Reise durchs All zu nehmen.

          Wer aber weiterliest, der droht an seine Grenzen zu stoßen - jedenfalls dann, wenn er einst die Schulfächer Chemie und Physik frühzeitig abwählte. Neben kosmischen Limonadendosen nämlich warten im Buch auf ihn das gefürchtete Periodensystem der Elemente, der CNO-Zyklus, der asymptotische Riesenast, die s-Prozess-Elementsynthese, entartete Neutronen aus der Photodisintegration, die Fraunhofer-K-Linie bei der Wellenlänge von 3933,6 Å, Sterne mit besonderen [/Fe]-Überhäufigkeiten, Formeln wie „[A/B] = log10 (NA/NB)Stern - log10 (NA/NB)Sonne“ und Sätze wie: „Magnesium besitzt einen wohldefinierten Trend (wenn es auch Ausnahmen gibt), der auf seine immer gleich ablaufende Synthese in Kern-Kollaps-Supernovae zurückgeführt werden kann.“ Spätestens hier zeigt sich, dass professionell betriebene Astronomie eben nicht jedermanns Sache ist und auch nicht die jeder Frau, sondern dass man schon eine gewisse Neigung, Ausdauer und Talent mitbringen sollte; es muss ja nicht alles gleich in solchem Übermaß vorhanden sein wie bei Anna Frebel.

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