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Deutsche Astronauten : Vor-Reiter im Weltall

  • Aktualisiert am

Nicht nur zu WM-Zeiten: Reiter hält das deutsche Fähnchen hoch Bild: REUTERS

Sobald die „Discovery“ an die ISS angedockt hat, beginnt für Thomas Reiter der erste Langzeitaufenthalt eines deutschen Astronauten im All - eine für die europäische Raumfahrt wegweisende Mission. Außer Reiter haben bisher neun Deutsche die Erde verlassen.

          Auf diesen Tag hat er sich jahrelang vorbereitet und dabei auch die Nerven eisern trainiert. Denn wieder und wieder war das Rendezvous im Weltraum wegen der Shuttle-Probleme der Amerikaner verschoben worden. Mit dem Andocken der „Discovery“ an die Internationale Weltraumstation ISS an diesem Donnerstag kann Thomas Reiter seine neue Wohn- und Arbeitsstätte im Weltraum betreten - zunächst noch als Crew-Mitglied der amerikanischen Raumfähre, doch nur wenig später als dritter Mann der fliegenden Großkonstruktion 400 Kilometer über der Erde.

          Um den Status zu wechseln, muß der 48 Jahre alte Mann aus Frankfurt am Main lediglich seine maßgeschneiderte Sitzschale in der russischen Sojus einbauen. Die Sojus ist gegenwärtig an der ISS angedockt und soll die - mit Reiter - wieder dreiköpfige Besatzung im Ernstfall sicher zur Erde zurückbringen. Nach einer kurzen Zeit an Bord übernimmt der deutsche Astronaut in Diensten der Europäischen Weltraumorganisation Esa ganz offiziell seine Funktion als zweiter Flugingenieur der „Expedition 13“. Dann kann er anwenden, was er in Trockenkursen gelernt hat: wie man die Station lenkt und kontrolliert, die Lebenserhaltungssysteme und die Umgebung der ISS überwacht, darauf achtet, daß das Raumfahrer-Trio im kommenden halben Jahr gesund und sicher bleibt. Und Anfang August unternimmt er als erster Esa-Astronaut auch einen Außenbordeinsatz, verniedlichend gerne als „Weltraumspaziergang“ bezeichnet.

          Meilenstein für Europas Raumfahrt

          „Das ist ein Meilenstein für die bemannte Raumfahrt in Europa“, freut sich der zuständige Esa-Direktor Daniel Sacotte über den geglückten Flug zur Station: „Thomas ist nur der erste - ihm werden bald andere europäische Astronauten folgen, die Ära der langfristigen Präsenz der Europäer im Weltraum ist eingeläutet.“ Sollte es klappen, im September 2007 Europas Milliarden-Forschungslabor „Columbus“ mit einem Shuttle-Flug zur ISS zu bringen, dann könnte schon der nächste Esa-Astronaut für einen Langzeitbesuch mit von der Partie sein. Das Labormodul ist für mehr als ein Jahrzehnt der Forschung eingerichtet.

          Dreimal im All: Ulf Merbold, 1983

          Der erste Deutsche an Bord, erprobt durch 179 Tage in der russischen Station Mir, schreibt 30 Tage nach seiner Ankunft noch einmal Geschichte. Denn dann zieht er mit dem Franzosen Jean-Pierre Haigneré gleich, der bei zwei Flügen mit zusammen 209 Tagen im All den bisherigen Esa-Rekord hält. Je nachdem, wie lange der Hesse auf der ISS bleibt, könnte er zum kleinen Kreis der Astronauten stoßen, die länger als ein Jahr im Weltraum waren. Ob es wirklich dazu kommt ist noch offen, unter den deutschen Raumfahrern wird Reiter der Aufenthaltsrekord lange nicht zu nehmen sein.

          Bisher zehn Deutsche im All

          Reiter gehört zu den bisher zehn Deutschen, die schon im All waren. Zuletzt umkreiste Gerhard Thiele im Februar 2000 an Bord des Space Shuttles „Endeavour“ elf Tage lang die Erde. Als erster Deutscher war 1978 Sigmund Jähn mit dem sowjetischen Raumschiff Sojus 31 für die DDR im All. Zusammen mit dem Kommandanten koppelte er das Raumschiff an die sowjetische Orbitalstation „Saljut 6“ an und stieg in die Raumstation um.

          Gleich dreimal war Ulf Merbold im Weltraum („Columbia“-Flug, 1983, „Discovery“-Flug, 1992, Mir-Aufenthalt 1994). Auf der Mir verbrachte er insgesamt 31 Tage. Ernst Messerschmid und Reinhard Furrer gehörten der D-1-Mission an (1985), einem „Spacelab“-Flug unter deutscher Regie. An der D-2-Mission nahmen 1993 Ulrich Walter und Hans Schlegel teil, Klaus Dietrich Flade verbrachte schon ein Jahr zuvor acht Tage auf der Mir. Dort überstand Reinhold Ewald 1997 nicht nur insgesamt 18 Tage, sondern auch einen Brand an Bord. Die meisten deutschen Astronauten sind Physiker, lediglich die Bundeswehr-Testpiloten Reiter und Flade sowie DDR-Volksarmee-Offizier Jähn waren Soldaten.

          Viele Deutsche wollen zu den Sternen

          Übrigens träumen 31 Prozent der Deutschen ebenfalls davon, einmal ins All zu fliegen, wie eine Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (MPG Solutions/GfK) ergab. Hauptantrieb ist die Hoffnung, auf intelligentes außerirdisches Leben zu treffen. Darauf hoffen 80 Prozent der deutschen All-Süchtigen. Den außergewöhnlichen Trip möchten die meisten nicht allein unternehmen. Als Begleitung kommen der eigene Partner (85 Prozent), Thomas Reiter (15 Prozent) sowie aus unerfindlichen Gründen Angelina Jolie (13 Prozent) oder Harald Schmidt (8 Prozent) in Frage. Ob die Letztgenannten überhaupt Interesse daran haben, in den Weltraum zu fliegen, ist nicht bekannt.

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