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Deutsche Adelshochzeiten : Plötzlich Prinzessin

Hochadelige Hochzeit: Carl Philip von Schweden und seine Sofia überstrahlten als Bräutigam und Braut in diesem Jahr alle. Bild: AP

Nicht nur in Schweden gab es 2015 eine adelige Traumhochzeit. Auch hierzulande heirateten Prinzen Frauen aus dem Volk – meist nach den dynastischen Regeln ihrer Familien.

          5 Min.

          Was war das für ein Fest, als Carl Philip Edmund Bertil, Prinz von Schweden, Herzog von Värmland, einziger Sohn von König Carl XVI. Gustaf am 13. Juni in der Schlosskirche zu Stockholm heiratete. Und was wurde nicht alles über die Braut und ihre wilde Jugend geschrieben. Dass Sofia Hellqvist, das Mädchen aus dem Volk, einem Prinzen eigentlich nicht ebenbürtig ist, war dabei Nebensache. Das hat sie schließlich nicht nur mit ihrer Schwiegermutter gemeinsam, der Heidelbergerin Silvia Renate Sommerlath, sondern auch mit fast allen angeheirateten Königinnen und Kronprinzessinnen in Europa: Letizia von Spanien und Máxima der Niederlande sind genauso bürgerlich wie Mary von Dänemark und Mette-Marit von Norwegen. Selbst die eigentlich so standesbewusste britische Königin nahm die Tochter eines Versandhändlers als Braut ihres voraussichtlichen Thronfolgers in der Familie auf. Elisabeth II. ernannte Catherine Middleton zwar nicht zu einer Prinzessin, aber zur Herzogin von Cambridge.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Was wäre das für ein Fest gewesen, wenn Ihre königliche Hoheit Catherine Elizabeth, die Herzogin von Cambridge, Gräfin von Strathearn, Baronin Carrickfergus mit ihrem Mann, Prinz William, und ihren beiden Kindern im Juli bei der Verwandtschaft in Deutschland vorbeigeschaut hätte. Und was wäre dann nicht alles über die bürgerliche Braut aus deutschen Landen geschrieben worden. Doch so heirateten Michael Max Andreas Prinz von Baden und Christina Höhne weitgehend unbemerkt auf Schloss Salem. Michaels Vater, Maximilian Andreas Markgraf von Baden, seit 1963 Chef des Hauses Baden, war als Neffe von Prinz Philip, dem Mann von Elisabeth II., im Jahr 2011 noch zur Hochzeit von William und Kate in London eingeladen worden. Im vergangenen Juli aber blieb der deutsche Hochadel beim Fest in der einstigen Reichsabtei Salem am Bodensee weitgehend unter sich.

          Wesentlich bescheidener: Michael Prinz von Baden und Christina Höhne.

          Ähnlich unbeachtet heirateten in diesem Jahr gleich mehrere Sprösslinge von einstmals in Deutschland herrschenden Familien: das künftige Oberhaupt des Hauses Sachsen-Weimar-Eisenach zum Beispiel. Georg-Constantin Prinz von Sachsen-Weimar-Eisenach vermählte sich mit der Britin Olivia Rachelle Page. Georg-Constantin wird einmal seinem Onkel Michael-Benedikt von Sachsen-Weimar-Eisenach nachfolgen und Senior der Wettiner sein. Da auch im Hause Sachsen-Weimar-Eisenach nur Männer erbberechtigt sind, wird die einzige Tochter, Leonie, übergangen. Nicht anders ist es bei den Wittelsbachern, die ebenfalls in diesem Jahr Hochzeit feierten: Maria Herzogin in Bayern heiratete im Oktober zum zweiten Mal - Andreas von Maltzahn. Die jüngste von fünf Töchtern hat keinerlei Chancen, Chefin des Hauses Wittelsbach zu werden. Nicht einmal ihre älteste Schwester Sophie, die sich 1993 immerhin mit dem Erbprinzen von Liechtenstein vermählte und einmal mit ihm den Thron besteigen dürfte, wird ihrem Vater Max Emanuel nachfolgen. Da der ältere Bruder ihres Vaters, Franz von Bayern, seit 1996 Oberhaupt des Hauses Wittelsbach, zudem keine Kinder hat, geht die Seniorität auf einen entfernten Verwandten über, auf Luitpold Prinz von Bayern, ebenfalls ein Urenkel des letzten bayerischen Königs Ludwig III.

          Der „Historische Adel“ hält an Traditionen fest

          Seit der deutsche Adel vor fast 100 Jahren alle seine sich aus Geburt oder Stand ergebenden Vorrechte - und übrigens damit auch seine Standesnachteile - verloren hat, sind aus einstigen Königen und Fürsten Bürger wie du und ich geworden. Prinz und Prinzessin sind in Deutschland keine Titel mehr, mit denen der Sohn und die Tochter einer früher regierenden Familie angesprochen werden muss, sondern nur noch Bestandteile ihres Nachnamens. Trotzdem halten gerade die alten Adelsdynastien, der „Historische Adel“, an den überkommenen Traditionen fest.

          Besonders wichtig ist ihm der Fortbestand der Familie oder, wie es bei der Vereinigung der Deutschen Adelsverbände (VdDA) heißt, „die Erhaltung der Genealogie“. Maßgeblich ist seit dem sechsten Jahrhundert, als das Salische Recht (Lex Salica) eingeführt wurde, der Vater. Er gibt den Namen und auch den Besitz der Familie an den ältesten Sohn weiter, die Frau spielt adelsrechtlich beim Erben eine untergeordnete Rolle. Das vermeintlich Märchenhafte, wenn aus der Bauerstochter durch Heirat eine Prinzessin wird, ist durchaus Realität, umgekehrt aber ist es in Adelskreisen bis heute nicht möglich. Streitigkeiten um die Nachfolge landen beim Deutschen Adelsrechtsausschuss in Marburg, dessen Entscheidungen aber höchstens gesellschaftlich relevant sind. Vor Gericht sind sie anfechtbar. Auch die Bezeichnung „Chef des Hauses“ hat in Deutschland letztlich nur familienintern eine Bedeutung, öffentlich-rechtlich aber nicht.

          Blickt man auf die europäischen Königshäuser, so haben viele der alten Geschlechter erst seit den siebziger Jahren die stets männliche Thronfolge ganz abgeschafft oder Töchter den Söhnen völlig gleichgestellt - zuletzt in Schweden, Norwegen, Belgien, Dänemark und vor zwei Jahren in Großbritannien. Der „Historische Adel“ in Deutschland scheint da weniger fortschrittlich: Im Hause Baden zum Beispiel hat der 82 Jahre alte Markgraf das Sagen. Die Hausgesetze seiner Familie machen seinen ältesten Sohn Bernhard zum Erbprinzen von Baden und nicht dessen ein Jahr ältere Schwester Marie Louise. Zugleich hat es der Markgraf von Baden aber zugelassen, dass nicht nur sein jüngster Sohn Michael in diesem Jahr, sondern auch sein „Thronfolger“ Bernhard, der Erbprinz von Baden, schon 2001 eine Bürgerliche heiratete: Stephanie Kaul wurde damals zur Prinzessin und Erbprinzessin. „Nach dem Tod ihres Schwiegervaters führt sie nach Adelsrecht den Titel einer Markgräfin von Baden“, erläutert Albrecht Prinz von Croÿ, Chefredakteur des „Deutschen Adelsblatts“ und Vorstandsmitglied der Stiftung Deutsches Adelsarchiv. Stephanie könne dann auch eine Namensänderung beim Standesamt beantragen. Falls die Beamten zustimmten, stünde dann als Familienname „Markgräfin von Baden“ in ihrem Pass. „Namensrechtlich“, sagt Prinz von Croÿ, „könnte eine Prinzessin von Baden auch einen Bürgerlichen heiraten und er den Familiennamen ,Prinz von Baden‘ führen.“ Adelsrechtlich aber stiege er nicht zum Prinzen auf.

          Standesgemäße Hochzeit auch in Deutschland wünschenswert

          Auch der deutsche Adel, den ein besonderes Familienzusammengehörigkeitsgefühl verbindet, wie Prinz von Croÿ meint, schließt also die Ehe mit Bürgerlichen nicht aus. Eine standesgemäße Hochzeit aber scheint vielen der alten Familien noch immer wünschenswert. Darum widmen sich die Adelsverbände „ganz speziell auch der Kinder- und Jugendarbeit“. Früh schon werden die Sprösslinge mit „von“ und „zu“ im Familiennamen zusammengebracht. Zu den regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen zählen Stammtische, Tanzstunden und Bälle sowie zum Beispiel Fahrradtouren („Adel auf dem Radel“).

          „Echte“ Adelshochzeit: Graf Philippe von Limburg-Stirum und Caroline Gräfin von Neipperg.

          So gab es auch in diesem Jahr wieder einige „echte“ Adelshochzeiten: Der belgische Graf Philippe von Limburg-Stirum heiratete im Mai Caroline Gräfin von Neipperg, die aus einem alten Reichsgrafengeschlecht im nördlichen Schwaben stammt. Und der ebenfalls hochadelige Friedrich-Leopold Prinz zu Ysenburg und Büdingen vermählte sich im Juni mit Marie-Hélene de Garnerin de la Thuille de Montgelas. Die Grafen von Montgelas sind ein ursprünglich aus Savoyen stammendes bayerisches Adelsgeschlecht.

          Um „die Erhaltung der Genealogie“ der hochadeligen Familien machen sich der VdDA-Beauftragte für Familien und Familienverbände, Dirk von Hahn, und Prinz von Croÿ wenig Sorgen. Trotzdem beschäftigt sich derzeit ein Arbeitskreis der Adelsverbände mit der Frage: „Wer sind wir?“ „Dazu habe ich ein Merkblatt mit Leitsätzen erstellt, über das im nächsten Jahr diskutiert werden soll“, so von Hahn. Er ist der Ansicht, dass es beim „Niederen Adel“, also Grafen und Freiherrn, unausbleiblich ist, dass er sich mehr und mehr mit „bürgerlichen“ Familien mischt. Schlimm aber sei das nicht: „Wir leben eben in einer anderen und offeneren Gesellschaft und Welt.“

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