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Deutsche Adelshochzeiten : Plötzlich Prinzessin

Besonders wichtig ist ihm der Fortbestand der Familie oder, wie es bei der Vereinigung der Deutschen Adelsverbände (VdDA) heißt, „die Erhaltung der Genealogie“. Maßgeblich ist seit dem sechsten Jahrhundert, als das Salische Recht (Lex Salica) eingeführt wurde, der Vater. Er gibt den Namen und auch den Besitz der Familie an den ältesten Sohn weiter, die Frau spielt adelsrechtlich beim Erben eine untergeordnete Rolle. Das vermeintlich Märchenhafte, wenn aus der Bauerstochter durch Heirat eine Prinzessin wird, ist durchaus Realität, umgekehrt aber ist es in Adelskreisen bis heute nicht möglich. Streitigkeiten um die Nachfolge landen beim Deutschen Adelsrechtsausschuss in Marburg, dessen Entscheidungen aber höchstens gesellschaftlich relevant sind. Vor Gericht sind sie anfechtbar. Auch die Bezeichnung „Chef des Hauses“ hat in Deutschland letztlich nur familienintern eine Bedeutung, öffentlich-rechtlich aber nicht.

Blickt man auf die europäischen Königshäuser, so haben viele der alten Geschlechter erst seit den siebziger Jahren die stets männliche Thronfolge ganz abgeschafft oder Töchter den Söhnen völlig gleichgestellt - zuletzt in Schweden, Norwegen, Belgien, Dänemark und vor zwei Jahren in Großbritannien. Der „Historische Adel“ in Deutschland scheint da weniger fortschrittlich: Im Hause Baden zum Beispiel hat der 82 Jahre alte Markgraf das Sagen. Die Hausgesetze seiner Familie machen seinen ältesten Sohn Bernhard zum Erbprinzen von Baden und nicht dessen ein Jahr ältere Schwester Marie Louise. Zugleich hat es der Markgraf von Baden aber zugelassen, dass nicht nur sein jüngster Sohn Michael in diesem Jahr, sondern auch sein „Thronfolger“ Bernhard, der Erbprinz von Baden, schon 2001 eine Bürgerliche heiratete: Stephanie Kaul wurde damals zur Prinzessin und Erbprinzessin. „Nach dem Tod ihres Schwiegervaters führt sie nach Adelsrecht den Titel einer Markgräfin von Baden“, erläutert Albrecht Prinz von Croÿ, Chefredakteur des „Deutschen Adelsblatts“ und Vorstandsmitglied der Stiftung Deutsches Adelsarchiv. Stephanie könne dann auch eine Namensänderung beim Standesamt beantragen. Falls die Beamten zustimmten, stünde dann als Familienname „Markgräfin von Baden“ in ihrem Pass. „Namensrechtlich“, sagt Prinz von Croÿ, „könnte eine Prinzessin von Baden auch einen Bürgerlichen heiraten und er den Familiennamen ,Prinz von Baden‘ führen.“ Adelsrechtlich aber stiege er nicht zum Prinzen auf.

Standesgemäße Hochzeit auch in Deutschland wünschenswert

Auch der deutsche Adel, den ein besonderes Familienzusammengehörigkeitsgefühl verbindet, wie Prinz von Croÿ meint, schließt also die Ehe mit Bürgerlichen nicht aus. Eine standesgemäße Hochzeit aber scheint vielen der alten Familien noch immer wünschenswert. Darum widmen sich die Adelsverbände „ganz speziell auch der Kinder- und Jugendarbeit“. Früh schon werden die Sprösslinge mit „von“ und „zu“ im Familiennamen zusammengebracht. Zu den regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen zählen Stammtische, Tanzstunden und Bälle sowie zum Beispiel Fahrradtouren („Adel auf dem Radel“).

„Echte“ Adelshochzeit: Graf Philippe von Limburg-Stirum und Caroline Gräfin von Neipperg.

So gab es auch in diesem Jahr wieder einige „echte“ Adelshochzeiten: Der belgische Graf Philippe von Limburg-Stirum heiratete im Mai Caroline Gräfin von Neipperg, die aus einem alten Reichsgrafengeschlecht im nördlichen Schwaben stammt. Und der ebenfalls hochadelige Friedrich-Leopold Prinz zu Ysenburg und Büdingen vermählte sich im Juni mit Marie-Hélene de Garnerin de la Thuille de Montgelas. Die Grafen von Montgelas sind ein ursprünglich aus Savoyen stammendes bayerisches Adelsgeschlecht.

Um „die Erhaltung der Genealogie“ der hochadeligen Familien machen sich der VdDA-Beauftragte für Familien und Familienverbände, Dirk von Hahn, und Prinz von Croÿ wenig Sorgen. Trotzdem beschäftigt sich derzeit ein Arbeitskreis der Adelsverbände mit der Frage: „Wer sind wir?“ „Dazu habe ich ein Merkblatt mit Leitsätzen erstellt, über das im nächsten Jahr diskutiert werden soll“, so von Hahn. Er ist der Ansicht, dass es beim „Niederen Adel“, also Grafen und Freiherrn, unausbleiblich ist, dass er sich mehr und mehr mit „bürgerlichen“ Familien mischt. Schlimm aber sei das nicht: „Wir leben eben in einer anderen und offeneren Gesellschaft und Welt.“

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