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Designlegende Otto Zapf : Weltverbesserer aus Eschborn

Vor 40 Jahren warb Otto Zapf für seinen „Office Chair“ (Knoll International) mit dem Hut von Bobby Cadwallader. Heute trägt er ihn zum Spaß in seiner Wohnung in Königstein Bild: Röth, Frank

Otto Zapf hat Designgeschichte geschrieben. Seine Anfänge mit Dieter Rams sind legendär. Bis heute widmet er sich dem bequemen Sitzen.

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          Es gab eine Zeit, da hatte Deutschland mindestens drei Designzentren: In Stuttgart wirkte Herbert Hirche, Schüler von Ludwig Mies van der Rohe und Egon Eiermann. In Ulm hatte sich der gebürtige Niederländer Hans Gugelot niedergelassen, der dort unter anderen mit Max Bill an der Hochschule für Gestaltung unterrichtete. Und in Eschborn entwarfen Dieter Rams und Otto Zapf gemeinsam Möbel, mit denen es sich eine ganze Nachkriegsgeneration im Wirtschaftswunderland so richtig gemütlich machen konnte.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das Dörfchen Eschborn am Rande Frankfurts war nach dem Krieg zur neuen Heimat der Familie Zapf geworden. Vater, Großvater und Urgroßvater von Otto Zapf waren Tischler in Roßbach (heute Hranice) im Sudetenland gewesen, ein Beruf, der dem Sohn, Enkel und Urenkel so gar nicht behagte. Und doch begann die Karriere des Designers Otto Zapf schließlich genau dort, wo ihn sein Familie haben wollte – in der väterlichen Tischlerei.

          Zapf ruht sich keineswegs aus

          Otto Zapf, Jahrgang 1931, lebt heute mit seiner Frau Rosalie („seit 59 Jahren verheiratet, seit 60 Jahren verlobt“) in Königstein im Taunus. Während Dieter Rams, im knapp fünf Kilometer entfernten Kronberg zu Hause, noch immer einer der bekanntesten Gestalter der Bundesrepublik Deutschland ist, kennen Zapf nur wenige Designinteressierte. Doch der einst so überaus erfolgreiche Mann wird derzeit wieder entdeckt. Einige seiner wichtigsten Arbeiten wurden gerade erst in die Neue Sammlung der Pinakothek der Moderne in München und in das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt aufgenommen.

          Der bald 83 Jahre alte Zapf befindet sich auch nicht im Ruhestand. „Ich habe alleine zehn Stühle fertig entwickelt, die nur darauf warten, in Produktion zu gehen“, erzählt Zapf. Seit 30Jahren schon tüftelt er an dem perfekten Sitz, mit dem er die Volkskrankheit Rückenschmerz bekämpfen kann. Sein Grundgedanke dabei: Der Stuhl, genauer, die Rückenlehne, folgt dem Sitzenden, der Rücken soll ständig unterstützt sein, er soll sich in jeder Position anlehnen können. Zapf nennt es das „Follow-Me“-Prinzip. Und damit seine Idee überall einsetzbar ist, hat er einen Prototypen zum Nachrüsten fix und fertig zu Hause liegen: „sitvit“. Die geschwungene Lehne, die Wirbelsäule und Bandscheibe folgt, kann einfach zwischen Mensch und herkömmlichen Stuhl oder Sessel geschoben werden.

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          Zapf, der schon früh beim Vater in der Tischlerei mitarbeiten musste, hasste den Staub und Dreck in der Werkstatt, was sich nicht nur auf seinen Berufswunsch, sondern auch auf seine späteren Entwürfe auswirken sollte. Nach seinem Abitur 1949 in Kronberg, begann er, in Frankfurt Mathematik und Physik zu studieren. Dem väterlichen Betrieb aber entkam er dadurch nicht. Allerdings lernte er an der Universität, dass auch der Prozess des Möbelmachens durchaus naturwissenschaftlich gesehen werden kann: Man organisiert die Welt, indem man sie bewusst gestaltet. Als der Vater, der längst nicht mehr nur Möbel herstellte, sondern auch gängige Ware vertrieb („den damals üblichen Gelsenkirchener Barock“), erkrankte, musste Otto Zapf das Unternehmen weiterführen. Mit dem Architekten Rolf Schmidt, den er beim Tennisspielen in Kronberg kennengelernt hatte, entwickelte er erste Entwürfe, die nach ihrem Geschmack waren. Ein Schlafzimmer zum Beispiel, Lerche furniert, das verschiebbare Nachtschränkchen hatte und am Sockel des Kleiderschranks eine Schublade für Schuhe. „Das war“, sagt Zapf, „ganz anders als alles, was es damals gab.“

          Und so packte sich der junge Mann eines der Nachtschränkchen unter den Arm und fuhr zur Max Braun oHG. „Dem Pförtner gefiel’s, und er sagte zu mir: ,Geh’n Sie mal über den Hof, da hat vor einem halben Jahr einer als Leiter der Gestaltung angefangen.‘“ So traf Zapf 1955 auf Dieter Rams. Zwei Jahre später zog Rams nach Eschborn und arbeitete fortan auch für die von ihnen gegründete RZ-Möbelvertriebs GmbH. Für sie entwickelte der Innenarchitekt Rams das Konzept, Möbel zu gestalten, die sich anpassen und beliebig erweitert werden können, die man selbst montieren und leicht transportieren kann.

          Rams und Zapf gingen beruflich schon früh getrennte Wege

          Später stieß noch der Däne Niels Wiese Vitsœ zu den beiden, der dänische Möbel in Deutschland vertreiben wollte. Vitsœ, der sich fortan um den Verkauf kümmerte, überzeugte Zapf auch, auf die Urheberschaft eines seiner Entwürfe zu verzichten. Darüber ärgert sich Zapf heute. Denn das berühmte Regal „606“, das Rams zugeschrieben und von der Firma Vitsœ produziert wird, stamme eigentlich von ihm, sagt Zapf. Damals, im Jahr 1960, hatte er sich noch keine Meriten als Designer erworben. „In der Tischlerei meines Vaters habe ich aus einer E-Schiene und Aluminiumplatten ein Wandregal gebaut. Das habe ich dann Dieter gezeigt, und der meinte dazu: ,Kann man so machen.‘“ Als im Juli 2013 das Regal „606“ als Teil der „Braun Collection“ dem Frankfurter Museum für Angewandte Kunst übergeben wurde, und Zapf als Ideengeber und Entwickler nicht einmal eine Erwähnung fand, erhob der Designer erstmals Einspruch. Er sei enttäuscht, dass Dieter Rams darauf nicht reagiere.

          Die einstigen Freunde gingen beruflich schon spätestens seit 1966 getrennte Wege. Erst in den späten Sechzigern begann die große Zeit von Zapf-Design: 1967 bringt er seine Fiberglasmöbel mit Aluminiumbeinen auf den Markt, 1968 folgt die sogenannte „Leuchtsäule“, ein Jahr später „Softline“. Der Entwurf von 1969 war auch eine Antwort auf die staubige Werkstattzeit des jungen Otto Zapf: Regale und Schränke mit abnehmbaren Oberflächen, die einfach mit Druckknöpfen befestigt wurden. Schon seine Polstermöbel mit Namen wie „Comodus“, „Sofalettes“ und „Calix“ waren dank Reißverschlüssen wandelbar – und je nach Stoff auch ganz leicht maschinenwaschbar.

          „Alle meine Entwürfe bot ich zuerst Knoll International an“

          Das Möbelsystem „Softline“ öffnete Otto Zapf den internationalen Markt. „Eines Tages stand plötzlich ein Fremder vor meiner Tür und sagte: ,Ich kaufe Ihre Firma!‘“ Der Fremde hieß Bobby Cadwallader und führte das amerikanische Unternehmen Knoll International. Cadwallader kaufte Zapf dann zwar doch nicht auf, der Mann aus Eschborn entwarf allerdings schon bald ganze Bürosysteme für den amerikanischen Hersteller, der damit die Konzernzentralen von IBM, General Motors und dem Fernsehsender CBS einrichtete. Otto Zapf war in aller Munde, seine Entwürfe waren Sensationen. Der nach ihm benannte „Office Chair“ zum Beispiel wurde 1974 im Foyer des soeben eröffneten World Trade Center in New York vorgestellt.

          Zeitweise wohnten die Zapfs mit Tochter Carolina und Sohn Florian halbjährig in Amerika, in ihrem selbst entworfenen Atelier- und Wohnhaus in Orient auf Long Island. „Alle meine Entwürfe bot ich zuerst Knoll International an“, erzählt Zapf. Erst wenn die Amerikaner kein Interesse hatten, wandte er sich mit Erfolg auch an europäische Firmen: Cor, B&B Italia, Vitra. Noch in den Siebzigern stellte Otto Zapf die eigene Möbelproduktion in Obbornhofen im Kreis Gießen ein, um sich ganz aufs Gestalten zu konzentrieren. Die Produktion der Zapf-Kollektion übernahm Helmut Lübke mit seinem Unternehmen Cor in Rheda-Wiedenbrück .

          Nach und nach und unter neuen Besitzern endete die Zusammenarbeit mit Knoll International. Und Otto Zapf konnte sich verstärkt dem perfekten Sitzkomfort widmen. Vor 20Jahren präsentierte er seinen Stuhl „Contur“, in dessen Rückenlehne eine „Zunge“ dafür sorgt, dass der Körper des Sitzenden immer Kontakt mit der Lehne hält. „Wie man sich auch hinsetzt, man hat nie das Gefühl, im Kreuz abzubrechen, weil dort die Unterstützung fehlt, sondern man hat immer etwas im Rücken“, sagt Zapf. „Solche Stühle hatte es bisher nicht gegeben. Er ist stolz auf sein Werk, und es missfällt ihm, dass seine Arbeit so lange nicht gewürdigt wurde. Doch das könnte sich bald schon wieder ändern: Während der Weihnachtsferien bei der Tochter in Orient kam es von Seiten Knoll Internationals zu einer ersten Annäherung. Der neue Design-Direktor des Hauses, Benjamin Pardo, hat Zapfs Bedeutung offenbar erkannt. Er wollte den Deutschen unbedingt kennenlernen.

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