https://www.faz.net/-gum-7ldz3

Designlegende Otto Zapf : Weltverbesserer aus Eschborn

Rams und Zapf gingen beruflich schon früh getrennte Wege

Später stieß noch der Däne Niels Wiese Vitsœ zu den beiden, der dänische Möbel in Deutschland vertreiben wollte. Vitsœ, der sich fortan um den Verkauf kümmerte, überzeugte Zapf auch, auf die Urheberschaft eines seiner Entwürfe zu verzichten. Darüber ärgert sich Zapf heute. Denn das berühmte Regal „606“, das Rams zugeschrieben und von der Firma Vitsœ produziert wird, stamme eigentlich von ihm, sagt Zapf. Damals, im Jahr 1960, hatte er sich noch keine Meriten als Designer erworben. „In der Tischlerei meines Vaters habe ich aus einer E-Schiene und Aluminiumplatten ein Wandregal gebaut. Das habe ich dann Dieter gezeigt, und der meinte dazu: ,Kann man so machen.‘“ Als im Juli 2013 das Regal „606“ als Teil der „Braun Collection“ dem Frankfurter Museum für Angewandte Kunst übergeben wurde, und Zapf als Ideengeber und Entwickler nicht einmal eine Erwähnung fand, erhob der Designer erstmals Einspruch. Er sei enttäuscht, dass Dieter Rams darauf nicht reagiere.

Die einstigen Freunde gingen beruflich schon spätestens seit 1966 getrennte Wege. Erst in den späten Sechzigern begann die große Zeit von Zapf-Design: 1967 bringt er seine Fiberglasmöbel mit Aluminiumbeinen auf den Markt, 1968 folgt die sogenannte „Leuchtsäule“, ein Jahr später „Softline“. Der Entwurf von 1969 war auch eine Antwort auf die staubige Werkstattzeit des jungen Otto Zapf: Regale und Schränke mit abnehmbaren Oberflächen, die einfach mit Druckknöpfen befestigt wurden. Schon seine Polstermöbel mit Namen wie „Comodus“, „Sofalettes“ und „Calix“ waren dank Reißverschlüssen wandelbar – und je nach Stoff auch ganz leicht maschinenwaschbar.

„Alle meine Entwürfe bot ich zuerst Knoll International an“

Das Möbelsystem „Softline“ öffnete Otto Zapf den internationalen Markt. „Eines Tages stand plötzlich ein Fremder vor meiner Tür und sagte: ,Ich kaufe Ihre Firma!‘“ Der Fremde hieß Bobby Cadwallader und führte das amerikanische Unternehmen Knoll International. Cadwallader kaufte Zapf dann zwar doch nicht auf, der Mann aus Eschborn entwarf allerdings schon bald ganze Bürosysteme für den amerikanischen Hersteller, der damit die Konzernzentralen von IBM, General Motors und dem Fernsehsender CBS einrichtete. Otto Zapf war in aller Munde, seine Entwürfe waren Sensationen. Der nach ihm benannte „Office Chair“ zum Beispiel wurde 1974 im Foyer des soeben eröffneten World Trade Center in New York vorgestellt.

Zeitweise wohnten die Zapfs mit Tochter Carolina und Sohn Florian halbjährig in Amerika, in ihrem selbst entworfenen Atelier- und Wohnhaus in Orient auf Long Island. „Alle meine Entwürfe bot ich zuerst Knoll International an“, erzählt Zapf. Erst wenn die Amerikaner kein Interesse hatten, wandte er sich mit Erfolg auch an europäische Firmen: Cor, B&B Italia, Vitra. Noch in den Siebzigern stellte Otto Zapf die eigene Möbelproduktion in Obbornhofen im Kreis Gießen ein, um sich ganz aufs Gestalten zu konzentrieren. Die Produktion der Zapf-Kollektion übernahm Helmut Lübke mit seinem Unternehmen Cor in Rheda-Wiedenbrück .

Nach und nach und unter neuen Besitzern endete die Zusammenarbeit mit Knoll International. Und Otto Zapf konnte sich verstärkt dem perfekten Sitzkomfort widmen. Vor 20Jahren präsentierte er seinen Stuhl „Contur“, in dessen Rückenlehne eine „Zunge“ dafür sorgt, dass der Körper des Sitzenden immer Kontakt mit der Lehne hält. „Wie man sich auch hinsetzt, man hat nie das Gefühl, im Kreuz abzubrechen, weil dort die Unterstützung fehlt, sondern man hat immer etwas im Rücken“, sagt Zapf. „Solche Stühle hatte es bisher nicht gegeben. Er ist stolz auf sein Werk, und es missfällt ihm, dass seine Arbeit so lange nicht gewürdigt wurde. Doch das könnte sich bald schon wieder ändern: Während der Weihnachtsferien bei der Tochter in Orient kam es von Seiten Knoll Internationals zu einer ersten Annäherung. Der neue Design-Direktor des Hauses, Benjamin Pardo, hat Zapfs Bedeutung offenbar erkannt. Er wollte den Deutschen unbedingt kennenlernen.

Weitere Themen

Bitte ein Bizz!

Bizzarrini : Bitte ein Bizz!

Vor 50 Jahren ging Bizzarrini unter. Wir lassen die italienische Automarke mit einer Fahrt im GT 5300 Strada wiederauferstehen.

Prellungen, Zerrungen, Brüche

FAZ.NET-Hauptwache : Prellungen, Zerrungen, Brüche

Herrscht in Frankfurt bald die pure Roller-Anarchie? Warum Schauspielerin Uschi Glas sich nie verbiegen musste und wie der Hessische Rundfunk den digitalen Wandel plant. Was sonst noch wichtig ist in Rhein-Main, lesen Sie in der FAZ.NET-Hauptwache.

Topmeldungen

Manchmal unangenehm, aber wichtig: Aufklärungsunterricht für Kinder.

FAZ Plus Artikel: Aufklärung für Kinder : „Mein Körper gehört mir“

Kinder stark machen, ihren Missbrauch verhindern: Die Pro-Familia-Sexualberater Maria Etzler und Florian Schmidt geben Tipps, wie Erwachsene Aufklärungsgespräche führen und welche Regeln für Kinder bei Doktorspielen gelten sollten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.