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Der Wert des Sonntags : „Wir verlernen, einfach nichts zu tun“

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Entspannung für alle: Der Sonntag ist ein toller Tag, um sich im Müßiggang zu üben. Bild: Ian Murray

Computer aus! Handy weg! Der Arbeitspsychologe Tim Hagemann rät dazu, den Sonntag gut zu nutzen, um der längst vergessenen Kunst des Müßiggangs zu frönen.

          Herr Hagemann, in der vergangenen Woche hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig der Ausdehnung der Sonntagsarbeit einen Riegel vorgeschoben. Ist das aus arbeitspsychologischer Sicht richtig?

          Absolut. Regelmäßige Auszeiten sind für die Arbeitsfähigkeit und das körperliche Wohlbefinden sehr wichtig.

          Das leuchtet ein, aber man könnte sich doch auch dienstags oder mittwochs freinehmen. Warum wird so viel Wert auf den Sonntag gelegt?

          Für einen guten Erholungseffekt sind auch das soziale Umfeld und die soziale Einbettung wichtig. Der Sonntag ist bei uns einfach langsamer getaktet. Das merkt man am Straßenverkehr, an der Stimmung der Menschen, an der fehlenden Hektik auf öffentlichen Plätzen. Die Gesellschaft kommt insgesamt zur Ruhe. Dieses Umfeld wirkt sich deutlich positiv auf das Befinden jedes Einzelnen und seine Möglichkeiten, sich zu entspannen, aus.

          Der Sonntag ist ja so besonders, weil viele Menschen Zeit haben.

          Genau. Wir sind soziale Wesen. Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen, ist ein wichtiger Faktor für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Deshalb ist das Fokussieren auf einen gesellschaftlichen Ruhetag, an dem möglichst viele Menschen Freizeit haben, aus psychologischer Sicht sehr sinnvoll.

          Ursprünglich kommt der Sonntag als Ruhetag aus der christlichen Tradition, nicht aus der Arbeitswelt. Es war der Tag, an dem man in die Kirche ging...

          Das ist heute für viele in den Hintergrund gerückt, aber trotzdem bietet der Sonntag auch heute noch Platz für Rituale: Das Mittagessen mit der Familie. Das Kaffeetrinken mit Freunden. Auch die Zeit, Rituale zu pflegen, tut unserer Gesundheit und unserem Wohlbefinden gut.

          Menschen, die im Schichtdienst arbeiten, kommen nicht oder seltener in den Genuss dieser Vorteile. Welche Auswirkungen hat das für diese Gruppe?

          Neben den physiologischen Folgen der Nachtschichten wie Schlafstörungen oder Bluthochdruck klagen Menschen, die lange im Schichtdienst arbeiten, auch über die sozialen Folgen. Regelmäßige Termine wahrzunehmen, ist schwierig. Gesellschaftliche Ereignisse finden zu Zeiten statt, zu denen sie arbeiten müssen. Diese Personen müssen sich bewusst Strategien erarbeiten, die ihnen einen Ausgleich schaffen. Zum Beispiel auch an einem Dienstagvormittag ausschlafen, lange frühstücken, sich Ruhe gönnen. Aus arbeitspsychologischer Sicht ist es vor allem wichtig, dass Belastungsblöcke wie Schichtarbeit nicht zu lang sind und regelmäßig Ruhephasen geschaffen werden, nicht nur am Wochenende, auch nach Feierabend in der Woche.

          Eigentlich wollen wir uns vom Staat ja wenig vorschreiben lassen, doch ohne gesetzlichen Rahmen wäre der Sonntag in unserem hektischen Alltag wahrscheinlich schon lange kein Ruhetag mehr.

          Das ist zumindest zu vermuten. Würden sich solche festen Strukturen wie der Sonntag auflösen, hätte keiner mehr ein Auge auf einen solchen Ruhetag, dann würden sicherlich die Klagen über Zeitmangel und Stress noch weiter steigen, ebenso die Fälle von Burnout und Depression.

          Schaut man sich aber an, wie viele Menschen am Montag gestresst aus dem Wochenende kommen, gewinnt man den Eindruck, dass viele dieses Angebot des Ruhetages gar nicht mehr richtig nutzen.

          Diese Beobachtung mache ich auch, und sie hat aus meiner Sicht verschiedene Gründe: Beispielsweise nehmen sich viele Menschen einen Zweitjob, und zwar auch solche, die es finanziell eigentlich nicht nötig hätten, sich aber dadurch mehr leisten können. Das kann man aus arbeitspsychologischer Sicht nicht gutheißen. Da steht der materielle Vorteil oft nicht im richtigen Verhältnis zu der fehlenden Zeit für die Erholung. Ein anderes Problem ist, dass wir immer mehr verlernen, einfach nichts zu tun – und zwar wirklich nichts zu tun. Nicht mit dem Handy spielen, nicht lesen. Einfach auf dem Sofa liegen und die Gedanken schweifen lassen.

          Das kann aber schnell als langweilig empfunden werden.

          So darf man das nicht werten. Wenn man mit einem guten Gefühl Zeit mit Nichtstun verbringt, dann ist das eine aktive Art, sich zu erholen. Das tut Körper und Geist sehr gut.

          Also lautet die Devise für diesen Sonntag: einfach mal mehrere Stunden nichts tun.

          Handy ausmachen, Computer herunterfahren, auf das Sofa legen, müßig sein und das alles mit einem guten Gewissen. Das Gewissen ist entscheidend, sonst findet man keine Entspannung.

          Und was passiert dann in unserem Körper in diesen Stunden?

          Die Ausschüttung der Stresshormone, die uns aufmerksam und leistungsfähig machen, wird heruntergefahren. Das Herz-Kreislauf-System kommt zur Ruhe.

          Für viele ist der Sonntagabend der schlimmste Abend der Woche. Alle Arbeit liegt noch vor einem. Was kann man psychologisch gegen dieses negative Gefühl am Sonntagabend machen?

          Rituale können helfen, einen Sonntag schön und entspannt ausklingen zu lassen. Beispielsweise mit Freunden kochen, Tatort gucken, sich zum Sport treffen oder in die Sauna gehen. Also etwas regelmäßig tun, was man gerne macht und worauf man sich schon im Vorfeld freut.

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