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Cannstatter Wasen : Nur die Nummer Zwei

Das Cannstatter Volksfest geht auf eine Initiative des württembergischen Königs Wilhelm I. zurück. Bild: dpa

In Stuttgart hat der Wasen begonnen. Trotz einer gewissen Münchnerisierung wird das Volksfest eine andere Veranstaltung als die parallel stattfindende Wiesn bleiben.

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          Über Jahrzehnte waren die Stuttgarter dauerbeleidigt, weil sie im ewigen Hochleistungswettbewerb mit den Bayern nur das zweitgrößte Volksfest der Welt auf die Beine stellten. Deshalb interpretierten sie die Besucherzahlen in manchen Jahren großzügig, warben mit schwäbischer Toilettensauberkeit oder dem Slogan, wenigstens das „größte Schaustellerfest“ der Welt zu bieten. Die Wiesn und der Wasen, das werden wohl – trotz einer gewissen Münchnerisierung in Stuttgart – unterschiedliche Veranstaltungen bleiben. In München sind es normalerweise mehr als sechs Millionen Besucher, in Stuttgart nur vier Millionen. Und: Der Wasen ist nicht nur ein Bier-, sondern auch ein Weinfest.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Geht das Oktoberfest auf die öffentlichen Feste zur Hochzeit des bayerischen Kronprinzen Ludwig mit Prinzessin Therese zurück, liegen die Ursprünge des Cannstatter Volksfests in einer Initiative des württembergischen Königs Wilhelm I. Dieser stiftete das „landwirtschaftliche Fest“ 1818 als Erntedankfest nach mehreren Hungersnöten im damals noch bitterarmen Württemberg. Ein Vulkanausbruch in Indonesien hatte sonnenarme Sommer und große Ernteausfälle verursacht. Wilhelm I., ein großer Förderer von Handwerk, Industrie und Bildung, wollte die Bauern mit dem Fest motivieren und gründete zudem eine Unterrichtsanstalt für die Landwirtschaft.

          Für viele Schausteller die Hälfte des Jahresumsatzes

          An diesem Sonntagnachmittag nun zog der Festumzug, organisiert vom Volksfestverein, von Cannstatt zum Wasen-Gelände im Neckarpark unweit des Daimler-Stadions. 3000 Teilnehmer und 150.000 Stuttgarter feierten auf den Straßen, angeführt wurde der Umzug von den Konstanzer Fahnenschwenkern, weil Cannstatt vor der Reformation zum Konstanzer Bistum gehört hatte. Traditionell marschieren bei dem Umzug Trachtengruppen und Kapellen aus allen Teilen Baden-Württembergs mit, aber auch Winzer mit ihren Weinbergrätschen, deren Lärm früher die Vögel von den Trauben fernhielt. Ochsen, Ziegen und Schweine gehören ebenfalls zu dem Landwirtschaftsfest. Mit im Zug befand sich Rolf Kübler, Wasendoktor und -faktotum: „Der Wasendoktor“, sagte Kübler am Sonntag, „macht Leute gesund. Mit sechs Bier hat man ja den Vitamin-B-Bedarf gedeckt. Übrigens weiß Greta Thunberg noch nicht, dass Bier häufig mit CO2 gezapft wird, deshalb sollten wir uns mit dem Feiern beeilen“.

          Schon am Freitag hatte der Stuttgarter Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) mit Innenminister Thomas Strobl (CDU), der Ministerpräsident Winfried Kretschmann vertrat, das 174. Volksfest mit dem traditionellen Bieranstich im Hofbräu-Zelt eröffnet. Kuhn brauchte in diesem Jahr viereinhalb Schläge. „Das freut die Leut, wenn der OB nass wird, ich mach immer vier, das ist Kontinuität“, sagte Kuhn. 11,20 Euro kostet ein Bier, 30 Cent mehr als im Vorjahr. Ein halbes Göckele etwa genauso viel. Für viele Schausteller bringt das Volksfest die Hälfte des Jahresumsatzes ein.

          Trachten waren auf dem Cannstatter Volksfest früher nicht üblich, heute sind Dirndl und Lederhosen aus chinesischer Produktion die Standardkleidung der Besucher. Das haben sich die Schwaben von den Bayern abgeschaut. Verantwortlich ist der wohl prominenteste Wasenwirt, Hans-Peter Grandl, der in Trachten gewandete Gäste vorzugsweise in sein überfülltes Zelt ließ.

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