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„Der Tanz um die Lust“ : Sex als Gebet

„Ich züchtete ein entzückendes Trauma”: Ariadne von Schirach Bild: Özgür Albayrak

Sie ist jung, blond und die Enkelin eines Großnazis: Ariadne von Schirach. Sie glaubt, unsere Gesellschaft wird dominiert von Pornographie. Jetzt hat sie der Beziehungsverwirrnis ein Buch gewidmet. Darin schreibt sie vor allem über eines: Sex.

          Sie ist jung, blond und die Enkelin eines Großnazis, und sie vermutet, dass es auch mit diesem Vermarktungspotential zu tun hat, dass sie für ihr erstes Buch einen beachtlichen Vorschuss erhalten hat. Aber vor allem schreibt sie über Sex, und das so drastisch, offen und intelligent, dass man sich beim Lesen fühlt, als stehe man nackt vorm Spiegel.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Es ist fast unmöglich, einen Porno anzusehen und davon nicht erregt zu werden“, heißt es da zum Beispiel. Oder: „Meine Brüste sind klein. Als ich ein Teenager war, führte ich alle sexuellen Zurückweisungen auf meinen Mangel an Oberweite zurück. Ich züchtete ein entzückendes Trauma, und es fällt mir schwer, mich daran zu erinnern, wann ich es ablegte. Ich weiß nur, dass ich irgendwann damit anfing, mich oben ohne zu sonnen, dass Männer, meine Brüste in ihren Händen wiegend, ihre Schönheit und Eigentümlichkeit priesen, dass Zungen meine Nippel freisprachen von allem Verdacht.“ Etwas später steht da: „Durch die Erotik können wir Teil an etwas nehmen, das Bataille als Kontinuität des Seins beschreibt, etwas, das nicht religiös, aber göttlich ist. Ficken als Gebet.“

          Sie formuliert schnell und analytisch präzise

          Ariadne von Schirach sitzt in einer Eckkneipe in Berlin-Mitte und bestellt sich einen Kaffee. Sie sieht jünger aus, als sie mit ihren 28 Jahren ist, ihren Großvater, den Kriegsverbrecher, hat sie nie kennengelernt. Die blondierten Haare sind brav zurückgebunden, weiße Bluse, weiße Weste, Turnschuhe, ein dezentes, aber genaues Make-up.

          „Ich bin nicht so die klassische Jägerin”

          Sie ist auf unscheinbare Weise hübsch. Nur ihre Art zu reden fällt so auf wie die tomatenroten Fingernägel. Sie formuliert schnell, originell und analytisch präzise, man hört, dass sie Philosophie studiert hat. Dabei geht es erstaunlich wenig um Sex. Die Autorin sagt: „Mein Hauptthema ist: Was heißt es, jetzt gerade am Leben zu sein? Wie gehen wir miteinander um?“

          Das ganze Sinnen und Sein gilt der ewigen Balz

          In ihrem Buch „Der Tanz um die Lust“, das nächste Woche erscheint (Goldmann Verlag, 14,95 Euro), stilisiert Ariadne von Schirach Sex und Liebe zum Dreh- und Angelpunkt einer ganzen Generation. Dabei hält die geborene Münchnerin nichts von dem üblich gewordenen Generationengeschwätz. „Ich denke, dass es nur zwei Arten von Leuten zwischen fünfundzwanzig und fünfundvierzig gibt. Solche, die ausgehen, und solche, die nicht ausgehen. Solche, die trinken, feiern, Drogen nehmen, und solche, die es nicht tun“, schreibt sie.

          Sie selbst gehört - natürlich - zur ersten Gruppe und - natürlich - spielt ihr Buch in Berlin-Mitte, denn wo sonst können sich aufgebrezelte, szenebewusste Berufsjugendliche so hartnäckig die Nächte um die Ohren schlagen, ohne je mit der Realität in Konflikt zu geraten. Nie kämpft „König Gunter“ mit Müdigkeit. Nie muss „SusiPop“ einen Zwölfstundentag durchstehen oder die Ich-Erzählerin aus Geldnot auf ihren fünften Wodka verzichten. Das ganze Sinnen und Sein der Protagonisten, die aus dem privaten Umfeld der Autorin destilliert sind, gilt der ewigen Balz.

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