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„Der Tanz um die Lust“ : Sex als Gebet

Ariadne von Schirach trinkt jetzt Grasovka mit naturtrübem Apfelsaft, einen Longdrink, der den Mädels in ihrem Buch - in entsprechender Menge - eine hysterische, zum Mythos gerinnende Partynacht beschert. Dazu raucht sie blaue Gauloises. Ihre Hände kritzeln den Kosmos ihrer Gedanken in die Luft.

„Mir ist eher das Erotische wichtig“

Wie fühlt es sich an, ein Buch zu veröffentlichen, durch das die Familie vom eigenen Life Changing Sex erfährt? „Das war für mich überhaupt kein Problem. Mein Vater hat das ganze Buch gelesen und korrigiert. Ich würde davon sicher nicht erzählen. Aber aufschreiben ist etwas anderes.“

Sind Sie in einer festen Beziehung? „Es gibt da jemanden, sagen wir mal so.“

Wer ist „Mulan“, dem Sie Ihr Buch gewidmet haben? „Das ist ein Geheimnis.“

Warum? „Einfach so. Ich liebe das Geheimnis. Außerdem gibt es eine Grenze, wenn man ein so privates Buch geschrieben hat.“

Wie wichtig ist Sex in Ihrem Leben? „Ach, der hat irgendwie den guten Platz, der ihm zusteht. Aber mir sind viele Dinge wichtig. Ich bin nicht so die klassische Jägerin. Mir ist eher das Erotische wichtig, ein verführerisches Verhältnis zur Welt. Ganz persönlich bin ich der Meinung, dass Sex immens besser wird, wenn der Akt etwas bedeutet, wenn Liebe dazukommt.“

Und woher nehmen Sie in Ihrem Alter die Dreistigkeit, einer beziehungsverwirrten Gesellschaft einen Ratgeber zu schreiben? „Das war immer mein Legitimationsproblem“, antwortet Ariadne von Schirach. Sie setzt nach: „Und es ist eher eine Analyse.“

Selbstironie zählt zu ihren Stärken

Das genau ist ihr Motor. Sie ergötzt sich an Begriffen und liebt es, der Welt Strukturen abzulesen. Man kann sich vorstellen, wie Ariadne von Schirach in derselben Eckkneipe mit Freunden sitzt oder morgens um fünf in einer coolen Bar am Tresen hängt und redet, redet, redet.

„Ich lese so viel. Mein Weltzugang ist das Wort, in allen Formen. Lesen, Denken, Theoretisieren. Schlimm! Eine Plage! Mit zu viel Alkohol!“ Selbstironie zählt zu ihren Stärken. Drei Bücher die Woche, seit Jahren schon. Sie verehrt Simone de Beauvoir, Walter Benjamin, Foucault, Houellebecq. Aber sie verschlingt auch Krimis und Fantasy: „Das ist mein Fernseher, das, was mich runterbringt.“

„Ein Buch, in dem zehn Bücher drin sind

Im Herbst 2005 veröffentlichte Ariadne von Schirach einen Artikel im „Spiegel“, der für Furore sorgte, Literaturagenten neugierig machte und ihr so den Vertrag für ihr Debüt verschaffte. Der Artikel konzentrierte sich auf das Dilemma des weiblichen Begehrens in einer pornographischen Gesellschaft, und bis der Text gedruckt wurde, so die Autorin selbst, „habe ich das ungefähr achtmal umgeschrieben“.

Über ihr neues Werk sagt sie: „Es ist ein Buch, in dem zehn Bücher drin sind.“ Sie greift einen Strauß an Debatten auf: vom Wir-wollen-nicht-erwachsen-werden übers Online-Dating hin zur Technisierung des Alltags und Geschlechterfragen. Ihr Artikel von einst ist überzeugender, weil er stringenter ist. Ariadne von Schirach lächelt unbeeindruckt. Das Interview ist vorbei, sie hat einen doppelten Wodka bestellt. Ihr Buch sei eben „total barock“, sagt sie fröhlich. „Es ist ein wesentlich authentischeres Abbild davon, wie mein Hirn funktioniert.“ Das ist der persönlichste Satz des Abends.

Ein wildes Kind

Fragt man Ariadne von Schirach, Jahrgang 1978, nach ihrer Biographie, antwortet sie druckreif: „Ich bin in München geboren und aufgewachsen, mit elf Jahren trennten sich meine Eltern, und ich kam ins Internat. Ich war ein sehr eigenwilliges, anarchistisches Kind und bin mit 14 aus dem Internat geflogen wegen Blasphemie und Drogen. Ich habe im Gottesdienst gepöbelt und die anderen Mädchen zum Trinken animiert, sagten sie damals. Danach war ich noch mal auf einem Internat und bin wegen Kiffens geflogen. Ich war ein wildes Kind, trotzdem immer gut in der Schule. Aber auch belastet durch die Trennung meiner Eltern; ich habe sicher schon damals nach Betäubung gesucht.“

Anschließend: Abitur in München, wo sie bei ihrem Vater lebt und Philosophie, Psychologie und Soziologie zu studieren beginnt. Mit Anfang Zwanzig geht sie nach Berlin, jobbt, macht Praktika, verbringt einige Zeit im Ausland. Ihr nächstes Projekt: Die Magisterarbeit, eine Abhandlung über die Performance-Künstlerin Nikki S. Lee.

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