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Heinz Rudolf Kunze : „Ich bin als Kleinbürger geboren“

„Ich überrede die Leute zu gar nichts, ich sage ihnen, was mir auffällt in der Welt“: Kunze zu Hause, in der Nähe von Hannover. Bild: Daniel Pilar

Für Heinz Rudolf Kunze ist Deutschland ein schwieriges Vaterland. Im Interview spricht der Musiker über Herkunft, Brillen, pädagogische Absichten und „Dein ist mein ganzes Herz“.

          8 Min.

          Heinz Rudolf Kunze empfängt in seinem Arbeitszimmer, zwei großen, kapellenhaft hohen Räumen im zweiten Stock seines Hauses in der Nähe von Hannover. Keyboards, eine Ansammlung von Gitarren, viele CDs, viele Bücher. SEHR viele. Zudem Fotos von Dylan und Edgar Allan Poe. Er wirkt sehr entspannt, aber konzentriert, raucht Zigarillos. Nach dem Gespräch wird er mit seinem Hund Oskar spazieren gehen.

          Bertram Eisenhauer

          Verantwortlich für das Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Herr Kunze, „Deutschland“ haben Sie Ihr neues Album genannt. Kann man das heute ernsthaft machen?

          Na, Sie sehen es ja.

          Ja, aber für mich klingt das so nach Manifest, nach SPD-Parteitag circa 1972, und das von einem Liedermacher, der doch immer mehr das Unerwartete gepflegt hat.

          Für die SPD fehlt aber noch „sicher und sozial“ (lacht). Das Album hatte lange einen anderen Arbeitstitel, und dann kam mir das Lied „Deutschland“ in den Sinn. Das ging mir schon häufiger so, dass ein Lied ein Nachzügler ist. Das passte auch als Titel für das Album, weil es dort darum geht, wie ich mich in diesem Land fühle und als Kind fühlte. Also dachte ich: Alter, wenn du schon so einen Titel hast, das ist ein Aufschlag, das ist eine Ansage. Zu diesem Wort müssen sich die Menschen verhalten.

          Sie hatten vor vielen Jahren schon mal einen Song, der „Deutschland“ hieß – allerdings mit dem ironischen Zusatz „Verlassen von allen guten Geistern“. Er enthielt die Zeilen: „Ich möchte eine Heimat haben. / Ist denn das zu viel / verlangt von diesem Fleck, / auf dem ich stehe?“ Empfinden Sie das immer noch so?

          Ja, das geht mir nicht mehr aus den Knochen. Das fing für mich schon als Kind an, da bin ich oft umgezogen mit meiner Familie. Ich habe nie einen Dialekt annehmen können, weil ich immer schon wieder weg war. Ich beneide jeden Menschen um einen Dialekt, wenn er einen hat. Mir war es nicht vergönnt.

          Ist Deutschland ein schwieriges Vaterland?

          Ja, natürlich, und das bleibt es auch. Ich glaube nicht, dass ich es noch erlebe, dass Deutschland gelassener wird. Das heißt nicht: geschichtsvergessen. Nein. Es ist wichtig, dass die Deutschen sich an ihre Geschichte erinnern. Aber es wäre doch schön, wenn die Deutschen irgendwann so weit kämen, von sich selbst so zu denken, wie es die Franzosen oder Engländer tun. Eben gelassener. Was mich immer wieder aufregt, ist dieser Extremismus der Gefühle. Da heißt es im Herbst vier Wochen lang, wir machen Willkommenskultur, und acht Wochen später heißt es: Alle wieder weg. Ich finde es sehr humanistisch und gut gemeint, dass Frau Merkel sagt: „Wir schaffen das.“ Besser hätte ich es gefunden, sie hätte gesagt: „Schaun wir mal, wie viel wir schaffen.“

          Sie sind in einem Flüchtlingslager geboren, sind aber kein „Vertriebener“, trotz eines Ihrer Songs, der das behauptet.

          Meine Eltern waren Vertriebene – aus dem Teil Polens, der mal zu Deutschland gehörte. Mein Vater war lange in russischer Kriegsgefangenschaft. Beide gingen dann nach Westdeutschland – als Einzige von allen Kunzes übrigens. Alle anderen Verwandten lebten in der Ecke Guben, Eisenhüttenstadt, Cottbus. Und ich wurde zufällig in einem „Lager für Spätaussiedler“ in Westfalen geboren, 1956, wo mein Vater Arbeit gefunden hatte, habe dort aber nur wenige Monate verbracht. Meine Eltern haben mir immer das Gefühl gegeben, sie sind im Exil. Wir haben viele Umzüge gemacht, aber egal, wo wir wohnten, überall hingen die Bilder aus der alten Heimat. Das hat mich schon auch geprägt. Sie haben immer gesagt, wenn das wieder möglich ist, gehen wir zurück, aber später, als die Mauer gefallen war, waren sie dafür zu alt, und es fehlte ihnen die Kraft. Aber wir haben viele Urlaube in der DDR gemacht, die war mir alles andere als fremd. Fast alle meine Schulferien habe ich bei meiner Oma in der Nähe von Ost-Berlin verbracht.

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