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Heinz Rudolf Kunze : „Ich bin als Kleinbürger geboren“

Nein, ich war mir nicht sicher, ob ich es überhaupt machen sollte. Als wir das Lied aufgenommen hatten, fragte ich den Produzenten: Kann ich so was bringen? Und er sagte: Junge, mach mal. Das wird ein Hit.

Als ich Sie mit dem Lied in der „ZDF Hitparade“ sah, dachte ich mir: Was macht der Kunze denn da?

Aber wir waren fast alle da: Trio, BAP.

Haben Sie damals Fans verloren?

Sicher. Aber für jeden verlorenen habe ich zehn neue gewonnen.

Und heute? Sind Ihre Fans vor allem Leute, die Sie schon lange begleiten?

Viele sind mit mir älter geworden. Aber man kann nicht erwarten, dass alle Zuhörer 34 Jahre mit einem gehen. Aber es gibt einen großen harten Kern, der lange, lange, lange dabei ist. Es gibt auch Späteinsteiger und Junge, aber das ist nicht die Mehrheit.

Wollen Sie den Leuten was mitteilen?

Ja, aber bitte das „mitteilen“ richtig verstehen: Ich überrede die Leute zu gar nichts, ich sage ihnen, was mir auffällt in der Welt. Es gibt bei mir keine pädagogischen Absichten, keinen Zeigefinger. Ich weiß nicht, wie das Wort in Zusammenhang mit mir jemals gebraucht werden konnte. Ich habe, glaube ich, gar keinen Zeigefinger. (Grinst.)

Sie sind seit drei Jahrzehnten im Geschäft. Wie haben Sie sich verändert?

Ich glaube, ich bin gelassener geworden. Das hat viel mit meiner zweiten Frau zu tun, die sehr entspannend auf mich wirkt.

In Ihren frühen Alben kamen Sie einem schon hin und wieder wie ein zorniger junger Mann vor.

Ja, und es gibt immer noch viele Dinge, die mich aufregen. Bin ich eben ein zorniger alter Mann, was soll’s.

Woran, um einen Ihrer Songs zu zitieren, haben Sie sich noch nicht gewöhnt?

An den deutschen Schlager zum Beispiel.

Wieso?

Weil er die furchtbarste Form von Popularmusik auf der Welt ist.

Was noch?

An Dummheit. Vor allem die selbstverschuldete. Man kann viel wissen, wenn man will.

In Ihrem Lied „Bestandsaufnahme“ heißt es über Musiker: „Sind sie denn wirklich schon so abgrundtief gesunken, / dass sie es nötig haben, hier zu konzertier’n?“ Haben Sie Angst, man könnte Ihnen irgendwann mal die gleiche Frage stellen?

Wenn wir in kleinen Ortschaften spielen, fragen Leute manchmal: Habt Ihr es nötig, hier aufzutreten? Ich finde das merkwürdig. Ich frage dann zurück: „Was habt ihr denn gegen euer Delmenhorst?“ Es ist heute auch nicht mehr so wie zu der Zeit, als ich angefangen habe; es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Provinz und großer Stadt. Die Leute in Uelzen wissen alles, was die Leute in Berlin wissen.

Mal daran gedacht, das Brillenmodell zu wechseln?

In den späten achtziger Jahren hatte ich mal so Tigerfellmodelle und Elton-John-Absurditäten, aber die haben sich nie lange gehalten.

Was würden Ihre Klassenkameraden heute sagen zu dem Weg, den Sie genommen haben?

Ende der achtziger Jahre hatte ich einen Auftritt in der Stadthalle Osnabrück, und nachmittags auf der Straße traf ich jemanden aus meiner alten Schule. Der guckte mich an und sagte: „Ich fasse es nicht. Du hast es wirklich getan. Du warst früher der kleine, blasse Junge mit der Kassenbrille, den niemand beachtet hat. Und du bist Rockstar geworden, und ich bin beim Finanzamt.“ Er war in der Schule nämlich der Feger gewesen, der Aufreißer. (Lacht.) Kleine Rache. In der Oberstufe war von mir bekannt, dass ich gerne Musiker werden wollte. Und er war sehr nett, aber ein bisschen Wehmut war auch dabei.

Wie hätte Ihre Mutter Sie beschrieben? „Er kann manchmal ein bisschen...“ – was sein?

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