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Der Künstler und sein Auto : „Der erste Strich hat mir auch wehgetan“

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Rückspiegel-Optik: Luzius Ziermann auf einer Straße beim hessischen Gelnhausen mit seinem bemalten Oldtimer Bild: Wohlfahrt, Rainer

Alexander Luzius Ziermann macht normalerweise Kunst mit Rückspiegeln. Nun hat er einen Jaguar E-Type angemalt. Im Gespräch verrät er, warum er das nicht für verrückt hält und wie intim die Beziehung zu seinem Auto ist.

          Herr Ziermann, Sie haben einen weißen Jaguar E-Type bunt angemalt. Sind Sie eigentlich verrückt?

          Irgendwann einen Jaguar zu haben war schon vor zehn Jahren mein Traum. Nur eigentlich brauchte ich kein Auto, ich habe einen Smart, der reicht vollkommen. Aber auf der Fahrt von einer Kundin von Brüssel zurück nach Frankfurt, auf dieser ewigen Geraden bei Lüttich, da dachte ich mir: Na klar machst du das, du malst die Kiste an. Ich kann nur ein Kunstobjekt daraus machen.

          Hätte es nicht auch ein anderes Auto sein können?

          Das haben mich meine Freunde auch gefragt. Ich hätte auch einen alten Mazda bemalen können, aber das ist nicht witzig. Ich will das Auto nicht zerstören, aber man kann diesen Reizpunkt nur setzen, wenn man eines der schönsten Autos, die je gebaut wurden, verziert. Der erste Strich hat mir aber auch wehgetan, das gebe ich zu. Aber das musste ich einfach machen.

          Wann haben Sie damit angefangen, das Auto zu bemalen?

          Der Jaguar gehört mir seit dem 4. September, dann habe ich aber erst mal noch zwei Wochen auf die Oldtimer-Zulassung gewartet, bevor ich gepinselt habe, damit auch nichts dazwischenkommt. Bis ich richtig angefangen habe zu malen, war’s dann Anfang Oktober.

          Und Sie pinselten dann in Ihrem Hof oder der Garage oder wie?

          Nein, über Freunde habe ich eine Lackiererei in Gelnhausen gefunden, die sieht aus wie eine Formel-1-Werkstatt, glatter Beton, picobello sauber. Der Besitzer hat mich dann noch sehr nett beraten, welche Farben ich benutzen sollte, Acryl nämlich.

          Wie lange hat das gedauert?

          Ich habe gedacht, ich würde an einem Nachmittag fertig. Aber in der Zeit hatte ich dann bloß eine halbe Stoßstange abgeklebt. Das lief zuerst nicht ganz so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Aber ich war dann nach 12 Tagen fertig.

          Zwölf Tage lang arbeitete Ziermann an seinem Kunstwerk in einer Lackiererei in Gelnhausen - viele halten seine Spiegel für Luft- und Schaumblasen. Bilderstrecke

          Kunst als Fulltime-Job?

          Geht so, die anderen fangen da an um halb acht, ich war natürlich nie vor zehn, halb elf da, ich muss ja auch was für mein Künstler-Image tun. So früh zu arbeiten, wer glaubt denn das? Da liege ich doch noch mit Rotwein im Bett.

          Wann wussten Sie, dass Ihr Kunstwerk fertig ist?

          Irgendwann muss man entscheiden, dass es fertig ist. Sonst macht man es kaputt. Mehr als fünf Stunden am Tag konnte ich auch nicht daran arbeiten. Man muss immer mal ein paar Schritte zurücktreten, auch gedanklich, um Abstand zu seiner Kunst zu bekommen.

          Wie reagieren die Leute auf Ihr Auto?

          Meine liebste Freundin Birgit hat zuerst gesagt „Ich steige nicht in diese bemalte Kiste“, jetzt ist sie der größte Fan. Bis auf ein paar grummelige Rentner bekomme ich unglaublich viel Zustimmung auf der Straße, vor allem Kinder sind begeistert. Ich werde sogar auf der Autobahn aus fahrenden Autos fotografiert. Eine Ladenbesitzerin sagte, ich solle vor ihrem Geschäft parken, es mache sie glücklich, das Auto zu sehen.

          Sie können mir nicht erzählen, dass es da keine Gegner gibt.

          Kurioserweise sind die alle verstummt. Im Vorfeld hatten viele Bedenken, einige sagten „Du zerstörst die Form“ oder „Du verschandelst ein Auto“, aber jetzt sind selbst die Oldtimerfreunde von dem Auto begeistert. Aber ich weiß natürlich nicht, was hinter meinem Rücken geredet wird.

          Nun sind Sie seit Jahren besessen von Autospiegeln, Sie haben in Verona genauso wie auf Lanzarote Kunstwerke mit Spiegeln installiert. Jetzt haben Sie Spiegel gemalt, erkennen die Passanten denn, was die Kreise symbolisieren?

          Nein, die meisten denken, es seien Luftblasen oder Schaumblasen, oder sogar Tierfell. Das macht aber auch nichts, die Leute spüren das, das ist das Wichtige. Ich signiere Landschaften, um für die Betrachter ein Bewusstsein zu schaffen, wie wertvoll das ist. Das war in der Arena in Verona genauso wie jetzt mit dem Auto. Das zeige ich anhand besonders schöner Objekte.

          Der Schritt zurück zum Auto wirkt da konsequent.

          Ja, aber darum geht es gar nicht in erster Linie, sondern um die Form. Um die Ikone, die dieses Auto verkörpert. Dass es zufällig auch Spiegel hat, war für mich nicht entscheidend. Sonst hätte ich auch irgendein Auto nehmen können.

          Hier in Ihrem Wohnzimmer haben Sie eine Wand mit den gleichen Farben und Formen verziert wie den Jaguar. Was war denn zuerst da?

          An Wänden arbeite ich damit schon länger, auf die Idee bin ich mal gekommen, als ich für eine Bewerbung für ein Kunstprojekt eine Kiste mit Kreisen verziert habe, die wie Rückspiegel aussehen. Der Jaguar ist aber das erste fahrende Kunstwerk, eine sich bewegende Installation, die das Licht zurückstrahlt, dafür stehen die Spiegel ja.

          Von denen kommen Sie nicht mehr los, oder?

          Nein, das ist mein Projekt, Luzius ist „der aus dem Licht geborene“, meine Kunstaktionen mit Spiegeln verkörpern das.

          So ein Auto ist ja auch fahrende Werbung, steht da eigentlich irgendwo Ihr Name drauf?

          Nein, wenn da eine Homepage-Adresse oder so etwas auf der Fensterscheibe klebt, ist das doch nur peinlich. Signieren müsste ich das Auto schon noch. Aber ich habe auch jetzt durch den Jaguar eher zu viel zu tun als zu wenig. Da sind schon einige Aufträge für Bilder reingekommen.

          Viele Männer haben ja eine besonders intime Beziehung zu ihrem Auto, ist das bei Ihnen genauso?

          Ich rede mit dem Jaguar, und er hört auf den Namen ET.

          Wie das Alien, das nach Hause telefonieren will?

          Ja, schon, aber der Name kommt vom „E-Type“. Aber bitte nicht verklagen, Steven Spielberg: Von vorne sieht er auch ein wenig so aus.

          Kehren Sie irgendwann zur Kunst mit richtigen Rückspiegeln zurück?

          Im nächsten Jahr installiere ich die „Signatur des Lichts“ in einem Lavendelfeld in Südfrankreich und auf dem Markusplatz in Venedig – passend zur KunstBiennale.

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